2006


Seit 18 Jahren können wir anfangs Dezember lesen, dass die Reichen immer reicher werden, weil die “Bilanz” (heute erschienen in der Goldausgabe) uns die 300 Reichsten präsentiert. Inzwischen haben die 10 Reichsten doppelt so viel, wie vor 18 Jahren die 100 Reichsten hatten. Soweit nichts Neues im Staate Schweiz – nach wie vor liegt Mr. IKEA Ingvar Kamprad mit seinen geschätzten 26 Milliarden an der Spitze.

Was allerdings auffällt, ist ein leiser Wandel im Inserate-Teil. Es winden sich immer noch die schmachtenden Schönheiten mit Duftwasser und Diamanten, noch sind Männer das Publikum (jedenfalls meinen die Inserenten das). Auch so gut wie jede Uhrenmarke ist ganzseitig oder gar mehrseitig vertreten.

Neu ist die Broschüre mit dem Denner Weinkeller, prästentiert vom Philippe Gaydoul himself (mit 900-1000 Mio. im Mittelfeld des Rankings). Bei soviel Hochglanz kann man direkt vergessen, dass die Denner-Filialen die versifftesten aller Läden sind und ihre Kundschaft den nachhaltigsten Billigst-Alkoholpegel vorzuweisen hat, auch morgens um 07:00.

Ebenfalls erstmals erscheinen Inserate von Privatkliniken. Zum Beispiel Hohenegg, auf Kuren für Ausgebrannte spezialisiert.


  • Die persönliche Krise erkennen und akzeptieren.
  • Die Ursachen für das aktuelle Befinden erforschen.
  • Den bisherigen, belastenden Lebensstil ändern.
  • Neue Lebensperspektiven aufzeigen.

  • Die Ansätze decken sich ziemlich mit denen der Kriseninterventionsstelle des Sozialamtes. Und ich bin versucht zu sagen, dass auch 25 Milliarden Differenz den Braten nicht feiss machen.

    Mein Nachbar hat in Schönschrift eine kleine Geschichte geschrieben, sie als Traktätchen auf ein gelbes Blatt kopiert und in die Briefkästen verteilt.
    Werbung für einen Bibeltisch am nächsten Samstag im Ladenzentrum – eigentlich nichts für mich, denke ich. Trotzdem lese ich das Briefchen.
    Die Titelseite zeigt eine Hand, in welcher ein Schlüsselbund liegt, links darüber ein Tannenzweig mit Kerze, rechts ein aufgeklebtes Schoggiherz.
    Herr Zünd erzählt, wie er im Sommer zusammen mit seiner Frau in den Ferien weilte, wo die beiden nach einigen Tagen bemerkten, dass ihr Hausschlüssel fehlte. Nicht sorgen, Gott vertrauen!
    Zu Hause angekommen, finden die Leute ihren Schlüssel friedlich aussen an der Wohnungstüre hängend. Alles ist noch da, es wurde nichts herausgetragen! Und das in unserem Quartier und erst noch in einem besonders struben Eingang.
    Der glückliche Mann aus Bethlehem findet dann leicht den Übergang zur biblischen Weihnachtsgeschichte, die gewaltiger sei, als die bescheidene Schlüssselgeschichte und nachzulesen im Evangelium von Lukas, Kapitel 2.
    Ich bewundere die würzige Kürze dieser Botschaft und denke, dass sich einige Theologen an Herrn Zünd ein Beispiel nehmen sollten.

    Wir haben ihn montiert. Ja, den riesigen drei Meter grossen Stern. Wir haben alle Lichter kontrolliert, damit er im ganzen Quartier und auch von den Nachbarquartieren gesehen werden kann. Ich glaube, dass er der höchste Punkt in der ganzen Stadt ausmacht.

    Eine Fotografin hat ganz viele Bilder davon gemacht, wie ich ihn mit meinem Freund und mit meinem Schwager aufgehängt habe. Vielleicht erscheint eines davon nächstes Jahr in ihrem Buch über unser Quartier.

    Der alte Hauswart hat den Stern immer am ersten Advent angezündet. Ich zündete ihn aber schon am 1. Dezember an, weil an diesem Tag die Kinder das erste „Törli“ von ihrem Kalender öffnen dürfen und weil ich am Sonntag versuche, frei zu machen.

