August 2005


Die Flügel hält es ausgebreitet, das Mövenmädchen. Aber aus der Glasschale kann es nicht wegfliegen, obwohl es ernsthaft den Anweisungen von aussen zu lauschen scheint.

Herr K. aus Frutigen findet es nicht richtig, dass das Kunstwerk aus dem Museum entfernt wurde. Auch Frau R. aus Rohrbach ist darüber nicht glücklich, denn sie hat damit gerechnet, dass es in der Ausstellung etwas Unbekanntes zu sehen gäbe, und ausserdem hätte sich vorher auch niemand um den weiblichen Fötus gekümmert. Empört ist Herr I. aus Naters über die Erzkonservativen im Wallis, die einem vorschreiben wollen, wie Kunst auszusehen hat.

Vor zwei Jahren ist meine Freundin gestorben.
Sie war Lektorin und Kummermutter zahlreicher schreibender und malender KünstlerInnen. “Rosmarin”, wie sie von einem bekannten Maler genannt wurde, hasste selbst im kältesten Winter warme Jacken, Mäntel und Schuhe. Als ich ihr einen Schal aus pistaziengrüner Alpakawolle strickte, legte sie diesen in den Kofferraum ihres Autos zu den Büchern, dem Hundefutter, den Sämereien aus ganz Europa, der Ralf-König-Uhr, den Süssigkeiten und den Spielsachen für die Kinder ihrer Freundinnen.
Rosmarin liebte Tiere über alles und konnte keines leiden sehen. Als sie auf der Strasse einen Bauern seinen jungen Esel schlagen sah, kaufte sie ihm das Tier ab, besorgte eine Milchflasche, stellte den putzigen Grauen mit den Hinterbeinen auf den Notsitz des Sportwagens, legte sich seine Vorderbeine über die Schultern und fuhr, unbehelligt von sämtlichen Grenzwächtern, von Kroatien in die Schweiz.
(Der Esel wurde von Dorfpfarrer aufgenommen.)
Für den zugelaufenen Hund “Nablus” (genannt nach der verdunkelten westjordanischen Stadt), bezahlte sie die teure Reise von Israel in den Aargau.
Auf einer nebligen südfranzösischen Nebenstrasse hielt sie einmal an, um einem Familienzirkus, dessen Kamele, Zebras und Lamas in einem Obstgarten weideten, eine Futter-für-die-Tiere-Geldnote und einen Kilosack Früchtebonbons (aus dem Kofferraum) für die Kinder zu geben.
Neben den Vierbeinern wurden auch Bücher von Rosmarin gerettet. Diese türmten sich an den Wänden in ihrer Wohnung, umrahmten das Bett, wurden auch zu “Möbeln”, und jedes hatte seine eigene Geschichte.
Kurz vor ihrem Tod bat sie mich, für die Bücher zu sorgen, denn die Verwandten wollten nichts von dieser “Morerei” wissen, hatten damit gedroht, alles in den Müllcontainer zu schmeissen.
Zusammen mit meinen Kindern versprach ich, dies zu verhindern.
Kaum war Rosmarin beerdigt, kamen die Leute vom Dorf mit Wäschekörben und schleppten die Bücher, die ihnen gefielen ab. Die Verwandten hatten sich so den Container erspart.
Aus dem Rest habe ich mit meiner Familie eine Rosmarin-Gedenk-Bibliothek zusammengestellt.
Manchmal greife ich ein Buch heraus, eines mit Hundekratzspuren oder einem verblassten Kaffeefleck und merke, wie sehr sie uns fehlt.

Frau K. kommt mit schmerzenden Beinen an die Bushaltestelle. Obwohl sie Gesundheitssandalen trägt, sind die Füsse aufgeschwollen. Seit einigen Monaten arbeitet sie in einer mit Taschen und Schirmen vollgestopften Lederboutique in der Altstadt. Das Schlimme ist, dass man sich darin die Beine nicht vertreten kann. Alle Arbeiten muss Frau K. im Nachstellschritt erledigen. Dazu kommt noch, dass sie den Detailhandel in Leder nicht gelernt hat. Die KundInnen stellen oft Fragen, die sie nicht beantworten kann. Sie gibt es offen zu, wenn sie etwas nicht weiss. Ist der Chef telefonisch zu erreichen, fragt sie ihn.
Eigentlich kommt sie aus der Textilbranche “Schweizer Spitzen”, aber seitdem die Leute keine Blusen mit Spitzeneinsätzen mehr tragen und der Handel mit Spitzentaschentüchern rasant zurück gegangen ist, braucht man keine Spitzenverkäuferinnen mehr. Eine königliche Hochzeit gibt es ja auch nicht jeden Tag, an der Sankt Galler Stickerei gefragt ist. Die sexy Unterwäsche wird übers Internet verkauft.
Heute hatte Frau K. den ganzen Nachmittag nur eine Kundin, eine Schwedin, die in den Laden kam, um ihr ein bisschen von ihren schweizer Verwandten zu erzählen.
“Eigentlich arbeite ich nicht, es ist mehr ein Ladenhüten,” meint Frau K. Sie geht gerne nach Hause. Der Bauplatz vor der Wohnung stört sie nicht.
Ihr “Bub” ist dort Bauführer. So einen ordentlichen Bauplatz findet man kaum, da hat alles seinen Platz und die Erdwälle sind akkurat aufgeschüttet.
“Der Bub baut nicht für heute, er baut für die kommende Generation.”
Eins ist sicher: Libeskind ist als Architekt kein Mann des Nachstellschritts.

