March 2006


Ein Strauss für die Braut und viel Glück!
(2nd2nd, female und 2nd2nd, male heiraten heute)

Badesaison

Ja, ... pfridli, wie bringt frau so etwas bis zur nächsten Badesaison in Ordnung?

“Sache gits, mi gluubts nid”, meint Greti, die Trachtenschneiderin und erzählt von einem Bekannten, der sich in Boreno bei einem Unfall lebensgefährlich verbrannt hatte. In dem abgelegenen Dorf gab es einen alten Nazi-Arzt aus Deutschland, welcher den Mann mit einer Paste einschmierte und ihn zwei Wochen lang in der Erde eingrub, so dass nur noch der Kopf herausschaute. Heute sehe man keine Spur einer Narbe auf dem Körper des Verunglückten – unglaublich.
Dass Schweizer und Schweizerinnen sich in allen Ecken der Welt umtun und dabei auf unerwartete Schutzengel treffen, zeigt auch die Geschichte vom einem, der sich beim Schnorcheln im Roten Meer einen grausigen Sonnenbrand zuzog. Israelische Soldaten packten den Bewusstlosen in Joghurt und retteten ihm so das Leben.
Nun darf auch die folgende Geschichte nicht fehlen:
Vor einigen Jahren segelte das Berner Ehepaar Theres und Fritz Messerli in der Südsee. Vor einer unbekannten Salomonen-Insel warfen sie Anker. Als der Mann ins trübe Wasser sprang, um diesen zu überprüfen, wurde er von einem Krokodil geschnappt und ertränkt. Die Eingeborenen kümmerten sich rührend um die verzweifelte Frau. Sie suchten den Leichnam, hielten bei ihm die Totenwache und begruben Fritz mit den traditionellen Riten.
Heute gibt es auf der Insel eine kleine Schule, gespendet von der Ehefrau des Verstorbenen, dem die Bildung von Kindern zeitlebens besonders am Herzen lag. Das traurige Ereignis wird man auf diesem abgeschiedenen Eiland ohne Telefon und Zeitung nicht vergessen, denn man taufte ein neugeborenes Mädchen auf den Familiennamen des Toten. So wird das Südseekind die Geschichte weiter tragen.
Und wer weiss, vielleicht wird Messerli einmal hier an der Universität studieren, wo der Name kein unbekannter sein wird.

Osternest für Heimhasen

Am Wochenende waren wir wieder einmal im Knabenheim. (Über Weihnachten waren wir natürlich auch, aber das habe ich zu bloggen vergessen. Schade, das ferngesteuerte Auto hätte ein paar gute Fotos gegeben, die neue Jacke hingegen langweilte den Heimbewohner eher. Lieber hätte er neue weisse Turnschuhe gehabt.) Dazu gab’s zu Ostern noch eine vom Heimkind selbst ausgewählte CD, erst im Nachhinein habe ich gesehen, dass auch noch eine DVD mit einem Baller-Clip in der Hülle drin war. Ich hab’s dem Betreuer zerknirscht gebeichtet, er wird sie visieren.

