2005


Marzipanstern von Bethlehem

Ein Bethlehemstern für ein Bethlehem-Kind.

Mutter ist kein bisschen dankbar, dass man sie pflegt. Sie schimpft und trotzt, lässt sich nicht waschen, nicht kämmen, verweigert Essen und Trinken. Die Spitex-Frauen verlassen das Haus meist frustriert und rein verrichteter Dinge – aber nicht ohne ein freundliches Wort von Vater.
Letzte Nacht hat meine Schwester Rosy bei der Zornigen gewacht. Sie ist eine erfahrene Altersbetreuerin, lässt sich nicht leicht aus der Fassung bringen und nimmt starrsinnige Menschen als kreative Herausforderung.

Folgendes SMS habe ich um 01:32 von der Nachtwächterin erhalten:

Es geht gut
Müeti ist friedlich
gesungen
getrunken
gesalbt
gelacht
gebiselt
geflucht
gedankt
gekämmt
Vielleicht kommt jetzt der Schlaf.

Aber nein, während es draussen in eine dunkle Nacht schneit, sagt Mutter ein Frühlingsgedicht auf, das sie in der zweiten Klasse gelernt hat:

“D’Amsle uf em düre Ascht
het kei Rueh me u kei Rascht
Eismal isch se-re um ds Singe:
“Cha-n-is äch no füre bringe?

Liisli, liisli faht si a,
Zerscht e Ton – es Schlänggerli dra.
Z’letscht, da gits e ganze Satz
u itz blibt si nümm am Platz.

Flügt mit ihrem junge Gsang
z’oberscht uf e-n-e Wättertann’.
Rüefts am Himel und de Bärge:
“Loset, es wott Früehlig wärde.”

Also 1st ist noch nicht ganz depressiv, aber hat leider den in die Bibliothek kotzenden Hund ihrer Madame Vorgesetzten wieder nicht schnell genug mit der neuen Kamera eingefangen. Nun, der wird vor Jahresende noch ein paarmal kotzen.

Mein guter Freund, der Kammerjäger, war wieder einmal bei mir. Und weil der Mann ohne Socken von unten dran immer noch im Spital ist, muss man jetzt abklären, ob man trotzdem seine Kammern jagen darf, denn im Block ist Kammerjägerei nur sinnvoll, wenn man sie auf allen Ebenen betreibt.

Die albanische Schwiegerfamilie von 2nd2nd bleibt höchst skeptisch was den gemeinsamen Haushalt der beiden betrifft, aber 2nd2nds Mann hat dafür eine gute Arbeit gefunden, er wird Abwart, zwar nicht in diesem, aber in einem Block in der Nähe. Nächstes Jahr wird er der sein, der den berühmten Stern von Bethlehem ganz oben auf “seinem” Block montiert und wir schlottern ja jetzt schon ein bisschen deswegen.

Erfreuliches gibt es von 3rd zu erzählen, er hat den ersten Bericht aus der neuen Schule bekommen. Die Lehrerin schreibt (ich habe 3rd gefragt, ob ich zitieren dürfe):

Schön ist es auch, wenn du dich meldest und eigene Beiträge einbringst. Wage das noch mehr! (...) Ich wünsche dir noch viele herausfordernde Stunden, in welchen du zeigen kannst, was alles in dir steckt!

3rd war nach 4 Jahren mehr oder weniger Redeverbot und Fremdwörterverbot und Gute-Bücher-ausleih-Verbot ziemlich erstaunt über dieses Feedback. Ich ja auch. Vielleicht hat diese Lehrerin einfach nie Canetti gelesen und ahnt nicht, was für ein schreckliches Kapital es ist, sich in der Schule zu engagieren und zu melden.

Ämtchen zu vergeben
Dezemberkompost

Ich habe eigentlich gemeint, wir hätten erst kürzlich per Abstimmung ein Abfallreglement angenommen, das mehr und nicht weniger Kompostplätze vorsehe. Offenbar habe ich etwas nicht begriffen. Darum habe ich mal bei der Kompostberatung nachgefragt. Liebe Familie, ich halte euch auf dem Laufenden, der Müll ist eine Wissenschaft.

