Umgraben

Wenn der Glockenturm im Quartier “Im Märzen der Bauer die Rösslein …” spielt, ist es höchste Zeit, auch zu graben und zu rechen.
Nicht nur die Melodie des Glockenturms ermahnt mich, den rechtzeitigen ersten “Spatenstich” nicht zu verpassen. Auch Walter von der Kompostgruppe ruft bei mir an, meldet, dass gerade noch ein “Anhängerli” reifer Kompost für mich als gute Kundin bereit stehe. Die Leute rennten ihm die Walme ein, so begehrt sei dieses Gartengold. Junge aus anderen Quartieren – am Samstag sogar solche aus der Länggasse – seien gekommmen, um Kompost zu kaufen. (25 l à Fr. 2.-).
Ich verteile sorgfältig zwischen Himbeeren, Johannis- und Stachelbeeren, Tulpen, um Rosensträucher, Bäume, und zwischen die leuchtend roten Rhabarber-”Knöpfe”, die Lilien und Pfingstrosen und den noch schlafenden Sonnenhut erhalten auch eine Handvoll. Ob dieses oder jenes den Winter gut überstanden hat? Von den Hosten ist noch nichts zu sehen. Ich lege etwas Reisig über die frisch in die Restkälte gepflanzten Kefen und führe natürlich auch wieder unvermeidliche Gespräche durch den Zaun.

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Meine Pflegetochter ist wirklich unglaublich: sie lernt schnell, ist fleissig und zielstrebig, oft auch lustig, hat Humor. Sie ist eine genaue Beobachterin, eine Kennerin sämtlicher alten amerikanischen Filme, ist eine ausgezeichnete Erzählerin, aber auch eine raffinierte Schwindlerin. In der Politik und Geografie ihres Landes kennt sie sich bestens aus. Spätere Berichte von Journalisten aus dieser Kriegsregion bestätigen das. Nach etwas mehr als einem Jahr in der Klasse für Fremdsprachige kann L. in die Sekundarschule übertreten. Zwar schläft sie immer noch nicht im Dunkeln und klagt oft über Bauchschmerzen, aber L. hat schwimmen gelernt, kann nun Rad fahren, versucht sich auf dem Snowboard, geht regelmässig ins Bauchtanzen. Inzwischen spricht sie deutsch, ihre achte Sprache. Sie liest und zeichnet gerne, freut sich an ihren neuen Kleidern, ihrem eigenen Zimmer und geniesst es, am Wochenende mit meiner Tochter in den Ausgang zu gehen.
Nach und nach wird aus meiner Pflegetochter ein hübsches und fast normales Teeny, welches dauernd am Telefon hängt und einem manchmal mächtig auf die Nerven geht. Längst ist sie ein Mitglied der Familie geworden.

Oft sagen nun die Leute: “Wir hätten L. auch genommen, wenn wir nur gewusst hätten, dass sie einen Platz braucht.” Einige meinen zu wissen, dass ich unter einem Helfersyndrom leide. (Da niemand gerne unter so etwas leidet, warten Scharen von Bedürftigen vergebens auf Hilfe).

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An diesem Wochenende widme ich mich einigen Altlasten. Gut, dass ich dazu heute nur noch Kehrichtsäcke brauche. Steuer- und Bankbelege auf vergilbtem Papier werden rübis und stübis entsorgt. Anders ist es mit den umfangreichen Unterlagen zu einem “Unternehmen”, auf welches ich mich vor 15 Jahren einliess. Ich lese alles noch einmal durch, bevor ich den grössten Teil davon auch in den Abfallsack stopfe und Dateien lösche.
Diesen Beitrag schreibe ich zum heutigen Internationaen Frauentag und als kurzen Rückblick für die jüngeren Familienmitglieder.

Als man Ende der 90er Jahre hier in der Schweiz noch nicht wusste, was mit unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen zu tun ist – weiss man es heute? – nahm ich ein junges Mädchen auf.