Den grauen Umschlag mit dem Werbematerial der Parteien und den Stimmunterlagen lässt sich nur schwer öffnen. Einfach aufreissen geht nicht, denn nur im “Original” darf ich meine ausgefüllten Stimmzettel ins Stimmregisterbüro zurück schicken. Sonst ist der Inhalt ungültig. Befeuchten soll ich den geizig schmalen Leimstreifen, das Kuvert dann zukleben und frankieren! Ich mache nass mit einem Läppchen, denn der gelbliche Leim auf dem billigen grauen Papier verlockt nicht zum Ablecken. Es klebt n i c h t, deshalb schliesse ich das Ganze mit einem kommunen Scotch-Streifen, unterschreibe und datiere diese Verzweiflungstat, hoffend, dass meine Stimme in der kommenden Regierungs- und Grossratswahl mitgezählt wird.
Als ich vor dem Briefkasten stehe, die Marke, die nicht selbstklebende auf der herausgestreckten Zunge plaziert, zeigt mir ein älterer Herr freundlich die Zähne. Er nickt und geht, die Hände in den Hosentaschen, die Gasse entlang.
Unser Bundesrat Dr.C.B. macht seinen Mittagsspaziergang, unbehelligt von irgend welchen Autogrammjägern oder Terroristen.
Inzwischen ist die Marke auf meiner Zunge bar jeglichen Leims. Ich trockne sie auf der Fensterbank im Büro und klebe mit Cementit. Endlich bin ich fertig und meiner Stimmbürgerinnenpflicht nachgekommen.
Die Wahlbeteiligung wird nicht sehr hoch sein, und daran ist auch dieser unappetitliche Umschlag schuld.

Ich steige hinten in den Bus ein und entdecke einen thailändischen Bekannten. Er klopft neben sich auf den Doppelsitz um mir zu zeigen, dass ich mich unbedingt zu ihm setzen soll. Er fragt natürlich zuerst höflichst nach dem Befinden aller Familienmitglieder, aber ich weiss, dass er Neuigkeiten hat. Ich habe schon oft in der Schul- oder Quartierarbeit mit ihm zu tun gehabt. Als unsere Söhne noch klein waren, haben wir uns mit Kochen abgewechselt. Später haben sich die Kinder nicht mehr verstanden und so ist der Kontakt eingeschlafen.

Er gehört zu einer Minderheit der Ausländer mit Realitätssinn. Der Illusion, sehr bald als reicher Mann nach Hause zurückzukehren, hängt er nicht nach. Soviel ich weiss, hat er auch keinen Platz auf dem Friedhof in der fernen Heimat reserviert, sondern kann sich vorstellen, in Schweizer Erde begraben zu werden. Er hat glücklicherweise immer einen Job und seine Frau auch, aber eigentlich ist er Koch für ostasiatische Gerichte. Nun hat ein Wirt ihn angerufen. Ihn! Gerade managt er vier Thai-Wochen in einem guten Restaurant! Er musste bei seinem anderen Job dafür Ferien nehmen. Nun sollen noch zwei chinesische Wochen angehängt werden, aber die Ferien sind aufgebraucht. Was tun? Es wird sich eine Lösung finden, vielleicht mit Vorkochen. Und die Klubschule der Migros hat auch angerufen und wollte ihn sogar sehen! Ihn! Warum? Das habe er gefragt und sie meinten, er sei ein erfolgreicher Instruktor für Thai-Küche! Und das, weil er hier im Quartierzentrum Kochkurse anbiete und immer wieder an Festen koche – er hat an mich gedacht, denn ich hätte es ja immer gesagt. „Wenn du etwas gut kannst, versuche einmal, in der Freiwilligenarbeit damit anzufangen, das spricht sich herum.“ Er hat ja gar nicht mehr daran geglaubt nach all den Jahren! Und jetzt? Jetzt kann er beim grössten Kursanbieter der Schweiz anfangen! Vielleicht wird er einmal nur noch kochen. Das wäre traumhaft.

Und überhaupt werden er und seine Familie auch eingebürgert werden. Sogar dort haben sie ihn auf sein Engagement im Quartier angesprochen, sogar auf sein Vizepräsidium im Quartierverein. Sie haben ihm die Hand geschüttelt und gesagt, dass die Schweiz solche Leute brauche. Solche wie ihn. Die hier bleiben wollen und die etwas tun für das Land. Unglaublich. Er bedankt sich wieder und wieder überschwänglich und winkt lange, als er aussteigen muss und ich noch eine Station weiterfahre. Ganz gerührt.