Um vier Uhr früh zünde ich auf dem Balkon die Geburtstagskerzen für meine Tochter an. Die Flämmchenreihe brennt ruhig trotz des Nieselregens, lässt sich nicht unterkriegen, genau wie mein Kind …

In der Stadt ist man am “Angstsalzen”. Anscheinend ist dies ein Fachausdruck in der winterlichen Strassenwartung. Angstgesalzen wird bei unsicheren Wetterverhältnissen – eine vorsorgliche Massnahme gegen Glatteis. Das Spezialfahrzeug wirft mittels eines Rades grobkörniges Salz auf die Fahrbahn. Nun sind die AutofahrerInnen sicher, während sich die FussgangerInnen auf den gefrorenen Trottoirs süüferli zur Arbeit schleichen.

Der Hund meiner Vorgesetzten buckelt, spreizt die Vorderbeine und kotzt einen rosa Schwall mit Fleischbrocken auf den (altrosa) Teppich der Bibliothek.
Ich mag zum Zmittag keine Knäckebrote essen.

Der Berner Künstler CEL ist tot. Auch Hanns Dieter Hüsch hat uns verlassen. Als Fahrender durchstreifte er auch unsere Stadt …

Die Nadel zeigt, wo Nordosten ist, der Bär wacht über unserem Tram und ich kaufe heute “Frieda auf Erden”.

Neben dem stattlichen Vorrat an Holzscheiten aus Tanne, Buche und Esche bestellt mein Vater jeden Herbst in der nahen Sägerei vier Tonnen Kugeln aus gepresstem Sägemehl. Meist braucht es im November, kurz vor dem ersten Schnee, noch einen zweiten ärgerlichen Anruf mit der Drohung, die Ware bei der Konkurrenz zu bestellen, bis die Ladung dann endlich eintrifft. Liefert der Chef persönlich, bezahlt mein Vater bar. Sonst wird das Geld in den nächsten Tagen per Post angewiesen. Auf keinen Fall wird mit unbezahlten Kugeln geheizt.
Auch der Kunstmaler im Dorf hält sein altes Bauernhaus mit solchen Kugeln warm. Er bezahlt mit Bildern. Die Kunstwerke werden im Haus des Sagermeisters ihrer Grösse wegen an an die Wände gelehnt und von der genervten Putzfrau ab und zu ein wenig verschoben. Sie passen auch sonst nicht zur Einrichtung im Heimatstil.
Vater ist der Meinung, man sollte aus den Bildern wieder Sägemehlkugeln herstellen …

Die Wochenteilung gestern war eine einsame Sache. Weit und breit kein Herr Hirsiger, der mir im Vorbeigehen schnell die neuesten Quartiernachrichten zurief, bekränzt mit guten Wünschen und der Frage, ob ich nichts vergessen hätte. Wie viele Nuss-Schokoladetafeln er im Laufe der Jahre für mich aus der Chuttebuese gezogen hatte, weiss ich nicht. Wie ein König thronte er sonst schon vor acht Uhr morgens auf einem Plastikstuhl vor dem “Denner”, streckte seine nackten Füsse in Turnschuhen wie kleine Schiffe von sich, umgeben von anderen Alten aus dem Quartier.
Diese Leere beunruhigte mich.
Heute traf ich eine der Frauen aus diesem Rentner-Kränzchen. Herr Hirsiger sei im Spital, er hätte eine Lungenentzündug. “Kein Wunder, wenn er sommers wie winters keine Socken trägt in diesem Durchzug. Selber schuld!”, sagt sie böse-besorgt.
Eben habe ich im Spital angerufen. Ich wurde mit der Schwester auf der Intensivstation verbunden. Da ich nur die Nachbarin sei, dürfe sie mir nicht sagen, wie es dem Mann gehe. Da müsse ich schon den Sohn fragen. Aber den Gruss richte sie ihm aus.
Den Christbaumschmuck seiner verstorbenen Frau hat Herr Hirsiger uns schon vor Jahren gegeben – damit er nicht verloren gehe.

