In der Schweiz lebte er mit seiner Familie weiter wie bisher. Er erzählte niemandem etwas, kaufte kein neues Auto. Die Wohnung blieb so schmucklos und karg eingerichtet, wie sie immer schon war. Die einzige kleine Sache, welche auf den Millionengewinn hätte hinweisen können, waren die teuren T-Shirts seiner Kinder. Da aber kaum jemand im Quartier diese Modemarke kannte, hätten die Kleidungsstücke auch aus dem Brockenhaus sein können.
Nach Abzug der Steuern blieben ihm noch ca. 650’000 Franken, eine Riesensumme in seinem Herkunftsland, wo neunköpfige Familien mit 400 Euro oder noch weniger im Monat auskommen müssen.
Er gehört nicht zu den Lottomillionären, die bereits nach kurzer Zeit verarmen.
In seiner fussballverrückten Heimat liess er ein Fussballstadion mit verschiebbarem Dach und Läden und Restaurants im Mantel bauen.
Er vermietet es zu einem günstigen Preis an Sportclubs, auch Hochzeiten und andere Grossanlässe finden darin statt. Das Stadion ist immer ausgebucht – ein voller Erfolg.

Die Kleinkrähen und ihre Eltern verbrachten einen Teil der Frühlingsferien bei ihren skipetarischen Verwandten im Dorf. Dieses liegt in einer abgelegenen Gegend an der Grenze zu Montenegro und Albanien. Erwerbsarbeit ist rar und man ist froh, dass von der neunköpfigen Mehrgenerationenfamilie einer Arbeit hat. Blerim verdient in einer Fensterfabrik ca. 300 Euro im Monat. Dazu kommt noch eine Familienzulage von 70 Euro. Obwohl sich die Familie zum grossen Teil selbst versorgt, bleibt für die bescheidensten Zusatzwünsche (z.B. ein ausländischer TV-Kanal zum Fussball schauen) absolut nichts übrig. Mit materiellen Gütern werden die Kinder nicht verwöhnt, aber es fehlt ihnen nicht an Zuwendung und Fürsorge seitens der Eltern und Grosseltern.

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Yola im Vollmond

Nach ausgiebigen Anproben hatte Yola ihren Panzer gegen ein kleines Grünes eingetauscht. Schick und schlank sehe sie aus, fanden ihre Freunde. Aber in der Nacht lag Yola lange wach. Statt wie gewohnt mit einem Dach über dem Kopf, fühlte sie sich klein und schutzlos unter dem weiten Himmel mit Vollmond.
(Kessler, Siglint: Yola erfüllt sich ihren Wunsch, ISBN 9783794145911)

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Ostereier auf rotem Reis

Wieder einmal mit allem im Verzug!
Der Beitrag zum Vollmond blieb liegen, weil magenverstimmte Kleinkrähe Zuwendung mit Haferschleim brauchte und auch die Ostergrüsse erscheinen etwas knapp. Daran ist die Stunde schuld, die mir durch die Umstellung zur Sommerzeit fehlt. Letzte Nacht hatte ich – im Hintergrund einen alten Wallander und dann einen wiederholten Beck – Schoggi- und Marzipaneier, Paninibilder, Glückskleetöpfchen, Comics und Osterhennen aus Milchschokolade in der Wohnung versteckt.
Als schliesslich der Ostertisch …

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Als ich noch jung war, hasste ich besonders Einladungen zu Hochzeiten. Damit entfachte ich manch heftigen Familienstreit, denn ich galt als lustig, ja sogar als witzig und – ehrlich gesagt – niemand konnte Hochzeitsgedichte in Berndeutsch unterhaltsamer vortragen. Die Verse verfassten Bertha, die Frau des Dorfkäsers oder ein anderer Auftragsschreiber aus dem Bekanntenkreis. Was sie nicht ohnehin schon über die Paare und ihre Familien wussten, notierte man in Stichworten auf einem Zettel. Und pünktlich zu den jeweiligen Hochzeiten war das passende Gedicht fertig.

Die folgende Auswahl aus 19 Strophen für das Brautpaar Rosa (Arztgehilfin) und Fritz (Bauer) soll den Leserinnen und Lesern dieses Blogs nicht vorenthalten werden:

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Heute sind in meiner Tageszeitung ca. 56 Männer und 8 Frauen abgebildet (TV Programm nicht mitgezählt).
Vor vier Jahren waren es 36:9.

