April 2005


finde ich diese Plakate, die seit einigen Tagen die Stadt verschandeln. Haben die Neutralen und Unabhängigen im “attraktivsten Land Europas” (O-Ton) einmal einen Grafiker gefunden um ihre Politik ”übere z’bringe”, sind sie nicht mehr zu bremsen. Oder etwa doch?

hat dongga heute passend für unsere Müll-Kategorie fotografiert. Vielen Dank auch.

Neulich musste 3rds Klasse, in der auch Kosovo-Albaner mit kriegsversehrten Verwandten sind, ein Charakter-Blatt machen: “Was mag ich an mir?”

Die meisten haben geschrieben, dass sie hilfsbereit oder sportlich oder fair seien. Aber B. nicht, er schrieb:

Mein erstes Bein.
Mein zweites Bein.
Meine Augen.
Meine Nase.
Meine Haare.

So denken Kinder ohne und mit Kriegserfahrung sehr verschieden. Wäre ein guter Slogan für die Weihnachtskampagne der Hilfswerke.

Die Hunde begrüssen sie überschwänglich, kratzen an ihrem neuen “Jäggli”. Sie wehrt ab, denn für die Besprechung mit den Herren von der Bank hat sie sich schön angezogen, trägt Tasche mit Schweizerkreuz. Als Fachfrau lockert sie oft politische TV-Männerrunden auf. Sie hat nicht viel Zeit, kommt nur “auf schnell” vorbei, um ihr Ausstellungskonzept zu erläutern, ist eben ständig unterwegs, muss heute noch den Zug in ihre heimatliche “Metropole mit dem barocken Herzen” erwischen. Hurtig will sie den Fahrplan ausdrucken und ihre Mails von diesen und jenen wichtigen Leuten – “andauernd” bekommt sie solche Post. Sie gibt einige Kostproben …
Der neue Drucker bleibt stumm, blinkt mit seinem grünen Auge. Hilft denn niemand? Wie ä r g e r l i c h. Sie schreibt die Abfahrtszeit auf einen Zettel.

Herr K. greift in seine Jackentasche und sucht nach dem Pendel. Eigentlich hat ers immer dabei, nur heute nicht. Aber ein Schlüsselbund tue es auch. Er geht gemessenen Schrittes durch die Bibliothek, während die Schlüssel sich rechts herum leicht drehen. Herr K. ist zufrieden mit den Schwingungen, die er aufnimmt: an diesem Ort kann gut gearbeitet werden. Sollte ich mich einmal nicht wohl fühlen, empfiehlt er mir, auch zu pendeln, und sollte sich der Schlüsselbund links herum drehen … , obwohl die Frauen es eigentlich nicht nötig hätten, denn die wüssten immer, wann es ihnen nicht gut gehe. Den Rosenquarz solle ich aber zu meiner Rechten hinlegen und links auf dem Pult einen anderen Stein dazu benutzen, um die Buchseiten zu beschweren.
In Zukunft werde ich den Rosenquarz jede Woche unter fliessendem Wasser “entladen” und – falls sie doch wieder einmal scheinen sollte – in der Sonne “aufladen”.
Nun warte ich gespannt auf den historischen Roman von Herrn K. Ich werde ihn lesen und mich durch die geplanten 700 Seiten nicht abschrecken lassen. Ein Mensch, der so freundlich mit Bibliothekarinnen umgeht, nimmt sicher auch die Romanfiguren ernst.

Morgens um 8.00 ist die Welt noch in Ordnung. 3rd liegt flach auf dem Rücken am Boden, hat sich einige Tropfen in die Augen mit Tick geben lassen und murmelt unablässig: “ich gehe nicht, ich gehe nicht, ich gehe nicht, ich gehe nicht, ich gehe nicht, ich gehe nicht, ich gehe nicht.”

Ich soll auf die Erziehungsberatung mit ihm.
Aber klar, was denn sonst?
Alles sein Problem.

Die anderen Eltern haben mich schon angerufen, seine Tests würden zu gut bewertet, das sei “der Sache nicht eben dienlich”. Klar, dass diese Beschuldigung jeglicher Grundlage entbehrt und lediglich dazu dient, die Schuld-Liste zu verlängern.

Bin gespannt, ob sie mir auf der EB auch von der “geretteten Zunge” erzählen, wie mir die Klassenlehrerin neulich. Vom kleinen Canetti, der sich immer zu schnell gemeldet hat in der Schule und darum halt ausgestossen wurde. Aber er hat seinen Fehler auch erst bemerkt, als er schon erwachsen war.

Man kann Canetti sehr verschieden lesen. Und sehr billig im Moment, Jubelausgaben zum 100. Geburtstag.

