2007


Verbunden 5

Wir sollen ihn nicht stören, wenn er ruhig liege, meint Grossvater. Aber da sein – das sei schon gut.

Im vergangenen Mai standen eines Tages zwei Geranien (in Orlando-Rot) vor meinem Bürofenster im ersten Stock. Der Wirt vom Erdgeschoss teilte mir mit, das sei seine eiserne Reserve. Falls “die Chaoten” mal durch die Lauben zögen und seine Pflanzen auf der Terrasse zerstörten, hätte er dann doch noch geranienmässig passenden Nachschub. Natürlich würde er die beiden auf der Ersatzbank regelmässig giessen, wenn ich nur den sicheren Platz …
Als Hasserin von privatem Grünzeug in Büros hätte ich nein sagen sollen.
Zuerst klappte es mit dem Giessen. Aber als ich nach den Sommerferien wieder zur Arbeit kam, waren die Geranien ledrig braun, staken trocken in ihren verzinkten Blechtöpfen und wurden, als ich sie auf ein Lebenszeichen untersuchte, gerade von einem jungen Chinesen fotografiert. Die altehrwürdige Sandsteinfassade, das vergoldete Fenstergeländer aus Schmiedeeisen und ich kamen auch drauf.
Die Chaoten blieben aus. Sogar diejenigen vom 6. Oktober liessen die Blumenkisten in Ruhe. Die einst siechende eiserne Reserve wird schon längst von mir regelmässig gegossen und von dürren Blättern und Blüten befreit.
Die Trockenzeit sieht man ihnen nicht mehr an und bei weiterer Zuwendung meinerseits werden die Geranien sowohl den Zibelemärit als auch die Weihnachtbeleuchtung in voller Frische erleben.

Knoepfe

Auf welchen Umwegen diese Knöpfe vor vielen Jahren in die “Nähtrucke” meiner Mutter kamen, weiss ich nicht. Es ist gut möglich, dass sie aus dem Fachgeschäft in der Mollardgasse stammen, in welchem sich heute eine Schokoladenmanufaktur befindet, die solche Knöpfe aus feinster Schokolade herstellt.

Je dunkler, desto genauer weiss ich, was die im Block vis à vis so machen. Und umgekehrt wissen die vis à vis was ich so tu. Allerdings sehe ich denen durch die grossen Fensterfronten direkt in die Stuben und auf die Bildschirme, die jetzt Screens heissen und zu den Objekten gehören, die sicher die letzten zehn Jahre das grösste Wachstum erfahren haben. Doch auch die haushälterischen Aktivitäten lassen sich über den Balkon und die Fensterfront gut beobachten, und weil die auf den Winter hin zunehmen, lasse ich mich jeweils anstecken und mache mir zumindest stundenweise vor, ich hätte es im Griff.

Das Praktische dabei ist, dass ich bei achthundert Nachbarn immer ein Vorbild finde, welches gerade zu meiner momentanen Stimmung passt. Was allerdings nicht bedeutet, dass sich jeder als solches eignet. Nacktes Rauchen auf dem novemberlichen Balkon meide ich beispielsweise genauso wie das Abtauen der Kühltruhe ebenda. Auch exzessive Geranienpflege bis weit in den Herbst erschient mir nicht nachahmenswert, ganauso wenig wie das abwechselnde Aushängen von Vogelkäfigen im Viertelstundentakt.

Das Putzen des Taubendrecks, das Auschütteln der Teppiche und das Einwintern der mediterranen Balkonpflanzen – das ist hingegen sehr anregend.

Letzthin ist mir ein Blusenknopf auf die Strasse gefallen und durch das Absperrgitter zum Bauplatz gerollt. Eine Nachbarin mit Einkaufswagen bückte sich, suchte sich im Abfall am Strassenrand eine Plastikleiste und half mir, den Entronnenen durch die Maschen auf unsere Seite zu bugsieren.
Ausnahmsweise sah ich im Zusammenhang mit der verdreckten Strasse einmal das halb volle Glas.
Trotzdem habe ich gestern den Obersten der Stadtreinigung, Herrn Hummel angerufen, um ihm mitzuteilen, dass bei uns im Quartier schon seit drei Wochen die Strasse nicht gereinigt wurde. Herr Hummel war aufgebracht und sprach mir laut ins Ohr. Er wolle mit mir in fünf Minuten eine Ortsbesichtigung machen, denn es hätte keinen Sinn, wenn wir einander die Lampe füllten und nicht von derselben Strasse sprächen. Ausserdem seien die Reinigungsanstrengungen seiner- und seiner Mannen seits gesteigert worden. Das sei sein politischer Auftrag, das lärm- und schmutzgeplagte Quartier am Rande einer Grossbaustelle ganz besonders zu bedienen. Er wurde immer lauter und meinte, dass ich nicht verlangen könne, dass ein einsamer Zigarettenstummel irgendwo draussen in der Geröllhalde oder eine Handvoll Kastanien unter einem Baum vom Reinigungspersonal entdeckt und entsorgt werden.
Er bekomme jeden Tag hundert solche Anrufe!
Wir einigten uns darauf, dass jemand aus dem Quartier mit ihm eine Ortsbesichtigung und ihn auf die neuralgischen Stellen aufmerksam macht.
Am Abend, als ich nach Hause kam, war das Strässchen geputzt.
Danke, Herr Hummel, Sie wussten also die ganze Zeit, worüber ich sprach.