Ich bin gerade ausgestigen und die alte Dame kommt mir am Stock entgegen, vor ihr springt ihre jüngste Enkelin hin und her. Das Mädchen ist neu in die Nähe der Grossmutter gezogen, sie und ihre Eltern haben vorher in Amerika gelebt und drum frage ich, wie sie sich alle eingewöhnt hätten. Die alte Dame seufzt und meint, es sei einfach so schwierig, beide Eltern hätten keine Arbeit. Ich finde das auch etwas Schreckliches und frage, ob es mit der Unterstützung oder dem Stempeln klappe? Ja, das schon. Aber es sei halt ein Minimalbetrag.

Wenn sie sich nur vorstelle, wie viele Ausländer hier einfach so mir nichts dir nichts in die Schweiz kommen und die hohle Hand machten, wie man ihnen einfach alles hinterher werfe und sie, sie müsse ihre arbeitsame Tochter und ihren begabten Schwiegersohn hier einfach mit dem Minimum abspeisen, dabei seien sie alle richtige Schweizer!

Unerwähnt bleibt, dass die Tochter vor Jahren nach Israel ausgewandert ist und dort den Sohn eines ebenfalls migrierten Schweizers geheiratet hat, welcher kein Wort in einer unserer Landessprachen spricht. Beide wollten nicht länger im Kibbuz leben und verliessen Israel in Richtung Amerika. Dort wiederum entschieden sie sich für die Schweiz, mit der die Frau seit ihrem Berufsabschluss keine Erfahrung mehr und der Mann noch gar nie Kontakt gehabt hatte.

Das fidele Mädchen hüpft singend am Randstein, während die Grossmutter mir weitere Untaten der Sündenböcke ohne Schweizer Pass aufzählt. Ich hoffe inbrünstig, dass die Lederjacken der Tamilen nicht dabei sein werden und gottlob kommen nur die Brillen. (Flüchtlinge bekommen bei uns soviel ich weiss wirklich eine Brille, wenn sie nichts sehen. Einheimische müssen ihre Brille hingegen selber berappen. Eine Schande so etwas.)

Ich stehe an der Bushaltestelle und beobachte die Erweiterung der Taubenplage an der Blockfront. Leise zupft mich jemand am Ärmel. Die Frau, die unter meiner Mutter wohnt, beugt sich vor und sagt: „Ich habe Bescheid bekommen vom Baumgarten.“

Ich verstehe. Das bedeutet, dass sie sich jetzt entscheiden muss, ob sie ins Altersheim umzieht. Wenn sie noch rüstig zügelt, kann sie noch vieles selber bestimmen, wenn sie zu lange wartet, wird für sie entschieden und sie muss sich irgenwo in ein Zimmer hineinquetschen lassen.

Ich frage zögernd „Und, haben sie sich schon etwas dazu überlegt?“

„Ach!“ Sie legt die eine Hand an die Schläfe die andere, mit der beigen Handtasche am dünnen Unterarm, ans Herz. Dann reisst sie beide Hände in entgegengesetzter Richtung auseinander und ruft: „Kopf und Herz sind so weit auseinander wie nie zuvor!“.

Albert berichtet von den Kies- und Sandsteingruben in der Region. Wie er in jungen Jahren mit der Brechstange die Nagelfluh auseinander trieb, um “Grien” (Kies) für den Strassenbau zu gewinnen. Davon gabs genug in der “Zimmerachs” oder im “Gschneit”. Auch an Sandstein mangelte es nicht. Schon im 9. Jahrhundert wurde dieser für den Klosterbau benutzt. Leider hatten die damaligen “Gastarbeiter” keine grosse Ahnung vom Verlegen der Platten, wussten nicht, dass man sie in der gleichen Richtung wie sie gebrochen wurden, auch einsetzten musste, damit sie der Witterung stand hielten.
Von einem solcher Pfusch am Bau, der sich erst nach einigen Jahrhunderten bemerkbar machte, kann der Münster-Architekt heute nur träumen.