Sie sei vorgestern Abend zusammengebrochen, erzählt mir mein Vater am Telefon, als ich mich nach Mutter erkundige. Mutter mag nichts mehr essen, auch kaum mehr trinken. Vater, der im 95sten geht, hat weder die Nachbarn alarmiert, noch den roten Alarmknopf auf seiner Spezialuhr gedrückt. Um seine Frau nicht zu verletzen, schlang er ihr ein weiches Tuch um die Brust und richtete sie damit nach und nach auf, ihr immer Zeit lassend, sich in jeder Stellung zu erholen, eben “süüferli”, sanft, wie er mir erklärte. So konnte er sie ganz allein zu Bett bringen.
Vater hält jeden Tag das über hundert Jahre alte Holzhaus warm, damit Mutter nicht friert, denn sie mag keine Strümpfe mehr anziehen und Jacken schon gar nicht. Heute hat Vater Blut- und Leberwürste mit Rotkraut gekocht, auch süüferli, wies Kraut und Wurst gern haben. Wer weiss, vielleicht mag Müeti auch ein bisschen davon “meisele” (sehr wenig essen, wie eine Meise)?
Sonst versuche er es zum Zvieri noch einmal.

Heute Morgen im überfüllten Bus:
Mann mit Baskenmütze: “Wie gehts deiner Ex-Ex-Ex?”
Mann mit Cowboyhut: “Zum Glück höre ich nichts von ihr.”
Baskenmütze: “Hast du nun wenigstens deine Sachen bekommen?”
Cowboyhut: “Am 31. Januar wird alles auseinander gefädelt, das dauert halt.”
Baske: “Ja, Zeit zum Sterben hätte man bis dahin.”
Cowboy: “Recht hastdu.”
Baske: “Und die Aquarien, hast die noch?”
Cowboy: “Nur noch eines, das andere hat sie mitgenommen, die Täsche.”
Baske: “Ist so eine überhaupt fähig, zu den Tierli zu schauen?”
Coboy: “Sie hat das Aquarium mit den Dummen mitgenommen.”

Adventsvorhang

Ich teste meinen Trost. (Ein Vorweihnachtsgeschenk meiner lieben Kinder – eine Kamera.)

Blöd von mir, ich weiss, aber mich faszinieren Informationen, die für mich völlig unnütz sind. So lasse ich mir z.B. haarklein erzählen, wie es in einer Pension im Zillertal zu und her geht, wenn sich dort regelmässig die Stammgäste aus der Schweiz treffen. Ich weiss, wie die Betten beschaffen sind, wer abends die Handorgel spielt, in welchem Bach gefischt werden darf und wie das örtliche Krankenhaus funktioniert. Natürlich war ich nie dort und habe auch nicht im Sinn, mich den Stammgästen anzuschliessen. Möchtet ihr wissen, wie eine Stockwinde gepflegt werden muss, damit sie nicht rostet? (Hier handelt es sich nicht um eine Blume!) Wer mir etwas über die Missionstätigkeit in Papua Neuginea erzählt, hat bestimmt mein ganzes Ohr.
Über die Bissigkeit bei Kaninchen habe ich bis heute nie etwas gehört. Diese Unart erschwere das Füttern sehr und oft lande Langohr deswegen vorzeitig in der Pfanne. Es gebe aber ein garantiert wirksames Mittel dagegen, das jeder Kaninchenzüchter empfehle: Man stecke eine heisse Kartoffel an eine Gabel und halte diese dem hungrigen Küngel hin. Einmal reingebissen, vergingen dem Tier die lästigen Flausen auf der Stelle. Wer weiss, vielleicht kann mir dieses Wissen doch einmal von Nutzen sein, und deshalb danke ich hier C. aus T. ;-)

Heute war es soweit, heute war ich mit 1st auf “dem Raff”. Der Gang nach Canossa führte über eisige Strassen, neben Transportfirmen und Lagerhallen in die Hinterwelt eines Industriequartiers. Die erste RAV-Station, die wir erreichten, war die falsche. Eine nette kleine Frau reckte sich über eine massive Theke uns entgegen und erklärte freundlich den Weg noch weiter in die Innereien des eiskalten Sektors. Es roch nach Spital.