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Bretter

Blick aus dem Schlafzimmerfenster um 07:23

Wer sich bis jetzt gegen Bretter vor dem Kopf gewehrt hat, muss spätestens heute klein beigeben: der ganze Block ist rundum eingerüstet bis hinauf zum 20. Stockwerk. Vier Wochen lang arbeiteten sich Gerüstebauer die Fassaden hoch, schraubten, bohrten, legten Bretter, balancierten mit Eisenstangen immer höher über der Erde – zwar nicht ganz so hoch wie ihre Berufskollegen vor 85 Jahren, aber auch total schwindelfrei.
Noch fehlt das Schutznetz, welches nächstens vor die ganze prächtige Aussicht gehängt werden wird.
Vor einigen Jahren hatte man angefangen, die Hochhäuser hier in Berns Westen zu sanieren. Bei einigen “Objekten” war man sicher, dass ein Abriss kostengünstiger wäre, wäre da nicht der Denkmalschutz.
Nun ist auch unser Block aus den Siebzigern dran: Fassade und Fenster werden erneuert. Im Oktober soll alles fertig sein.
Wir wollen nicht jammern, haben wir doch noch den Wald, den Garten und das Schwimmbad.

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Feldpost von Vater

Nach über siebzig Jahren sind Joggelis Briefe an Hanna verblasst und brüchig geworden. Meine Mutter bewahrte sie in einer goldenen Schokoladeschachtel auf, waren sie doch der Anfang einer Mésalliance, die bis äneuse hielt.

Lausanne, 10.11.1942
Mein Liebes Hanny!
Schnell in paar Worte von mir. Bin am Montag gut gereist, nur viel zu schnell, habe gar nichts gesehen von der Gegend. Der Zug war überfüllt, nur im Postwagen stehen oder auf den Säcken sitzen. Der Drill ist in vollem Gange, sehr streng. Muskelkater bis obenauf, alles muss verdient sein. Ich möchte am liebsten wieder heim zu Dir, Hanny. Bis der Kurs vorbei ist, können wir fast nicht mehr auf den Beinen stehen. Der Oberst hat gesagt, wenn schon alle Muskeln kaputt, auf das Hirn kommt es an, nur den Mut nicht sinken lassen. Die zwei Tage dünken mich schon ein Monat.
Essen gut, aber nicht zu viel, denn ein grosser Bauch würde uns hindern, ein strammer Soldat zu sein. Ich weiss ja nicht ob ich den Kurs fertig mache wegen dem Daumen. Kann vieles gar nicht machen oder mit Schmerzen, aber keine Angst Hanny, ich ducke mich, wo ich kann.
Bist du gesund Hanny? Ich hoffe das Beste für dich und die Deinen.
Will schliessen für dies Mal, schick mir das Postsäckli mit 1 Paar Socken, 1 Hemd. Esswaren brauchst nicht zu schicken, nur einen langen Brief. Kann nicht mehr schreiben, ziemlich kalt und dunkel im Zimmer.

Leb wohl, mein Hanny, ein Kuss von mir.
Joggeli
HD Sdt. Glauser J.
U.O.S. HD Insp. ter 1

Der asiatische Nachbar ist Vater eines Mädchens geworden. Der Hausmeister gratuliert ihm zur Geburt des Kindes.
“Wie heisst sie denn, die Kleine?”
“Vagina”, antwortet der stolze Papa.
In der Regel vermeidet es der Hausmeister, sich in persönliche Angelegenheiten der Blockbewohner einzumischen. Hier sieht er aber dringenden Handlungsberdarf und bittet den Nachbarn in sein Büro. Über “Vagina” lässt sich nicht an der Haustür diskutieren.
Höflich, aber eindringlich erklärt der Hausmeister dem frischgebackenen Vater, was das Wort “in diesem Land” bedeutet und wie geplagt Tochter Vagina mit ihrem Namen spätestens in der Schule wäre. Ja, sogar der Lehrerin könnte es peinlich sein, ihre Schülerin anzusprechen.
“Ich möchte aber einen Namen mit V, denn mein Name beginnt auch mit V”, gibt der Mann zu bedenken.
“Bald ist Valentinstag”, überlegt der Hausmeister, “wie wäre es denn mit Valentina?”

Herr V. wird sich eine eventuelle Namensänderung überlegen.

Anemonen
(Foto: A.P.)