Bevor die Gemeinde vor ein paar Jahren einen teuren Traktor anschaffte, leisteten die Männer im Herbst und im Frühling ihren Arbeitsdienst. Zum “Gmiine” ging mann gern. Wege und Zufahrtsstrassen wurden geputzt, die überwachsenen Ränder gerade gehackt, Zäune geflickt, Löcher mit Kies aufgefüllt und die Regenrinnen neu ausgehoben.
War der Briefträger Marti beim “Wägen” (Wege reparieren) auch mit dabei, gabs Neuigkeiten aus der Welt. Einiges, was man so hörte, blieb bis heute rätselhaft. Was wollte z.B. dieser Rudolf Hess eigentlich in Schottland?

Das “Pyri” ist heute Abend so voll wie vor dreissig Jahren. Auf den windgeschützten Plätzen sitzen immer noch die Bärtigen von damals, sind auf den Eckbänken, den bünzligen, ergraut. Auch mir passt der Platz im hinteren Teil der Gaststube noch wie angegossen. Über meinem Kopf spielt Basel gegen Strasbourg, und ab und zu sehe ich im Spiegel an der Wand gegenüber Eduardo oder einen der beiden Degen vorbeipreschen.
M. und G. erzählen von alten Filmen, von Konzerten mit Bob Dylan, Joan Baez, Eric Clapton, Johnny Cash, Tom Williams und dessen Enkelin Holly, von abgestürzten Privatflugzeugen und den Insassen – alle von den Göttern Geliebte.
He nu, auf jeden Fall (2 Füllwörter) erreiche ich den Bus der Linie 14 zwar etwas schwankend, aber sicher, nachdem ich von Nr. 10 beim Kornhaus beinahe …
Zu dieser Zeit sind ganz andere Leute auf dem Weg nach Westen: Frau B. kommt vom Putzen. Das Leben mit drei Kindern ist teuer – schlimm. Meine Sitznachbarin, eine ältere Frau, hat eben die Schwester besucht, will nach Hause. Die Biese – schlimm. Sie möchte wissen, wo ich arbeite. Ah, Bücher, interessant. Die Schwester liest auch so Geschichten. Nein, sie erzählt ihr keine. Aber ins Theater könnten sie zusammen gehen. In “Ds Vreneli ab em Guggisberg”. Soll sie sich das anschauen? Wäre das etwas für sie? Ich rate wärmstens zu einem Besuch, obwohl die Geschichte eigentlich traurig…
An der Endstation steige ich aus, mein Brot, das ich am Mittag gekauft hatte, unter den Arm geklemmt.
Es ist Zeit, dass ich dem Bier endlich Boden gebe.

Klimaerwärmung
Ein Klick Blick aus meinem Büro.

Liebste Frau

Das finde ich auch.

Heute haben wir einen neuen Teacher bekommen, er ist zwar nett und gescheit, hat aber leider noch nie etwas von Didaktik gehört.. er spricht so unendlich, dass sogar die deutschen Kollegen finden, er spräche ohne “Punkt und Komma”.. Und dann immer noch alles voller Füllwörter, “dann ist das ganz wichtig, dass Sie das wissen, einfach, dass Sie hier mal sozusagen als Basis einsteigen und dann von hier aus quasi weitergehen und dann alle weiterführenden Aufgaben von hier aus erledigen können, wenn Sie hier quasi mal gestartet sind; nun, also, auf der nächsten Seite sehen Sie nochmal so eine Zusammenfassung, was Ihnen quasi nochmal zeigt, wie das alles aufgebaut ist, sozusagen, und ich sage Ihnen das nun einmal, ich weiss, es klingt nach viel Neuem – es IST viel Neues, das wird dann für die Zertifizierung schon wichtig, also nicht grad jedes Details, aber sozusagen die Grundlage, nur damit Sie jetzt diese Begriffe schon mal gehört haben, wir kommen dann in den nächsten Kapiteln, vier oder fünf, wieder darauf zurück, und dann haben Sie es dann ja schon mal gehört, also wenn wir uns jetzt nochmal dieses Schema anschauen, dann sehen wir hier wieder diese Komponenten, die sozusagen als Basis für alles andere ”....