“Hüt isch nid Samichlousetag, gäu nid, nid Chlousetag?” fragt der Mann aus dem Wohnheim die Frau auf dem Sitz ihm gegenüber.
“I möcht itz mit mire Fründin rede, bittee, u nid mit öich übere Samichlous”, weist ihn die Frau zurecht.
“Wei mer lieber über ds Spital rede?”
“Neeei!”
“De gani, u suech-n-i öpper, wo wott übere Samichlous rede.”
Der Mann steht auf und setzt sich auf einen anderen Platz.
“Dr Esu het Angscht vor em Hung. Dr Hung het Chraue, dr Esu nid.”
“Aber dr Samichlous”, meint einer der Fahrgäste.
“Dr Esu cha o biise, nid nume dr Hung.”
Weiterer Fahrgast: “Ja, är biisst dr Samichlous.”
“Dr Samichlous macht mer nüt mit dr Ruete, tuet mi nid houe.”
Dritter Fahrgast: “Aber är hout drmit dr Hung.”
Vierter Fahrgast: “U ou dr Esu.” Und genervt zu dem Mann aus dem Wohnheim: “U di chrauet-er mit sine Chraue.”
“Aber hüt no nid,” meint dieser zuversichtlich, “hüt isch no nid Samichlousetag.”

Blick zurueck

Seit einigen Wochen lebt Albert im Pflegeheim, nicht allzu weit weg von seinem früheren Zuhause. Einen weiteren Winter hätte der 92jährige allein im alten Bauernhaus nicht geschafft. Schon wegen der anstrengenden Heizerei. Ausserdem hatten die von ihm heiss geliebten und verwöhnten Katzen längst die Herrschaft über seinen bescheidenen Haushalt übernommen, frassen ihm Teller und Pfannen leer und hatten sogar gelernt, die Milch aus dem Beutel zu trinken, wenn ein Strohalm drin steckte.
Albert gehört schon seit Jahren zu den Samstags-Gästen meines Vaters. Nachdem ich ihm vor Jahren die alten Fotos geordnet hatte, schauen wir sie immer wieder zusammen an. Er sei froh, dass ich alles geordnet und angeschrieben hätte. Es wäre sonst sicher verloren gegangen, meint er. Albert nimmt seine Brille aus der Chuttebuese, um das Foto, welches man beim Abbruch seines Bienenhauses gefunden hatte, genau zu betrachten. Es zeigt seinen Onkel Fritz, die Grosseltern Christian und Maria und rechts aussen seine junge schöne Mutter in einer weissen Bluse vor dem Bauernhaus.
Zwei Bilder trägt Albert immer bei sich: eine Ansicht seines kleinen Dorfes aus den dreissiger Jahren und dasjenige einer Theatergruppe, aufgenommen vor dem “Bären”. In der vordersten Reihe sitzt Marie, die Frau seines Herzens.
Hätte er sie doch damals vor siebzig Jahren nur angesprochen, als sie auf einer Reise nach Goppenstein im gleichen Abteil sass. Seine Kameraden hatten ihn noch ermuntert, aber ihm sei das zu “stotzig” gekommen und wieder habe er, wie eigentlich immer in seinem Leben, eine gute Gelegenheit verpasst.
Dass das Brillenglas zersprungen ist, stört ihn nicht, er hat das Gefühl, jetzt sogar besser zu sehen.

Ich gehe mit einer Tasche voller Blumenzwiebeln und einigen Schaufeln in den Kindergarten, stelle die Zwiebeln, die Werkzeuge und mich im “Kreisli” vor.
“Bist du die Blumenfee?” fragt mich ein Junge in Juve-Shirt. Wer sich alt, ungeliebt, nutzlos und/oder zu dick fühlt, sollte wirklich einmal ein Ämtli in einem Kindergarten übernehmen, denke ich. Trotz der eiskalten Bise wird es ein munteres Pflanzen rund ums neue Holzhaus. Bald wissen vierzig Kinder, was bei den Zwiebeln unten und oben ist, wie man die Schaufel hinstellt, damit sie nicht umfällt, wie das Pflanzloch mit Erde aufgefüllt und mit der Grasscholle zugedeckt wird. Anschliessend entstehen die prächtigsten Zeichnungen von bunten Blumen, so dass ich nur hoffen kann, die Mäuse finden im kommenden Winter etwas anderes zu fressen, als unsere 272 Blumenzwiebeln.
Nun haben nicht nur die Kinder, sondern auch die Krokus-, Schnee-, Märzen- und Aprilglockenzwiebeln einen neuen Ort zum weiter Wachsen gefunden.