Mehr schlitternd denn gehend erreichten wir schliesslich das verhasste Ziel und begaben uns hinter die Glastür in den Empfangsraum. Ausgehängte Stellenbeschreibungen, verschiedene Boxen mit Schlitzen für Formulare und ein Computer mit „SSL“ (Stellensuchleitfaden?) mit einem Ausser-Betrieb-Schild dran, sahen wir dort.

Hinter der kurzen Schlange erwartete uns wieder eine freundliche Dame, hell gekleidet, straff gekämmt und einer Krankenschwester ähnlich. Sie gab 1st lächelnd ein gelbes Blatt ab, das 1st ausfüllen sollte. Wir merkten, dass 1st nicht so viele Kreuze zu setzen hatte. Einerseits positiv, weil all die Fragen nach den Aufenthaltsbewilligungen für sie als Eingeborene wegfallen, andererseits negativ, weil jemand mit Lehrabschluss eines älteren Jahrgangs genau zwei Kreuze von sieben setzen kann. Es erginge mir nicht anders.

Grundschule [ja] / Berufsschule [ja] / Matura [nein] / Diplommittelschule [nein]/ höhere Fach- und Berufsprüfung [nein] / Fachhochschulabschluss [nein] / Universitätsabschluss [nein]

Dafür konnte 1st neben Französisch und Englisch mit Ivrith noch eine dritte Sprache angeben, immerhin etwas. Einem Wohnortswechsel für eine neue Anstellung konnte sie nicht zustimmen, Schichtarbeit und Nachtarbeit wären sträflich für ihre Gesundheit.

Mit dem Formular zurück zur netten namenlosen Dame am Schalter. Sie zeigte eine Auswahl von Arbeitslosenkassen, 1st wählte schnell, die Dame konnte vorwärts machen. Freundlich gab sie 1st einen Termin für eine vierstündige Einführung über die RAV, ebenso freundlich reichte sie einem bellenden Vorgesetzten seine Post.

Wirklich, es war alles ganz genau wie beim Arzt. Professionell, nett, wertfrei und die Nächste bitte. Ich fragte nach dem Namen der Schwester der Sachbearbeiterin und sie zögerte nur eine Sekunde und gab ihn mir. Ich dankte und sagte, dass sie bestimmt absichtlich nicht angeschrieben sei und sie nickte lächelnd.

Wir quälten uns wieder durch die bisigen Strassen, zwischen den Lastwagen dem Wellblech entlang bis zum nächsten Bus, der höchstens jede halbe Stunde fährt. Ich dachte laut darüber nach, dass die Spitalatmosphäre mit der Stationsschwesternfront vielleicht das einzig richtige sei für Menschen in Existenzangst. Denn was hinter dieser Angst stehe, wie viele Absagen, wie viele Ungerechtigkeiten, wie viel Willkür, welche Krankheiten, welches ganze Schicksal, das könne niemand ermessen und schon gar nicht reagieren darauf. Einfach nur lächelnd Formulare erklären sei vielleicht nicht das Dümmste.

Aber ich hatte leicht reden, ich war ja nur die Begleitung.

Heute werden, wie schon seit mehr als dreissig Jahren, die Weihnachtslaternen montiert. Schulklassen haben eifrig Muster aus einem schwarzen Zeichnugsblatt geschnipselt und die “Löcher” mit buntem Seidenpapier unterlegt.
Sicher gabs zu Hause auch hier und dort ein bisschen Streit und Stress, weil den Lehrkräften für den Endspurt die Kraft und das Seidenpapier ausgegangen war und sie den Rest am verklebten, zerknitterten ein bisschen zerrissenen Blatt nun den Eltern überlassen müssen.
Die Arbeiten werden von einer Jury bewertet, und die GewinnerInnen dürfen sich von einem Gabentisch etwas aussuchen. Seit vielen Jahren sind es meist muslimische Kinder, die sich die ersten Preise für die Weihnachtslaternen holen. Sie schneiden begeistert Tannenbäume, Engel, Bethlehmesterne, Kerzen und Könige aus und ohne sie gäbe es keine Adventsbeleuchtung.
Um die bestehenden Strassenlampen mit eben diesem Schmuck zu versehen, braucht man eine Leiter.
Im Gemeinschaftszentrum war man deshalb gestern am Planen.
Man müsse sich warm anziehen und wer steige auf die Leiter?
“Dr Türgg” – “Der Türke”, wurde einstimmig, zwar ohne den Türken, beschlossen.