Schnell haben die Bäcker von Marktl reagiert und neben der “Papstmütze”, dem “Vatikanbrot”, der “Benedikt-Torte” die “Ratzinger-Schnitte” mit Mazipan und brauner Schoggi-Glasur aus dem Ofen gezogen.
Die Geschäfte laufen bestens.
Das finde ich gut, denn Marktl ist finanziell nicht auf Rosen gebettet. Obwohl ich, unter uns gesagt, bei der “Ratzinger-Schnitte” eine Himbeerglasur oder eine mit weisser Schokolade gewählt hätte.
Ganz anders ist da der einzige Bäcker in meiner Heimatgemeinde. Obwohl sein Laden direkt an einem Pilgerweg nach Santiago de Compostela liegt, nicht weit entfernt von der Ruine eines Kluniazenserklosters aus dem 9. Jahrhundert verkauft er seit Jahr und Tag die gleichen trockenen Brote, Butterzöpfe und Stückli (Kleingebäck). Keine Martins-, Marien-, Dinkel-, Kloster-, Kluniazenser-, Pilgerbrote, keine Fronleichnam-, Pfingst-, Aschermittwoch-, Passions-, Allerseelen-Wecken, -gipfel oder -taschen, keine Jakobsmuscheln aus brauner oder weisser Schokolde – nichts dergleichen.
Ganz hinten im Laden, den Haarspangen gegenüber, hängt die “Schwander-Wurst”, geräuchert zum Kaltessen, genannt nach einem über die Region hinaus bekannten Schwinger und Metzger des Dorfes. Das Preisschild trägt seit 50 Jahren das Bild des blonden kraftstrotzenden und oft siegreichen Sportlers. Wenn die Betagten im Dorf vergesslich geworden sind und nicht mehr wissen was vor einer Vieltelstunde war, das Spottgedicht auf die beliebte Wurst ist ihnen gebleiben:
Hast du Hunger,
hast du Durst,
friss von Schwanders Wasserwurst.

Immer habe ich so eine Liste, seit Jahren schon. Wie das möglich ist? Camping lebt wie Kindererziehung von der simplen Tatsache, dass nicht alle Versäumnisse gleichzeitig passieren.

  • Kaffeefilter No. 4

  • Bocciakugeln

  • Gaslampe (wo?)

  • Abwaschmittel

  • Verschlussklammern

  • Wetzstahl

  • Badehose Speedo für Pool
  • Also in normalen Zeiten (ohne Mobbingprobleme) hole ich diese Liste nicht schon Ende April, sondern erst Ende Juni raus. Aber wir könnten Schuljahresschluss jetzt ganz gut gebrauchen.

    Email von Anna:

    ” ... Mein Garten sieht leider schon wieder recht verwüstet aus, obwohl ich ihn am Karfreitag Nachmittag so schön hergerichtet hatte. Die Primeln wurden von Amseln angepickt, die Stiefmüetterli von Schnecken angeknabbert und die Tulpen liegen ermattet geknickt zu Boden, weil Nachbars Katze es irgendwie glatt findet, mit ihnen zu spielen. Ich bin ja sonst eine grosse Tierfreundin, wirklich, aber dass die so destruktiv zerstören müssen, was nett und ordentlich aussähe, also wirklich
    Groll, Groll.
    Da hülfen Schneckenkörner, Schneckenzäune, Vogelscheuchen, Anti-Katzenduftsprays … Aber ich will es ja auch nicht zur letzten Perfektion treiben. Ordentlich nett siehts ja doch immer noch aus, etwas havariert halt. Auf jeden Fall grüssen mich jetzt die Pensionierten rundum und ich fühlte mich richtig integriert im Quartier …
    wären da nicht diese fremdartigen rot-schwarzen Käfer, die sich zu Hauf in den Garten-Mauerritzen sammeln oder auch noch zwischen den frisch gesetzten Blumen krabbeln, wer weiss, was die noch alles vorhaben?
    MeinHobby-Gärtner-Nachbar weiss auf jeden Fall seit drei Jahren, dass er diese Käfer z’vordere Jahr noch nicht gesehen habe, sie stammten bestimmt aus dem Ausland, mit so ausländischem Gemüse seien die wohl eingeschleppt worden.
    Bestimmt, pflichte ich ihm bei, den Farben entsprechend sähen sie sehr afrikanisch aus, aber vielleicht tragen sie ja auch bloss afrikanische Masken, und wären in Wirklichkeit graue Bettseiker, Kellerasseln oder so was?
    Du siehst, dieser Garten wirft fast philosophische Fragen auf! ... ”

    Entschuldigung, schon wieder eine berndeutsche Überschrift!