Zum Ausgleich hier ein paar Fotos aus meinem Archiv:

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Nachdem ihr ID-Ausweis geprüft worden ist, befestigt sie das Schild mit dem Aufdruck “Bibliothek” seitlich an ihren Gürtel. Heute bekommt sie neben dem Schlüssel für Lift und Treppenhaus vom Wachmann ein schwarzes Telefon. Viel lieber hätte sie ein blaues, aber im Moment ist keines frei. Das bedeutet, dass der Arzt oder der Psychologe im Haus ist.
Im Gegensatz zum blauen darf man das schwarze Telefon nicht legen, nur stellen. Beim Legen geht gleich der Alarm los. Das Telefon meint dann, dass der Benutzer/die Benutzerin auch liegt, im schlimmsten Fall auf dem Boden – niedergeschlagen von einem Insassen.
Als sie den schwarzen “Knochen” das erste Mal ausgehändigt bekam, legte sie ihn ahnungslos auf den Schreibtisch. Ohrenbetäubendes Schrillen! Wie, wo, was drücken? Sie stürzte durch die Gänge, lief mit dem Ungetüm ins obere Stockwerk. Auch hier menschenleer. Endlich erlöste sie ein Aufseher aus ihrer Bedrängnis, indem er einfach zum Telefon sagte: “Fridu us em Zwöite – Fäualarm vo dr Bibliothekarin.”

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Der Pfirsichbaum steht krumm und knorrig da, gebeugt unter der Last der Früchte. Es ist überhaupt ein fruchtbares Jahr: Aprikosen, Kirschen, Äpfel – alle Bäume tragen so viel wie sonst nie.
Ich denke an die Laboranten, die ins Dorf marschierten und Proben von unserer Ernte nehmen wollten. Sidorow gab ihnen stolz seine Monsterzucchini, Lenotschka reichte die Hühnereier über den Zaun, Marja brüllte spöttisch: “Na klar, ich werde jetzt gleich aufstehen und für euch meine Ziege melken, sonst noch was?”, und ich liess die vermummten Gestalten schulterzuckend auf mein Grundstück, sie sollten sich zusammensuchen, was sie wollten. Schliesslich mussten sie ihre Arbeit tun.
Beim ersten Mal öffnete ich für sie ein Glas eingelegter Pilze, weil ich sie wie Gäste behandeln wollte. Sie gabelten einen Pilz auf und steckten ihn in ein Gefäss mit Schraubendeckel. Meine Tomaten fassten sie mit Gummihandschuhen an. Bei den nächsten Malen liess ich mein Eingemachtes im Regal.

Aus: Bronsky, Alina : Baba Dunjas letzte Liebe, Köln: Kiepenheuer und Witsch, 2015, ISBN 978-3-462-04802-5

In dieser Geschichte kehrt Baba Dunja als Greisin zurück in die Todeszone, in ihr verstrahltes Dorf Tschechowo, in ihr von verrückten Spinnennetzen ausgefülltes Haus, versorgt sich selbst mit Beeren, Gemüse und Früchten aus ihrem verstrahlten Garten.

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Mond in der Toscana

Pinocchio bittet um einen Platz auf dem Wagen ins Schlaraffenland.
Er wird dieses nach fünf Monaten Nichtstun und Vergnügen als Esel verlassen.

Colodi, Carlo: Pinocchios Abenteuer, Aarau : Sauerländer, 1986
Illustriert von Roberto Innocenti

Eine verwitwete Seniorin zur anderen, die gerade Witwe geworden ist:

“I ha dir no mis härzleche Bileid wölle usspräche.
I ha ke Charte gschribe.
Eigentlech schribeni überhoupt nüt meh.
Scho sit vierzg Jahr hani nid es Mau öppis ungerschribe.
Es isch mer eifach verleidet.
Sogar d’Amäldig für d’Klassezämekunft hani ihm ggä.
Är het de ds Formular usgfüllt.
Woni no ha ungerschribe, isch es ihm nie rächt gsi.
Entwäder hani z’fescht nach links gschribe oder z’vil nach rächts.
Mängisch isch ihm d’Ungerschrift z’höch obe gsi oder z’töif unger.
Wenis mit em Platz bpreicht ha, de het är gseit:
‘Die blöde ä-Zeiche u i-Tüpf wo du gäng machsch.’”