Sie werde zwar ein bisschen ausgelacht wegen ihrer Vorliebe zu Barchent-Bettwäsche, erzählt mir meine Freundin C. Dabei gebe es besonders des winters nichts Angenehmeres und Wohligeres als diese. Stimmt, das kenne ich aus meiner Kindheit. Barchent gehört zum Bünzligen, wie Bettsocken, Eckbänke, Kreuzstich auf Teewärmer, Neujahrskärtchen mit verschneiten Tannen hinter Alphütten …
Wir beschliessen, den Abend einmal nicht dem Originellen, sondern dem Bünzligen zu widmen und machen uns auf in den “Jäger”. Der war schon da, bevor hier die Hochhäuser in den Himmel wuchsen. Täfer, weisse Vorhänge, Astern als Tischblumen. Die alte Bise kennt sich im Westen gut aus, rüttelt an der Pergola und fährt uns kalt in den Kragen. Zum Aufwärmen bestellen wir ein bünzliges “Kafi fertig” (süsser Kaffee mit Schnaps im Glas) und schauen uns in den mitgebrachten Versandkatalogen die Barchent-Bettwäsche an.
C. will den Hasenrücken mit Spätzli probieren, ich nehme Rösti mit Emmentaler-Bratwurst an einer Zwiebelsauce – voll bünzlig.
Manchmal geht dieses Bünzlitum aber doch zu weit. Z.B. im Spital, welches durchgehend einen Innenanstrich mit 90/10 bekommt. Meine Freundin, die Malerin, hätte jeder Abteilung des Krankenhauses gerne eine eigene Farbe gegeben, aber die Innenarchitektin hält nichts von solch gravierenden Veränderungen.
So wird C. morgen Abend, wenn die riesige Spitalküche leer ist, auch den Abflusskanälen diese gelblichweisse Standartfarbe 90/10 verpassen und drauf verzichten, ihnen Fisch- oder Drachenschuppen aufzumalen.

Der Rentner neben uns lässt sich den Rest seines panierten Schnitzels einpacken: “Zum Aufwärmen für morgen, danke.”

Vier absolut subjektive und nicht wertfreie Erzählungen über hier im Block und um Dayton herum geborene Jungs balkanesischer Herkunft:

3rds Freund D. seit Kleinstkindertagen, entstammt einer Mischehe einer katholischen Kroatin und eines muslimischen Bosniers. Er hat eine kleine Schwester und sein Vater verspielte vor fünf Jahren nicht nur alles, was die Familie besass, sondern verschuldete die Familie zusätzlich auf eine halbe Million. Die Mutter fand in der Folge den Weg zurück zur Kirche und wurde jetzt geschieden. Sie wohnen in einer Blockwohnung, bezahlen die Hälfte der Schulden ab, die Mutter arbeitet im Spital, D. ist Mitglied im Fussballclub, seine Schwester im Kunstturnverein, beide haben gute bis sehr gute Schulnoten. Ihr Aufenthalt in der Schweiz ist nicht gesichert, aber die Chancen für eine Einbürgerung der Kinder stehen gut.