    Eine Bekannte hat mir heute erzählt, dass sie seitlich gescheitelte Männer in Kravatten und Anzügen nur schlecht voneinander unterscheiden könne. So habe sie bei einem Anlass zu Ehren eines weltberühmten Physikers einen Mann angesprochen, von dem sie meinte, er hätte eben ein Referat gehalten. Es stellte sich aber heraus, dass der vermeintliche Referent ein ehemaliger Verehrer aus der Studienzeit war, den sie seit Jahren nicht gesehen hatte. Das sei peinlich, aber sie könne nichts dagegen tun. Sie sei froh, dass ihr Mann eine Glatze habe und ihr Vorgesetzter ein Clowngesicht. Den berühmten freundlichen Kunstmaler, dessen Bilder sie zwar nicht liebe, kenne sie an seinen krausen Haaren, den Stadtpräsidenten an der Brille, aber sonst …
    Ich tröstete sie mit: “Hauptsache, du kennst deinen Mann …”

    In der heutigen Zeitung wurde das Bild eben dieses Ehegatten mit dem eines anderen Mannes mit Glatze, Schnauz und Brille verwechselt.
    Es kann doch nicht sein, dass sich die Männer nur noch durch ihren Handy-Schmuck unterscheiden!

    Für alle, die “das Land der Griechen mit der Seele suchen” hier einen schönen Link, eben zu mir durchgerrrrattert.
    Ein Schauspiel, über 200 Jahre aktuell geblieben und, trotz Sparmassnahmen bis Zumgehtnichtmehr, in eindrücklicher Inszenierung auf einer winzigen Bühne.

    Mitgenommen sah sie aus nach einer kalten Nacht mitten in einem Feld bei Attiswil. Bei seinem Morgenspaziergang hat René Tschumi sie entdeckt und gleich die Polizei alarmiert. Allerdings brauchte es die “schöne Kraft” von fünf Mann, um die Aufgefundene, zuerst Totgeglaubte in den Transporter zu schieben. Die grosse Frage: Wohin mit ihr? Wer kann/will die Unbekannte, die nichts bei sich trug, unterbringen? Man fürchtete sich vor eventuellen Krankheiten, die von der Fremden eingeschleppt werden könnten. Umfragen in den Nachbargemeinden ergaben nichts, niemand schien sie zu vermissen. Schliesslich fand “Jürg Scheideggger von der Gemeinde” ein Plätzchen bei einem Bauern. Dieser stellte in gebührendem Abstand zu seinem Hof eine Notaufnahmestelle für sie bereit – nur vorübergehend natürlich. Einige schlugen “metzgen und wursten” vor. (Das tut man in diesem Land gerne mit anstehenden Problemen.)
    Attiswil stand den ganzen gestrigen Tag vor einem Rätsel.
    Um Mitternacht schaltete ich auf TeleBERN. Dieser Sender löste in den vergangenen zehn Jahren schon so manches Rätsel in der Region. Ich wurde nicht enttäuscht. Man brachte einen rührenden Beitrag über die Unbekannte von Attiswil. Sie schnüffelte mit ihrem Rüssel schon munter an der Kamera, stellte ihre Borstenohren auf und blinzelte mit lustigen Schweisäuglein die Journalisten an, schmatzte Graswürfel. Es wurde aber noch nicht verraten, ob die Muttersau (im Berndeutschen: Moore), den heutigen Tag überleben würde. erst, als alle anderen Nachrichten gesendet waren, fuhr Bauer G. mit seinem Traktor auf, um die Ausresserin abzuholen. Nein, nein, er hat sie nicht gesucht, wäre Zeitverschwendung gewesen. Er hat gedacht, jemand wird sie finden oder sie kommt von alleine zurück. Wie die Sau ausreissen konnte, ist Bauer G. nicht klar, bleibt ein Rätsel. Er kann dem Reporter nur eines sagen: Die Stalltür war offen.
    Ich weiss, dass gebildete Bernerinnen und Berner alles tun dürfen, nur nicht TeleBERN schauen oder die Gratiszeitung “20 Minuten” lesen.
    Sie verpassen die Gleichnisse des 21. Jahrhunderts.

    Nachtrag nach Einblick in “20 Minuten” von heute:
    “Die Moore ist in der 2. Woche trächtig”, teilte Bauer G. der Presse mit.

    Ort: Buslinie Bahnhof-Getto | Personen: Vater von Kevin, Kevin, Gesprächspartner/in | Medium: Handy | Empfehlung: Website SCB, der Hockeyclub der Oberliga, achtung SKIP-Intro.

    Vater: [….] Nüt, gar nüt! Absolut nüt! Das mache-n-ig nie meh! Das muess ig nümm ha. Nume „Saisonrückblick“, jedes Jahr der glych Scheiss. Goofe sy dört, Pfunktionäre, süsch ke Sou. Nume der Küre, dä Arsch u der Kiener, dä hett si Schnure ingehänkt, wie immer. „Nid jede Gieu cha für SCB spile“, jedes Jahr seit er das und nächtsch wird ers o säge. Nei, nüt, für Pfüchs. Chasch vergässe. Die gseh mi dört nümm. „Saisonrückblick“ so ne Schissdräck, e elände.