“C., der Optimist mit Lebenserfahrung” schickt Fotos von seinen Enkeln. Die Kinder tummeln sich übermütig auf einer Wiese, feuerrot von Anemonen. Oft fotografiert C. das Meer, den Strand, rauf und runter bei jedem Wetter, die Wolken, die Palmen. Vor den Grosskindern will er sich seine Sorgen nicht anmerken lassen.
Aus seinem Mail vom 09.02.2015:

... es geht ums überleben, nicht nur für uns. persien mit atombombe wird die ganze welt bedrohen. alle stecken ihren kopf im sand und wollen nicht die mahnrufe hören !!!! ...
die juden werden langsam aber sicher europa verlassen, und europa wird stecken bleiben … nicht nobelpreise, sondern hass, ungedult, blut und tod .
heute habe ich gehört, dass england eine sondersitzung im parlament einberufen hat zum antisemitismus.
(In England wurden im vergangenen Jahr 1’168 antisemitische Taten registriert, Zeit online 05.02.2015, blogk)
auch england wird ohne juden weiterleben müssen …
so stehts um “Gottes auserwähltes Volk”. am ende werden alle in Israel sein. warum hat Er nicht jemand anderen ausgewählt??

Am 27. Januar 2015 wurden an diesen Beitrag über 300 Spam-Kommentare angehängt.

Diese “Eistage” mit “gefühlten” soundso Minusgraden machen einem völlig schlapp. Was kann man an solchen Tagen tun, ausser sich antriebslos und hässlich fühlen und den Tauben beim Balkonversch … zuschauen? (Klar lässt man das Pärchen – sie mit weissen Tupfen auf dem Kopf, er mit blaugrüner Schwanzfeder – aus Mitleid auf dem Sims am undichten Küchenfenster übernachten.)
Man schluckt endlich ein bisschen Vitamin D, kramt sogar ein Schüsslersalz aus der Schrankecke, köchelt wie die Urgrossmutter und neuerdings die Hollywoodstars einen Kohlkopf und wartet darauf, dass das Gefühl, sich unter der Hochnebeldecke auch noch die Bettdecke über den Kopf ziehen zu wollen, vergeht.

Nur die Kleinkrähen werkeln munter, verbauen alles vom Zwiebel- bis zum Bügelbrett.

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Als Dank für die vergangene und zukünftige Zusammenarbeit sind die Mitglieder des Quartiervereins zu Glühwein und Selbstgebackenem eingeladen. Der Kindertreff “Nali” stiftet ein Wunschfeuer, welches an einem windgeschützten Platz in einer grossen Wanne brennt. Ab und zu fährt der Föhn trotzdem kräftig in die Glut und wirbelt Funkenregen auf.
Claudia verteilt kleine Papiertäschchen. Kinder und Erwachsene werfen diese nach und nach in die Flammen, hoffen, dass der dabei gedachte Wunsch in Erfüllung gehen wird. “Oh!” Die Briefchen leuchten kurz in Grün oder Rot auf, bevor sie zu Asche zerfallen.
Man wärmt sich die Hände am Feuer und kehrt dann wieder zurück zum Glühwein im Haus. Kurz vor “Aktenzeichen” brechen einige der Älteren auf.
Ich gehe noch ein paar Schritte mit den Nachbarinnen, die mir – ich bin eine interessierte Zuhörerin – von früher erzählen, wie es vor vierzig Jahren war im Quartier. Beatrice lacht und erinnert sich, dass sie als junge schwangere Frau im Baulift über die Hochhausfassade empor in ihre neue Wohnung einzog.
“Gute Nacht, bis spätestens zum Spaghettiessen im Februar!”
Eigentlich ist heute wieder nichts Besonderes passiert, ausser, man würde solche nachbarschaftlichen Treffen als besonders bezeichnen, wo doch das Hochhausleben in der allgemeinen Meinung anonym zu sein hat.

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Garten im Januar

Mit einer Tüte Vogelfutter unter dem Arm gehe ich über den Pausenplatz in den Garten.
Noch haben die Sonnenstrahlen den gefrorenen Boden nicht erreicht.
Zusammen mit Kleinerbub schütte ich frische Kerne in das Häuschen und schaue, dass alles sauber ist.
Nun läutet die Glocke den Unterricht ein, und mein Helfer hüpft ins nahe gelegene Schulhaus.