Albert hat seine Hosen zum Waschen gebracht. Bei der Arbeit mit den Bienenvölkern gab es einen Fleck auf ein Hosenbein. Dieser hob sich, weil neuesten Datums, von den anderen ineinander übergreifenden Flecken deutlich ab.
Ich liebe Probleme, die ich gleich lösen kann. Juppii, die Hose ist eigentlich hellbraun mit einem feinen Fischgrätemuster, kann aber nach der Wäsche nun nicht mehr in die Ecke gestellt werden, eher kann man nun durch den Stoff Zeitung lesen. Albert will sich, gutes Zureden hin oder her, von den lützlen Beinkleidern nicht trennen.

Was liegt eigentlich für alte Menschen nach all den Sparrunden heute noch drinn? “Satt und sauber” ist die Devise in den Altersheimen. Zu mehr reichts nicht.
Während der Ausbildung lernen die PflegerInnen zwar noch etwas über weitere Bedüfnisse dieser Altersgruppe, schreiben Diplomarbeiten wie: “Nicht-materielle Aspekte der Betreuung von Betagten”, “Gruppenarbeit mit älteren Menschen”, “Soziologie für die Altenarbeit – soziale Gerontologie”, “Das Recht der Alten auf Eigensinn”. Schon im ersten Praktikum kommt die Ernüchterung. Wenns für etwas nicht reicht, dann ist es sicher der Eigensinn.
(Will sich meine Mutter in aller Herrgottsfrühe von der Spitex-Schwester nicht waschen lassen, macht die Schwester der über Achzigjährigen “zur Strafe” das Bett nicht. )
Man könnte sagen: Die Altersbetreuung steckt noch in den Kinderschuhen, und in solchen ist man schlecht gerüstet für anstehende Aufgaben.
Eine aufmerksame Blog- und Zeitungsleserin aus Deutschland hat mir diesen Zeitungsartikel zugeschickt. Danke, liebe Kristine. (neu verlinkt)
In der ganzen Pflegeheim-Tristesse wirkt das Dienstbotenheim in Koppigen, Kanton Bern wie ein helles Licht. Vor einiger Zeit wollte die Kantonale Gesundheitsdirektion das beinahe 100 Jahre alte Heim den neuesten Vorschriften anpassen. Die engen Stuben der betagten Knechte und Mägde sollten vergrössert und die sanitären Einrichtungen modernisiert werden. Erfolgreich wehrte man sich gegen diese Veränderung. Man brauche sie nicht. Die Alten seien nur zum Schlafen und Nachdenken im Stübli, sonst in Stall, Wald, Garten, auf dem Feld oder in der Küche. Gewaschen hätten sie sich ein Leben lang am Brunnen.
“Für viele ist das Heim nicht die letzte Station, sondern nur ein Stellenwechsel”, meint der Heimleiter Alexander Nägeli. Könnte man etwas Respektvolleres über alte Menschen sagen?

ein lustiges Wort, wenns einem zu so später und stiller Stunde in die Tasten rollt. Sie sind das Letzte und am schwierigsten zu stricken und können, wenns nicht hinhaut, den schönsten Pulli verderben. In der Unterschule brauchten wir Überärmel, aus Resten genäht, am Handgelenk und in der Mitte des Oberarms mit einem Gummizug versehen. Viele hatten Blümchenstoff, ich dunkelblauen Barchent, denn der Stoff mit Blümchen wurde in meiner Jugend knapp abgemessen. Ärmel sollen die Kinder nicht in den Teller hängen lassen und daran keinesfalls die Schnudernase abputzen. Manchmal nimmts einem den Ärmel rein. Das sagt man so, wenn man von etwas nicht mehr lassen kann – Mensch, Tier oder Sache.
Der Ärmel als Bild wird heute auch gerne von den ArbeitgeberInnen gebraucht. Sie können nämlich keine Stellen aus dem Ärmel schütteln, so gerne sie das täten, sorry. Aber gerade das ist es, was ich mir unter einer guten Betriebsleitung vorstelle: dass sie die Kunst des Aus-dem-Ärmel-Schüttelns versteht. Viele haben eben Mehl am Ärmel – nüt für unguet.
Und zum Schluss noch dieses Wort zum Freitag!