3rds Nachbar M. seit Kindergartentagen entstammt einer serbischen Ehe. Die Mutter ist sehr nett und arbeitet immer irgendwo. Der Vater ist ein bärbeissiger Taxifahrer. Jeden Samstag fahren Vater und Sohn zum serbischen Vereinslokal am Rande des Rotlichtmilieus, wo auch der spanische Club liegt, bei dem 3rd Flamenco tanzt. Die beiden Jungs nicken sich nur von weitem zu, sie mögen einander nicht besonders. 3rd wirft M. Hinterhältigkeit vor, M. wirft 3rd Überheblichkeit vor. Seit 2nd, male, M. zum permanenten Spucken in 3rds Hut herzlich gratuliert und ihm öffentlich die Hand geschüttelt und gedankt hat, hat sich immerhin dieses Problem entschärft. M. lernt im Vereinslokal den serbischen Volkstanz so wie das Volksliedgut kennen, im Fussball hilft er immer den Orthodoxen. Die Schule mag er nicht besonders, im Fussballclub ist er auch, aber im Zweifelsfalle entscheidet er sich fürs Gamen. Zusammen mit seinem Vater pflegt er eine grosse Sammlung von Ego-Shootern. Und Schweizer werden will er noch nicht.

3rds ehemaliger Schulkollege A. entstammt einer mazedonisch-ägyptischen Mischehe, die den muslimischen Glauben sehr hoch hält, die Männer in der Familie verpassten noch nie ein Freitagsgebet. Der Vater ist Übersetzer (Arabisch/Türkisch/Albanisch) und Schneider und engagiert in einem Arbeitslosenprojekt. A. ist ein sehr begabter Zeichner und wäre ein ausserordentlich guter Rechner. Er und sein grösserer Bruder gehören zu dem Opfern von 9/11. Seit diesem Anschlag hat der Vater sämtliche Integrationsbemühungen abgebrochen, die Mutter sieht man allerhöchstens einmal im Jahr draussen, wenn sie in Begleitung der Söhne, die ins Arabische übersetzen, zum Arzt geht. Sie verlässt die Wohnung sonst nur, um das Flugzeug nach Kairo zu besteigen. A. verbringt sein Doppelleben zwischen dem frommen Anstand zu Hause und dem gefährlichen Mitläufertum draussen relativ unbeteiligt. Während sein Vater mich auf offener Strasse wegen Anzeige gegen seine Söhne “gestellt” hat, reagiert A. darauf nicht merklich. Er mag es nicht zu kommunizieren, spricht nur ungenügend Deutsch und droht so auch den Faden zu seinem genialen Fach Mathematik zu verlieren.

3rds Kollege E. (seit Säuglingstagen, sie haben den gleichen Geburtstag und –ort) ist einer von drei Söhnen einer Schönheitskönigin aus Pristina und eines doppelt so alten Albaners aus ihrer Nachbarschaft. Der Vater ist invalid, die Mutter arbeitet seit Neuem als Putzfrau. Vor einem Jahr konnten sie sich ein kleines Auto leisten, das die Kinder täglich auf dem Parkplatz umarmen und jederzeit mit ihrem Leben verteidigen würden. E. wurde trotz gegenteiliger Empfehlungen (auch von mir, ich lernte einmal in der Woche mit ihm Deutsch) und grossen Defiziten normal eingeschult, der Vater akzeptierte keine Zurückstufung seines Sohnes. Auch schickte er ihn immer länger als die Ferien dauerten in den Kosovo zum Tiere hüten. Die Erstklasslehrerin von E. überzeugte ihn schliesslich, indem sie sich schlicht weigerte, den Sohn zu unterrichten und indem auch den Gesuchen um Ferienverlängerung nicht mehr stattgegeben wurde. E. machte darauf das erste Schuljahr in einer Kleinklasse und konnte nach zwei Jahren problemlos in die Regelklasse wechseln. Es ist für Kinder aus bildungsfernem Milieu immer schwierig, gerade wegen der rudimentären Deutschkentnisse, die sich ohne besondere Anstrengung der Schule nicht aufholen lassen. Aber ich wage die Prognose, dass E. dank seiner guten Arbeitshaltung eine einfache Berufslehre wird machen können. Er möchte Chauffeur werden und ich habe ihm verspochen, bei der Lehrstellensuche zu helfen. Irgend ein Gott wird mir schon beistehen, egal welcher.

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