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... in diesen Tagen.

Nous sommes ...

Je …
tu …
il …
elle …
nous …
vous …
ils …
elles …

Melchor, Balthasar und Kaspar

Gewundert habe ich mich schon, dass wir in der vergangenen “Heligen Zeit” von Journalisten verschont blieben. So wurden an diesem Unort ungestört Brot gebacken, Krippenspiele eingeübt, gestritten, Kerzen gezogen, unerlaubt Abfall deponiert, eben alles getan, was andernorts auch getan wird, obwohl verboten.
Die Finsternuss, wie wir die Dunkelheit um die Klausenzeit herum nennen, wurde von den Adventsfenstern im Maiglöggliweg und von den unzähligen um alles Mögliche geschlungenen Lichterketten erhellt. Üppig blinkte und flackerte es von den Balkonen Kaspar und Balthasar in den buntesten Farben und Religionen – schwebend über allem der Bethlehemstern in der linken oberen Ecke des Blocks an der Melchiorstrasse.
Morgen wird abgeräumt, es bleiben die “weihnächtlichen” Namen der Strassen und des Quartiers. Gerne blättere ich dann auch in den Schriften dieses Historikers, der sich sicher ist, dass das Hebräische seinen Ursprung in Bern hat, was natürlich von den übrigen Historikern als völlig daneben (שטויות) beurteilt wird.
Kann es sein, dass Bethlehem gar nichts mit einem Beth Lehem (Brothaus) zu tun hat, sondern ganz einfach seinen Ursprung im Wort “Bettel” hat, wie hier zu lesen ist? Oder mit beidem?

Er legt sich ins Zeug, zwar ohne Sicht auf Alpen und Voralpen, aber mit Sonnenschein am blauen Himmel, auf Dächern, Gärten und Tannen, dieser letzte Tag des Jahres. Auf den zugeschneiten Sportplatz hat jemand über Nacht gross und schwungvoll den Namen “Nesh” und ein Herz in den Schnee geschrieben gehüpft – kleine Schuhe, akkurat nebeneinander. Von meinem Küchenfenster aus ist das Werk in seiner vollen Grösse zu sehen. Hoffentlich wird die Botschaft irgendwo im Block estimiert;-)

Die Frauen im Orangen-Riesen-Restaurant tragen weisse Blusen mit Glitzerkragen, helfen freundlich, wenns aus der strapazierten Kaffeemaschine nur spärlich tröpfelt. Überhaupt sind die Mitabeiterinnen und Mitarbeiter trotz des grossen Andrangs richtig gut gelaunt. Der junge Mann, welcher das Kaffeeregal auffüllt nimmt die Melodie im Lautsprecher auf “Near, far, wherever you are” ...
“I believe that the heart does go on …” singt der Kollege beim Pfannenregal, dann lachen beide. Welch ein Glück, dass unser Schiff gerade nicht unter geht!

Seit Tagen hirne ich an diesem Blogbeitrag herum, möchte das Jahr auch hier irgendwie abschliessen, habe Freunde und Familie gefragt, was für sie das Schönste, das Schlimmste von 2014 gewesen sei, welche Wünsche sie fürs neue Jahr hätten. Das sei nicht einfach zu sagen ohne oberflächlich zu werden.

Zum Glück gibt es diesen Beitrag, dem wir uns voll und ganz anschliessen können. Danke!

Die ersten Kracher werden gezündet. Es knistert und knattert.

Mit dem übergangslosen Reinschlafen ins neue Jahr wirds wieder nichts, ihr Silvestermuffel!

Viel Gutes im neuen Jahr und denen, welche die wichtigen Hebel in der Hand halten, wünsche ich einen guten Kopf, eine gute Hand und ein gutes Herz!

Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs
von Herzen frohe Weihnachten!

Eis 1

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Fingerhut

Ein Höhepunkt im Leben der versorgten Buben (ca. 1962): das weihnächtliche Theaterspiel. Der junger Lehrer HP. H. engagierte sich in zahlreichen Überstunden und verwandelte sie für einen kurzen Moment in zarte Elfen, links mit Stock der bucklige “Fingerhut” , ...

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