    Sternmontage

    Wir haben Blog-Besuch. Eigentlich ist er ja aus Deutschland angereist, aber mir scheint, er entsprang dem Internet. Erst seit Freitag hier zu Gast, hat er schon unsere drei Blöcke gesehen, ass Raclette, sprach stundenlang über Ost und West und war mit uns bei meinem Grossvater auf dem Land, wo er das noch unverdorbenes Berndeutsch hörte. Morgen kommt er zu uns aufs Dach, damit er unsere Stadt in alle Himmelsrichtungen überblicken kann. Ich glaube, ihm gefällts hier.

    Für die Reinigung unserer Zugangswege ins Quartier sei neu Herr Roland Hummel zuständig, teilt mir Frau Hirschi von der Abfall-Hotline mit und gibt mir die Nummer. Schon habe ich ihn am Draht.
    Kann Herr Hummel mir sagen, weshalb bei uns immer seltener gereinigt wird? Sind provisorische Bypass-Strasse und Bushäuschen etwa noch nicht auf dem Dienstplan? Oder denkt man bei den zuständigen Behörden, dass wir in Berns-Westen immun sind gegen Dreck? Herr Hummel behauptet, es werde wöchentlich gewischt.
    “Sicher nicht, denn ich habe einen Monat lang jeden Tag ein Foto gemacht”, halte ich ihm entgegen. Das gefällt ihm gar nicht und er meint, dass die Baufirmen verantwortlich für die Sauberkeit seien. Auch hier widerspreche ich entschlossen. Endlich wird mir eine Reinigung in Aussicht gestellt. Wenns in den nächsten Tagen nicht klappe, solle ich wieder anrufen. Ja, das würde ich tun und nein, es mache mir nichts aus, wenn mein Name in Herrn Hummels Excel-Beschwerdeliste aufgenommen werde.
    Es kann sein, dass am ersten Adventsonntag tatsächlich ums Haus herum gewischt ist – Inshallah oder Hummel …

    Erstes Rendez-vous

    Gestern Nachmittag:
    Hier kommen sich Sommer- und Winterschmuck erstmals nahe

    Ohne Handschuhe

    Gestern Abend:
    Zum ersten Mal Sterne aufhängen ohne Handschuhe

    Münstergasse im November

    Im November so, im Juli so (Bild 5) – und immer noch viele Flip-Flops in der Gasse

    Normalerweise verstecke ich die Geschenke, für die es Gutscheine im Türchen-Adventskalender haben wird in der Kiste, in welcher ich die Mützen und Handschuhe eingemottet habe, deren Inbetriebnahme jedoch nach wie vor unnötig erscheint.

    Ja, die Klimaveränderung hat Auswirkungen. Bis in den hintersten hausfräulichen Alltag.

    Nachdem sich der Orange Riese an Halloween so ins Zeug gelegt hatte mit grinsenden Kürbissen und Totenkopfgirlanden, gabs heute im Laden kein Anzeichen von Zibelemärit. Nicht ganz korrekt – der Kuchenteig war um 12:30 total ausverkauft. Vor dem Eingang hütete eine Verkäuferin einen Bauchladen mit einigen blassen Käsekuchenstücken. Vergebens suchte ich nach den bunten Zucker-Zwiebelketten, welche in Bern-West hergestellt werden und bis nach Süddeutschland und Amerika berliebt sind.
    Als ich an der Kasse nach einem Zwiebelzopf fragte, hiess es, man habe heuer noch keinen gesehen, die Zwiebeln seien eben rar.

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    Der Verwalter hat meinem Mann mitgeteilt, dass 90% aller MieterInnen, die an der Umfrage teilgenommen haben, zufrieden mit ihm sind. 65% der Bogen wurden übrigens von SchweizerInnen ausgefüllt.

    In dem Schreiben, das alle BlockbewohnerInnen Mitte Oktober erhalten haben, steht, der Hauswart „führe die ihm übertragenen Aufgaben gut aus“ und sei auch „als Mensch angenehm“. Ausserdem wird darin zu Recht hin gewiesen, dass „es absolut unnötig ist, hinter vorgehaltener Hand über die Umstände zu klagen und zu versuchen andere Mitbewohner negativ zu beeinflussen“.

    Viele MieterInnen nutzten den Umfrage-Bogen, um den Vorgänger zu kritisieren. Jetzt sei es viel sauberer als je zuvor, man könne endlich mit dem Hauswart sprechen und auch die Kinder hätten keine Angst vor ihm! Die früheren zwei Hauswarte hätten niemals Menschen die Türe aufgehalten, geschweige denn, Leute mit Stock am Arm geführt.