    Kevin: (zeigt auf seine SCB-Jacke)

    Vater: U weisch, was der Hit isch gsy?! Der Oberhit? Em Kevä sini SCB-Jagge, ja, die woner jetz anne het, die verlüürt ja die Fäderli u das darf nid sy. Die chaner tuusche bim Uusstatter, das isch e Fabrikationsfähler, aber jetzt chunnt’s: Ä Sächzger muess er zahle für die Nöji. Nachdämm mer für dä Scheiss hie e Hunderzwänzger brönnt hei. Das, das isch a Souerei, die Arschlöcher. So Arschlöcher findsch nume bim SCB.

    Übersetzung (kann allerdings keinen schriftdeutschen Slang):

    Vater: [… ] Nichts! Absolut nichts! Das mache ich nie wieder! Das muss ich mir nicht antun. Nur „Saisonrückblick“, jedes Jahr die gleiche Scheisse. Die Kinder sind dort, die Funktionäre, sonst kein Schwein. Nur der Kurt, dieser Arsch und der Kiener, der hat immer seine Klappe offen: „Nicht jeder der Jungs wird für SCB spielen können“, jedes Jahr sagt er das und nächstes wird er es wieder so sagen. Nein, nichts, für die Katz. Kannst du vergessen. Die sehen mich dort nie wieder. „Saisonrückblick“ so ein Scheiss, ein verdammter.

    Kevin: (zeigt auf seine SCB-Jacke)

    Vater: Und weißt du, was der Hit war? Der grösste Hit? Kevins SCB-Jacke, ja, die die er gerade trägt, die verliert ja die Federn und das darf nicht sein. Die kann er umtauschen beim Ausstatter, das ist ein Fabrikationsfehler, aber jetzt kommt es: Sechzig Franken muss er zahlen für die Neue. Nachdem wir für diese Scheissjacke schon hundertzwanzig Franken bezahlt haben. Das, das ist eine Sauerei, diese Arschlöcher. So Arschlöcher findest du nur beim SCB.

    Heute habe ich aufgeräumt und vieles weggeschmissen. Folgende Notiz hat den Tag überstanden:

    Gemeindepräsident Dr. Klaus Baumgartner (SP), äussert sich zum
    Thema „Kultur in der Stadt und Sparen“ anlässlich der
    2. Kulturkonferenz im Erlacherhof Bern, 3. Dezember 1994. Angesprochen sind die Mitglieder der verschiedenen kulturfördernden Kommissionen (Film, Musik, Literatur, Theater, Museen) der Stadt.

    “Kultur isch Motor für üsi Stadt!
    Dyr sit die Einzige, wo nid drachömet i däre Suuregurkezyt.
    Im Sozialberiich hei mer abe müesse.
    We de dr gross Räge abe chunnt, we mer de zwunge wärde, eklatant obe-n-abe z’cho, de müesse mer de Prioritäte setzte.
    Einegi vo öich heis no nid begriffe …
    Mir hei es Klee-Museum chönne schaffe: das wott-i itz nid usegää, das mues itz loufe.
    Dört üsseret sech dr Optimismus. Mir gloube, dass ds kulturelle Schaffe e Uswürkig uf ds Läbe vo dr Stadt Bärn het.
    Ir Kultur wei mer nid zrügg buechstabiere, da chunnt Chraft.
    Als wichtegi Komponänte muess me o Musee fördere.
    Es isch wichtig, das me i dr Kultur o drüber nachedäicht, “wohin die Reise …”.
    Das isch es, wo d’Stütz häregö.
    Das heisst “Controlling”: wo-dr relativ frei chöit schalte, wo die Gremie mit Lüt vo dr Kultur bestückt si – das isch es, das “Controlling”. Das me gmeinsam-partnerschaftlech, aber bitte nid über Hafechääs … mir hei anderi Fälder no z’beachere!

    Di kulturelli Spitzi het o-e Würkig uf d’Breiti u isch o-n-e Befruchtig für d’Gruppe!

    Damit ist über Kultur alles gesagt.

    Mein Genosse Klaus

    (Gezeichnet während seiner Abschlussrede im Erlacherhof am 03.12.1994. )

    Heute früh entdeckte ich sie, die beiden nebeneinander stehenden kleinen Ringe, mit roter Farbe aufgemalt auf meinem Briefkasten. Seit Jahren habe ich nicht mehr an diese Kraxsel-Botschaften an Gartentoren und Hausmauern gedacht, die wir Kinder vergeblich zu entziffern versuchten.
    Nach dem Rotwelschen würden diese beiden OO bedeuten: “Frau liebt Männer”. Hi, hi.

    Next Page »