Gute Nacht.

Während meiner Ferienwoche in Kosovo ist Slobodan Milosevic gestorben. In dem Dorf, wo ich mit meinem Mann seine Verwandten besucht und gewohnt habe, gab es seit Rugovas Tod gar keinen Strom mehr. Stellt euch vor, mit Milosevics Tod ist der Strom zurückgekehrt. Zwar nur wenige Stunden pro Tag, aber diese sparen viele Euros für das Benzin für den Generator.

Als die Familie vom Tod des Kriegsverbrechers erfuhr, wollten sie die Nachricht erst gar nicht wahrhaben. Das sei ein Gerücht.

Als sie dann den Leichenwagen sahen, der Milosevic zur Autopsie nach Russland brachte, glaubten sie an Selbstmord, da ihm in den kommenden Tagen wichtige Aussagen bevorstanden, in denen er weitere Kriegsverbrecher hätte verraten müssen. Eine Cousine von 2rd, 2rd male meinte: „Hoffentlich setzen ihm die Russen kein neues Herz ein.“

Sicherlich flackerte in den Köpfen der Familienmitglieder ein erster Gedanke auf: „Gut, dass er gestorben ist.“ Ein wenig Freude hatten sie schon. Aber wen befriedigt dieser Tod schon? Die Getöteten werden nicht wieder lebendig, viele Schusslöcher sind immer noch zu sehen, die schwarzen Wände, die Ruinen, das traumatisierte Volk, die Erinnerungen, der Hass bleiben. Die Familie hätte sich gewünscht, dass Milosevic der Prozess zu Ende gemacht, dass er gerecht bestraft würde, dass er noch mehr hätte erzählen müssen. Ansonsten hätte er 20 Jahre früher sterben sollen, denn jetzt habe er ja all seine Ziele erreicht.

Ebenso war die Familie über die Berichterstattung des kosovarischen Fernsehens enttäuscht. Es hat ausgesehen, als würde Slobodan vom ganzen serbischen Volk betrauert, als hätte er als Kriegsheld sein Leben gelassen, als wäre er rundum geliebt. War es nicht das serbische Volk, das sein Haus in Belgrad angezündet und ihn ins Gefängnis getrieben hat?

Aber eigentlich interessiert Milosevics Tod die Familie gar nicht besonders. Sie haben andere Sorgen. Seit Rugovas Tod laufe nichts mehr in geordneten Bahnen. Die Probleme und Ängste häufen sich.

Rugova ka shku,
Kosova ka maru.“

Rugova ist von uns gegangen,
Kosovo ist verloren.

Viele Politiker haben in der vergangenen Woche ihre Posten gewechselt, aufgegeben oder sind gar gestürzt worden. Niemand weiss, um was es eigentlich geht und was aus der Provinz werden wird. Es herrscht ein Durcheinander und das Volk befürchtet, Korruption übernehme die Herrschaft. Jeder kämpft für einen Stuhl, für seine Stellung, für die eigene Karriere, nicht für eine bessere Zukunft des Landes. Milosevics Tod nützt in dem Sinne keinem.

