December 2005


Marzipanstern von Bethlehem

Ein Bethlehemstern für ein Bethlehem-Kind.

Mutter ist kein bisschen dankbar, dass man sie pflegt. Sie schimpft und trotzt, lässt sich nicht waschen, nicht kämmen, verweigert Essen und Trinken. Die Spitex-Frauen verlassen das Haus meist frustriert und rein verrichteter Dinge – aber nicht ohne ein freundliches Wort von Vater.
Letzte Nacht hat meine Schwester Rosy bei der Zornigen gewacht. Sie ist eine erfahrene Altersbetreuerin, lässt sich nicht leicht aus der Fassung bringen und nimmt starrsinnige Menschen als kreative Herausforderung.

Folgendes SMS habe ich um 01:32 von der Nachtwächterin erhalten:

Es geht gut
Müeti ist friedlich
gesungen
getrunken
gesalbt
gelacht
gebiselt
geflucht
gedankt
gekämmt
Vielleicht kommt jetzt der Schlaf.

Aber nein, während es draussen in eine dunkle Nacht schneit, sagt Mutter ein Frühlingsgedicht auf, das sie in der zweiten Klasse gelernt hat:

“D’Amsle uf em düre Ascht
het kei Rueh me u kei Rascht
Eismal isch se-re um ds Singe:
“Cha-n-is äch no füre bringe?

Liisli, liisli faht si a,
Zerscht e Ton – es Schlänggerli dra.
Z’letscht, da gits e ganze Satz
u itz blibt si nümm am Platz.

Flügt mit ihrem junge Gsang
z’oberscht uf e-n-e Wättertann’.
Rüefts am Himel und de Bärge:
“Loset, es wott Früehlig wärde.”

Also 1st ist noch nicht ganz depressiv, aber hat leider den in die Bibliothek kotzenden Hund ihrer Madame Vorgesetzten wieder nicht schnell genug mit der neuen Kamera eingefangen. Nun, der wird vor Jahresende noch ein paarmal kotzen.

Mein guter Freund, der Kammerjäger, war wieder einmal bei mir. Und weil der Mann ohne Socken von unten dran immer noch im Spital ist, muss man jetzt abklären, ob man trotzdem seine Kammern jagen darf, denn im Block ist Kammerjägerei nur sinnvoll, wenn man sie auf allen Ebenen betreibt.

Die albanische Schwiegerfamilie von 2nd2nd bleibt höchst skeptisch was den gemeinsamen Haushalt der beiden betrifft, aber 2nd2nds Mann hat dafür eine gute Arbeit gefunden, er wird Abwart, zwar nicht in diesem, aber in einem Block in der Nähe. Nächstes Jahr wird er der sein, der den berühmten Stern von Bethlehem ganz oben auf “seinem” Block montiert und wir schlottern ja jetzt schon ein bisschen deswegen.

Erfreuliches gibt es von 3rd zu erzählen, er hat den ersten Bericht aus der neuen Schule bekommen. Die Lehrerin schreibt (ich habe 3rd gefragt, ob ich zitieren dürfe):

Schön ist es auch, wenn du dich meldest und eigene Beiträge einbringst. Wage das noch mehr! (...) Ich wünsche dir noch viele herausfordernde Stunden, in welchen du zeigen kannst, was alles in dir steckt!

3rd war nach 4 Jahren mehr oder weniger Redeverbot und Fremdwörterverbot und Gute-Bücher-ausleih-Verbot ziemlich erstaunt über dieses Feedback. Ich ja auch. Vielleicht hat diese Lehrerin einfach nie Canetti gelesen und ahnt nicht, was für ein schreckliches Kapital es ist, sich in der Schule zu engagieren und zu melden.

Ämtchen zu vergeben
Dezemberkompost

Ich habe eigentlich gemeint, wir hätten erst kürzlich per Abstimmung ein Abfallreglement angenommen, das mehr und nicht weniger Kompostplätze vorsehe. Offenbar habe ich etwas nicht begriffen. Darum habe ich mal bei der Kompostberatung nachgefragt. Liebe Familie, ich halte euch auf dem Laufenden, der Müll ist eine Wissenschaft.