Als Kind hatte ich wenig Ahnung vom “Ausland”. Das Ausländischste, das ich kannte, waren die zahlreichen Kinder des niederländischen Predigers Wim Malgo. Meine Tante, eine eifrige Jüngerin des Gottesmannes, brachte ein paar von ihnen manchmal zu uns auf den Bauernhof.
Anfangs der 60er Jahre wurde ich dann selber “Ausländerin”. Immer noch mit wenig Ahnung machte ich mich damals auf die Reise nach Israel, um als Volontärin in einem Kibbuz zu arbeiten. Ich hatte alles selber organisiert. (Es gab damals noch keine Anbieter für freiwillige Arbeitseinsätze in Kibbuzim.)
Im Hafen von Haifa wurde ich von einem Israeli abgeholt, der ursprünglich aus der Schweiz stammte. Dudel machte mir gleich klar, dass es morgen schon zu Ende sei mit Schweizerdeutsch und ich gleich jetzt mit der neuen Sprache anfangen könne: “Wosch e Miz tapussim, e Miz tapuchim oder lieber e Miz eschkolioth?” fragte er im Restaurant. Ich entschied mich für den Miz tapussim und bekam Orangensaft.

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3rd, female: Wo ziehen sich die Eltern zurück, wenn die Kinder blöd tun?
2nd, female: In die Badewanne?
1st, female: In den “Sturm der Liebe”??

Antwort:

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Geissens

Aus: Der Wolf und die sieben Geisslein – Ein Märchenbuch nach Grimm von Felix Hoffmann, Verlag Sauerländer, 1984

Die Geisslein hatten dem bösen Tier den Bauch mit so viel Rumpelsteinen gefüllt, wie sie hinein bringen konnten. Dann nähte die alte Geiss den Bauch in aller Eile wieder zu.
Was dann geschah, wissen wir. Die Geisslein schliefen trotz Vollmond ruhig und tief. Die alte Geiss räumte Schere und Zwirn weg – griffbereit – denn man frau konnte nie wissen.

Es schneit aus grauem Himmel. Ich begleite die Enkelkinder vor die Haustür. Obwohl es um 07:10 Uhr noch finster ist, joggeln die beiden aufgeräumt zur Schule. Der Hausmeister schiebt den Schnee von den Gehwegen.
Gerade kommt mir in den Sinn, dass wir dieser Tätigkeit früher je nach Gegend “treibe” oder “triibe” (mit offenem i) sagten. Wahrscheinlich von “Treibi” (Spur) abgeleitet. Ich nehme die Zeitung aus dem Briefkasten.
Während ich in den 16. Stock fahre, erinnere ich mich an die Winter meiner Kindheit. Oft lag morgens Schnee bis über die unteren Fensterscheiben. Die Eltern standen dann noch früher auf als gewöhnlich, um den steilen Weg bis zur Gemeindestrasse frei zu schaufeln, damit wir zur Schule gehen konnten. Dass man im warmen Klassenzimmer auftaute und sich unter dem Stuhl eine Schneewasserpfütze bildete, war unangenehm, aber für die auswärtigen Schülerinnen und Schüler normal. Wollstrümpfe und Schihosen aus dickem Loden sogen unendlich viel Nässe auf. Wer im Dorf wohnte, sass trocken auf dem Stuhl. Auf dem langen Heimweg gefroren die feuchten Kleider dann wieder, und ihr Auftauen, diesmal ohne Kind, fand über dem Sitzofen aus Sandstein statt. So ging es den ganzen, langen Winter über.

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Fatmire, eine der vielen Grossmütter im Block, erzählt, wie es kam, dass ihr Sohn Mergim seinen Namen nicht liebt.

Es sind schon einige Jahrzehnte her, dass ihr Mann einen Nachbarjungen aufs Feld mitnahm. Nachdem er dem Buben etwas zu essen gegeben hatte, hiess er ihn am Rand des Ackers sitzen zu bleiben und zu warten, bis er mit der Arbeit auf dem Mähdrescher fertig sei. Man ahnt es schon: das Kind geriet unter die Maschine und starb. Der Mann wollte nur noch ins Gefängnis. “Bitte, bitte, sperrt mich ein!” Er wurde aber von der Polizei bald nach Hause geschickt. Es war ein schrecklicher Unfall. Wie konnte man diese Schuld abtragen? Fatmire bekam Zwillinge, zwei Knaben. Einer wurde nach dem Toten Mergim benannt. Nach wenigen Monaten wurde Mergim krank. Weit und breit kein Spital, kein Arzt. Auch dieser Mergim starb. Das Ehepaar spielte mit dem Gedanken, den zweiten Zwilling umzubenennen, verwarf aber dann schuldgepeinigt den unüblichen Schritt. Fatmire bekam noch einmal einen Jungen, der – welch ein Glück – ein grosser und starker Mergim wurde.
Mergim möchte gerne anders heissen.

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