Ja, ihr Sohn, ihr eigener Sohn, hat ihr 1’800.—Fr. gestohlen, welche sie von der Bank geholt hatte gerade kurz bevor sie damit zum Einzahlen auf die Post wollte. Viel hat sie erwartet, vieles erlebt, aber das! Das hätte sie nie gedacht. Also sie redet nur noch das Nötigste mit ihm, er ist ja schon länger weg, in Grosshöchstetten. Und sein jüngerer Bruder, der redet auch nur noch das Nötigste mit ihm. Auch er, er hätte das nie von seinem Bruder gedacht, dass er dazu im Stande ist. Sie hat mit allen telefoniert, denen sie nun nichts einzahlen konnte. Also auch mit der swisscom, bevor die noch das Telefon abstellt, die wollen jetzt eine Lösung suchen und melden, ob sie noch Zeit gewähren können. Sie braucht dieses Geld zurück, aber sofort, sonst schlägt sie noch drein. Sie spürt sich schon nicht mehr und der Sohn hat ja einen Beistand, diese grosshöchstetter Schlampe! Zu der ist sie schon vorbeigegangen und was hat sie gesagt? Ja, sie werde ganz nett mit dem Sohn reden, sie müsse ja beide Seiten hören und passiert ist halt passiert. Diese himmeltraurige Kuh, diese…! Sie kann nicht mehr schlafen, ihr Portemonnaie ist leer, ja, schau nur, es ist nichts mehr drin, jetzt gibt es nichts mehr zu holen für den Sohn, der seine eigene Mutter beklaut. Sie wird ihr ganzen Leben lang, bis ans Ende, ja, bis dann wird sie immer 1’800.—Fr. im Verzug sein, wenn dieses Geld nicht zurückkommt. Das, das hätte sie nie von ihm gedacht, sie hat ja gewusst, dass er schwierig ist und an der Fasnacht hat sie ihn von Weitem gesehen, sein Arm war im Gips, der hat das Geld doch für eine Grossanschaffung gebraucht, das ist doch gar nicht mehr da. Aber das, das hätte er ihr nicht antun müssen.

[Ich hatte der Frau schon Anfang Monat Ess- und Alltagswaren ageboten – ich gebe nur Naturalien, kein Geld, alle im Block wissen das. Aber sie will nur reden.]

Im oberen Teil des Ladens ist es finster. Aus einem Lautsprecher dröhnt Musik. Die Frau an der Kasse versucht, einige verregnete Jugendliche daran zu hindern, sich mit Gratis-Maltesers-Säckchen aus einem Korb zu bedienen. Die süssen Kugeln bekomme man nur, wenn man etwas kaufe. Ein Mädchen mault: “Hier steht aber gratis, also muss ich nichts kaufen.” Zufrieden ziehen die Kids mit den Maltesers ab, denn die Verkäuferin ist nicht dumm. Aus den herunter hängenden Kopfhörerpaaren tönen die neuesten Hits. Ich stehe ein bisschen im Weg und ziehe mich in die Ecke der Hörbücher zurück zu “Mein Leben” von Bill Clinton und dem “Zauberer von Oz”. Im “citydisc” ist das der einzig mögliche Platz zum Warten.
Eigentlich begleite ich meinen Enkel. Er ist auf der Suche nach einer älteren CD von Sido. Der Bub hat einen Gutschein und ein paar gesparte Franken Taschengeld.
Darf ich als Grossmutter einen solchen Kauf unterstützen, mitfinanzieren? Sind diese provokativen Texte nicht schädlich? Hätte ich mich doch früher informiert, mit den Eltern des Kindes geredet! Nun ist es zu spät. Glücklich steht 3rd in der langen Schlange vor der Kasse. Endlich hat er die “Maske” gefunden. Er bekommt 10 Rappen zurück und ein Säcklein Maltesers dazu. Mit den Zähnen reisst er im Bus die CD-Verpackung auf. Im Booklet sind keine Songtexte zu finden, nur das Bild einer Frau mit einem Brustwarzenpiercing.
(Gerade habe ich gelesen, dass der Sohn des Künstlers keine Sido-Musik hören darf!)
Nun vertraue ich auf das gute Fundament, welches der Bub musikmässig in den beinahe elf Jahren seines Lebens mit bekommen hat: Mozart, Bach und Smetana, Beatles und Jonny Cash, Elvis, die grossen spanischen Gitarristen, Franz Hohler und Mani Matter… Da kann eine Grossmutter nichts verderben.

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