Um vier Uhr früh zünde ich auf dem Balkon die Geburtstagskerzen für meine Tochter an. Die Flämmchenreihe brennt ruhig trotz des Nieselregens, lässt sich nicht unterkriegen, genau wie mein Kind …

In der Stadt ist man am “Angstsalzen”. Anscheinend ist dies ein Fachausdruck in der winterlichen Strassenwartung. Angstgesalzen wird bei unsicheren Wetterverhältnissen – eine vorsorgliche Massnahme gegen Glatteis. Das Spezialfahrzeug wirft mittels eines Rades grobkörniges Salz auf die Fahrbahn. Nun sind die AutofahrerInnen sicher, während sich die FussgangerInnen auf den gefrorenen Trottoirs süüferli zur Arbeit schleichen.

Der Hund meiner Vorgesetzten buckelt, spreizt die Vorderbeine und kotzt einen rosa Schwall mit Fleischbrocken auf den (altrosa) Teppich der Bibliothek.
Ich mag zum Zmittag keine Knäckebrote essen.

Der Berner Künstler CEL ist tot. Auch Hanns Dieter Hüsch hat uns verlassen. Als Fahrender durchstreifte er auch unsere Stadt …

Die Nadel zeigt, wo Nordosten ist, der Bär wacht über unserem Tram und ich kaufe heute “Frieda auf Erden”.

Neben dem stattlichen Vorrat an Holzscheiten aus Tanne, Buche und Esche bestellt mein Vater jeden Herbst in der nahen Sägerei vier Tonnen Kugeln aus gepresstem Sägemehl. Meist braucht es im November, kurz vor dem ersten Schnee, noch einen zweiten ärgerlichen Anruf mit der Drohung, die Ware bei der Konkurrenz zu bestellen, bis die Ladung dann endlich eintrifft. Liefert der Chef persönlich, bezahlt mein Vater bar. Sonst wird das Geld in den nächsten Tagen per Post angewiesen. Auf keinen Fall wird mit unbezahlten Kugeln geheizt.
Auch der Kunstmaler im Dorf hält sein altes Bauernhaus mit solchen Kugeln warm. Er bezahlt mit Bildern. Die Kunstwerke werden im Haus des Sagermeisters ihrer Grösse wegen an an die Wände gelehnt und von der genervten Putzfrau ab und zu ein wenig verschoben. Sie passen auch sonst nicht zur Einrichtung im Heimatstil.
Vater ist der Meinung, man sollte aus den Bildern wieder Sägemehlkugeln herstellen …

Die Wochenteilung gestern war eine einsame Sache. Weit und breit kein Herr Hirsiger, der mir im Vorbeigehen schnell die neuesten Quartiernachrichten zurief, bekränzt mit guten Wünschen und der Frage, ob ich nichts vergessen hätte. Wie viele Nuss-Schokoladetafeln er im Laufe der Jahre für mich aus der Chuttebuese gezogen hatte, weiss ich nicht. Wie ein König thronte er sonst schon vor acht Uhr morgens auf einem Plastikstuhl vor dem “Denner”, streckte seine nackten Füsse in Turnschuhen wie kleine Schiffe von sich, umgeben von anderen Alten aus dem Quartier.
Diese Leere beunruhigte mich.
Heute traf ich eine der Frauen aus diesem Rentner-Kränzchen. Herr Hirsiger sei im Spital, er hätte eine Lungenentzündug. “Kein Wunder, wenn er sommers wie winters keine Socken trägt in diesem Durchzug. Selber schuld!”, sagt sie böse-besorgt.
Eben habe ich im Spital angerufen. Ich wurde mit der Schwester auf der Intensivstation verbunden. Da ich nur die Nachbarin sei, dürfe sie mir nicht sagen, wie es dem Mann gehe. Da müsse ich schon den Sohn fragen. Aber den Gruss richte sie ihm aus.
Den Christbaumschmuck seiner verstorbenen Frau hat Herr Hirsiger uns schon vor Jahren gegeben – damit er nicht verloren gehe.

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