    So hat sich die Situation doch noch zum Guten gewendet. Leute, die meinem Mann vorher so frech und respektlos begegnet sind, halten jetzt ihren Mund. Auch die Verwaltung steht nun endlich hinter ihm, denn jetzt kennt sie eben diese wenigen Namen der „unzufriedenen SchweizerInnen“ und weiss, wie sehr seine Arbeit von der grossen Mehrheit geschätzt wird.

    Was für ein Tag. Am morgen begannen wir mit unserer persönlichen Putzerei und wurden ständig unterbrochen, so dass wir erst jetzt (fast) fertig sind. Am Vormittag klingelte zuerst die Mazedonierin. Sie hatte verweinte und von Make-up verschmierte Augen und hielt mir einen positiven Schwangerschaftstest unter die Nase. Zwischen Staubsauger und hungrigem Baby tröstete ich die Arme und rief erneut der Polizei an. Ich wollte mich informieren, was mit einer erneut vergewaltigten, geschlagenen, schwangeren, arbeitslosen Mazedonierin passieren würde, wenn sie die Polizei kommen lässt und sich von ihrem „Papiirli-Schweizer“ trennt. Trotz vielen Vorschlägen kehrte sie zurück in die Ein-Zimmer-Wohnung und liess sich von ihrer Familie aus Mazedonien Anweisungen geben, ihren Mann nicht zu verlassen, da ihr Vater sonst sofort sterben würde und sie niemals wieder zu ihnen kommen dürfe.

    Seit einer Stunde warte ich nun auf Block-Besuch, der vielleicht nicht eintrifft, weil der Lift stecken geblieben ist. Darin befinden sich mehrere Kinder, die ich heute Nachmittag zu Recht gewiesen habe, nicht aus dem Balkon zu spucken. Sie sind Vietnamesen und wohnen erst seit diesem Monat im Haus. Ein Kenner hat vor längerer Zeit ein Schloss im Lift kaputt gemacht. Mein Mann hat dieses Loch jetzt überklebt,

    Lift heute

    aber jemand ein Tramgegner hat den Karton-Kleber wieder durchstochen und die Kinder haben jetzt wahrscheinlich was hineingestopft.

    Mein Mann wartet jetzt auf den Liftmonteur und ich auf den Besuch. Zum Glück ist Kleines Mädchen so lieb, deshalb kann ich nämlich heute zum ersten Mal wieder in den Ausgang, wenn ich nicht auch irgendwo stecken bleibe.

    Vor einem Jahr berichteten wir hier über die Schliessung des Keramikateliers. Interessierten Bogk-LeserInnen, die nachgefragt haben, berichte ich gerne über den neuesten Stand in dieser Sache.
    Die triste Situation hat sich zum Guten gewendet! Dank der Superidee eines Bewohners und dem Engagement einiger “Verbündeter” konnte in den verwaisten Räumen eine neue Tagesschule eingerichtet weden, nachdem die alte schon seit Jahren zu klein geworden war. Das Quartier erbrachte eine grosse finanzielle Eigenleistung. Hier gibt es nämlich den “Mieterfranken”: Aus den monatlichen Mietzinsen fliessen je 2 Franken als Solidaritätsbeitrag in die Gemeinschaftskasse. Über fünfzig Kinder kommen zum Lernen und Spielen ins Tagi. Die ehemalige Leiterin des Ateliers hat eine Arbeit als Werklehrerin gefunden.

    (more…)

    Es war tiefe Samstagnacht, als auf dem Bauplatz plötzlich Licht über schlafende Kranenbeine, Barackenwände, gezahnten Baggerschaufel und Bypss-Strasse flutete. Dann begann ein stumpfes rasches Hämmern.
    Frau C., spundwanderprobt, stieg aus dem warmen Bett und liess eine mitternächtliche Kochwäsche durch laufen: Lärm zu Lärm.
    Frau T., knappe hundert Meter von der bearbeiteten Baugrube entfernt, versuchte gar nicht erst zu schlafen, aber das Beste aus der Situation zu machen: im Gratisflutlicht Hefte korrigieren. Frau S. fuhr auf aus leichtem Schlaf und fragte sich, was sich die MieterInnen denn jetzt wieder Fieses gegen ihren Ehemann, den Hauswart ausgedacht hatten: bumm,bumm,bumm …
    Zu sagen ist, dass das Hämmern auch in der folgenden Nacht weiterging.
    Heute endlich lag ein Infoblatt im Briefkasten, welches uns für weitere 34 Hammernächte dankt, die wir mit Verständnis und Geduld ertragen sollen.
    Man habe auf dem Tiefbauamt nicht mit “starken Lärmemissionen gerechnet, die im ganzen Raum Bern-West hörbar sind”, steht da.
    Tortelloninonemau und Tonnerschiess, sind das denn die ersten Spundwände, die sie ungespitzt in den Boden rein däppern?