Im neuen SPIEGEL (Nr. 31 vom 1.8.) schreibt Dirk Kurbjuweit einen ausgezeichneten Artikel über Afghanistan, die Bundeswehr, deren Selbstschutz (“ist das Grösste”) und Hilflosigkeit im Angesicht der Mohnfelder. Und er wechselt – wie es ja eine SPIEGEL-Spezialität ist – immer wieder den Schauplatz nach Deutschland:

Wer im Büro der Oberstaatsanwältin Karin Engert sitzt, sitzt mitten im hilflosen Krieg gegen Drogen. Es ist ein ärmliches Büro. Die Wände sind fleckig, die Möbel alt und abgestossen. Wie fast überall bei Justiz und Polizei zeigt sich der Staat als Hungerleider.

Und weil das bei uns nicht viel anders ist, empfand ich die Antwort der Oberstaatsanwältin auf die Frage nach dem Sinn ihrer Arbeit so tröstend, als wäre sie vom Dalai Lama:

“Ich mag es nicht, dass ich vom Wedding bis Moabit an sechs Gruppierungen vorbeifahre, die offen Drogen verkaufen. Die Allgemeinheit hat einen Anspruch darauf, dass die Spielplätze sauber sind von Spritzen. Die Allgemeinheit hat einen Anspruch darauf, dass Kinder auf Schulen gehen können, wo sie nicht von Dealern unter massiven Druck gesetzt werden. Wir kriegen Berlin nicht händlerfrei. Wir können nur so viel Sand ins Getriebe streuen wie eben möglich. Dafür kämpfen wir jeden Tag.”

Und wie ich kommt der Journalist zum Schluss, dass dies ein weiser Ansatz ist und schreibt:

Bei Karin Engert im Büro kann man verstehen, dass der Kampf gegen Drogen nicht geführt wird, um zu siegen. Weder sie, noch die Zollbeamten, noch die Sozialarbeiter, noch die Süchtigen können Drogen besiegen. Es ist ein Kampf, der die Vergeblichkeit nicht scheut. Es geht nicht um einen grossen Sieg, es geht um viele kleine.

Jupii, WIR haben geputzt!!!
Der kleine FC Thun hat gegen Dynamo Kiew 1:0 gewonnnen! Wie sie sich freuen, die verschwitzten Lausbuben im Frutiger-Dress, sie purzeln übereinander, fliegen dem Schönenberger an die Brust, drücken und streicheln einander übers triefende Haar, schoppen die blauen Leibchen der Besiegten in den Hosenbund, werfen sich mit Anlauf auf den Rasen. Das Stade de Suisse Wankdorf brodelt, tost. Die Meckerer, welche so ihre Zweifel hatten zum neuen Stadion müssen sich beim Anblick der 25000 Fans ganz stillschnell nach hinten verziehen – husch, husch. Die Sportreporter werden die Namen der Spieler schon noch kennen lernen, und bei den nächsten Toren gegen die Schweden (Malmö) weiss man dann auch, dass einer der Spieler Tiago Bernardi heisst – oder nicht doch Bernhardini? Könnte man sich in der Schweiz besser merken.
Den Thunerinnen und Thunern sei eine Freinacht gegönnt – und alle Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in der Hauptstadt sollen morgen dem 2. Wunder von Bern zuliebe ein Auge zudrücken, wenn die aus dem “Tor zum Oberland” noch etwas schlafsturm und heiser ins Büro schlarpen.
Wohl, wohll – eine Winnermentälität braust durchs alte Zähringerstädtli – sensationell!

Übrigens noch ein kluges Wort von Ballack: “Ich entscheide mich, wenn ich eine Entscheidung treffe.” Hab ich heute am TV gehört und mirs gleich hinter die Ohren geschrieben zu späterem Gebrauch.

Dank den Ausländern! Hier im Quartier würde sonst plötzlich unser Nationalfeiertag vergessen gehen.

Nichts für Ungut, ABER kaum habe ich etwas Abstand von meinen mitstudierenden HeilpädagogInnen und sonstigen KollegInnen gewonnen, entwickle ich richtig böse Gedanken: so wie ich mir gestern wünschte, am Schweizer Nationalfeiertag, dass sich die Rakete eines kleinen Italieners als Bumerang entpuppen würde, habe ich mir in der Arena während des “Torro piscine” gewünscht, dass die Kuh einen Zigeunerbuben überrennt. Die Sirene der Feuerwehr schreckte mich aus meinen Gedanken. Auf dem Fleckchen Rasen zwischen den Häusern verflog das Feindbild des kleinen Macho, als ich eine Sippe Sri Lankaner den 1. August feiern sah. Meine Schwester sagt zwar, Leiden ist nicht messbar. Dennoch sind mir vorpubertierende Bestien lieber als der Tsunami. Ich habe niemanden verloren. Im Gegenteil.

Ich hoffe, auch ihr könnt gesund, entspannt und braungebrannt eure Arbeit wieder aufnehmen, die 1000 E-Mails bearbeiten und das Trinkwasser schätzen. Welcome home!

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