    Heute Morgen kreuzte ich im Treppenhaus meine Schwiegereltern. Da wir nahe aneinander vorbei gehen mussten, drängte ich dem Vater meines Mannes die Frage auf, ob er denn sein Grosskind gar nicht anschauen wolle. „Mou schon schauen. Aber nichts schauen, wenn ich habe nichts im Sack.“ war seine Ausrede. „Schauen Sie nur!“ zwang ich ihn. Und ich gewann zwischen den Briefkästen einmal mehr eines meiner heimlichen Duelle. Doch bevor er sich zu seiner Enkelin bückte, befahl er seiner Frau, ihm 50.- zu reichen. Er nahm sie, hauchte dem schlafenden kleinen Mädchen ein „Mashallah“ aufs Bäckchen, steckte ihr den Geldschein in ihren flauschigen Anzug und hatte tatsächlich feuchte Augen: „Kinder, Kinder…“ stammelte er. Frau Schwiegermutter weint normalerweise auch bei solchen Begegnungen, aber heute hatte sie ganz rote Wangen und lachte. Endlich durfte sie sich vor den Augen ihres Mannes in den Kinderwagen hängen und ihr Grosskind küssen. Der Grittibänz, der darauf lag, war danach verdrückt und Kleines Mädchen wach.

    Ich simselte die Neuigkeit sofort meinem Mann: “Dein Vater schenkte unserem kleinen Mädchen soeben 50.-.” Er schrieb umgehend zurück: “Ja was. Das ist ja was besonderes. Endlich hat Kleines Mädchen einen Grossvater.” Ich musste lachen, weil ich beim “Ja was.” den Tonfall meiner Mutter im Ohr habe. Mein Mann findet alle “Sprüchli” von 1st so gut. E dr Tonnerschiess und schnorzeporze gefallen ihm besonders.

    “Hast du zufällig eine Baumschere und eine Spitzzange bei dir?”
    Ich bin gerade damit beschäftigt, die Farmakopea Polska, das amtliche Arzneibuch Polens zu katalogisieren, als mich diese ernst gemeinte Frage vom Nachbarschreibtisch erreicht. Frau Dr. Rieder, eben von einem Kongress im Ausland zurück, wundert sich über mein Nein: “Wirklich nicht?”
    Ich verspreche, ihr morgen selbiges zu bringen, damit sie am Abend den Adventskranzkurs gut ausgerüstet besuchen kann.
    “Hast du zufällig eine Briefmarke oder sowas?”
    Sowas hatte ich. Und ich wusste erst noch in echt den schnellsten Weg nach Worb.

    Nachdem ich dreissig Jahre lang Berge von Jacken mit Kapuzen, gezipfelten Mützen mit und ohne Ohrenklappen, Finger- und Fausthandschuhen, gezopften Klettersocken, Seelenwärmern mit Rentieren, Esslätzchen im Piquémuster gestrickt hatte, begegnete ich Ende der achziger Jahre dem Computer und schlug statt der Maschen die Tasten an.
    Als ich mich letzthin zum Kauf von einigen Knäueln Wolle entschloss, musste ich dafür eine Bestellung aufgeben, Adresse und Handynummer hinterlasssen, denn man hatte nicht genug am Lager für ein Jäckli der Grösse 36. Endlich, nach fünfzehn Tagen durfte ich die Ware abholen. Stricken schien völlig out zu sein. Das hätte mir eigentlich auffallen müssen, findet man in den Zeitungen doch keine Bilder mehr von strickenden Regierungsmitgliedern.
    Der langen Abstinez zum Trotz läuft mir der Faden noch wie früher leicht über den Finger und seit heute weiss ich, ich bin voll im Trend.
    An diesem Wochenende findet die CH-Strickmeisterschaft in Kirchberg statt.
    1600 SchülerInnen strickten am Samstag um die Wette. Und wer denkt, es handle sich hier nur um langweilige Mädchen und ausgestossene Jungs, täuscht sich.
    “Es macht Spass und ist voll Fääschn!” schwärmt der Organisator Stephan Arnold.
    Am Sonntag sind die Erwachsenen dran.

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