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Ich frage eine Freundin, die eben eine Stelle in einem Bundesamt angetreten hat, wie ihr der neue Arbeitsplatz gefalle.
“Es ist der erste in meinem Leben mit Damentoiletten im Überfluss.”


(Karte: Judith Bärtschi)

Zieh dir für den jeweiligen Tag, oder wenn du eine Frage hast, eine Karte heraus und vergolde deinen Alltag, indem du ihre tiefere Bedeutung in dein Leben integrierst

Diese Karte möchte ich mit allen teilen, die mir heute ihr Beileid zu den Wahlen bekundet haben. Merci – siehe oben.

Gestern hat das Quartier, in dem “blogk.ch” steht, sein 40. Jubiläum gefeiert. Die öffentliche Meinung dazu ist, dass das Quartier damals eines mit Pinoiergeist war und heute eines mit Problemen ist. Vergessen geht oft, dass das, was im Rückblick zum Pioniergeist avanciert, in der Gegenwart eine Reaktion auf Probleme war. Wäre gut möglich, dass das, was wir hier und heute an Herausforderungen zu bewältigen suchen, in vierzig Jahren auch als Pioniergeist gilt. Auch wenn es nicht mehr Skirennen, Risottokochen und Geranienmärkte sind.

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Coop-Magaziner beim Jubel-Frühstück: Du musst wissen, wenn ein Chef dich fertig machen will, kann er. Egal ob Bosnien, Schweiz, egal ob gute Job oder schlechte, egal viel Gewerkschaf, wenig Gewerkschaft. Egal viel Korruption, wenig Korruption. Er kann einfach, bei ihm ist Macht.

Ich: Kann schon sein. Kommt deine Frau auch noch?

Coop-Magaziner: Nein, sie arbeitet. Ich gehe nachher mit Zwillinge bei ihr in Coop essen. Geld muss fliessen. Coop zahlt unsere Lohn, ich zahle damit Mittagessen bei Coop.

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Mädchen an einem Sinneswettbewerb. Mit verbundenen Augen diktiert es mir, was es nach Tasten, Riechen und Schmecken in den Gläsern vermutet:

Mädchen beim Paniermehl: Brot klein gemacht zu Sand.
beim Fencheltee: Tee für mein klein Bruder.
bei Muskatnuss: Nuss, die meine Mutter reibt.
bei Zimstängel: Vanillestängel für Weihnachten.
bei Grillspiess: Du fädelst Gemüse und Fleisch darauf.
bei Cellophansack-Verschlüssen: Metallteile zum Schliessen von Säcklein die sind wie ein Fenster.
bei Steckmasse für Blumengestecke: Hier steckt meine Mutter schöne Blumen rein und ich meine Finger.

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Ehemalige Bewohnerin: Ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Ins Altersheim, bevor ich alt bin. Was hätte ich nur gemacht auf dieser Baustelle hier? Zwar, die Aussicht, die ist schon anders, lauter Bäume vor den Fenstern. Eigentlich soll man dagegen nichts sagen, aber der Sonnenaufgang und der Sonnenuntergang, die fehlen mir schon. Allerdings soll man nicht klagen, dass es vergangen, sondern dankbar sein, dass es gewesen. Vierzig Jahre lang im zwölften Stock. Das war schon etwas Besonderes.

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Bewohnerin (hat vier Kinder alleine grossgezogen) leise zu mir:
Heute bekommt mein B. den Ehrerndoktor der Uni K. Ich meine, wer hätte das gedacht, als er sich einst selber töten wollte? Du weisst ja, die Pfadi, die hat damals sehr schlecht reagiert, als er sich geoutet hat, er war hier ja Jahre sehr sehr aktiv. Und was ist danach passiert, als B. bei ihnen aufgehört hat, was? Es ist nur noch abwärts gegangen mit der Pfadi und das freut mich bis heute. Das musste damals so sein, dass ich diesen zerrissenen Brief im Abfall gefunden habe, es ist alles genau richtig herausgekommen. Jetzt ist er Quantenphysiker und seit heute Dr. Dr. Zuerst wollte er ja nur noch für die Bewegung arbeiten, aber ich und alle Geschwister haben gesagt, das ist doch kein Beruf, das ist doch einfach eine sexulle Orientierung, das reicht doch nicht als Lebenshinhalt! Und dem 20 Minuten habe ich auch gerade geschrieben, als sie diese Liste mit den homosexuellen Kandidierenden gemacht haben, die hätten besser erklärt, wofür diese Leute stehen! Dass Diskriminierung nicht sein darf, das gilt für alle und jeden! Auch für mich. Ich sage jedem, der mich dumm auf meine schwulen Söhne anspricht: Wer sie beleidigt, beleidigt auch mich, wer sie nicht respektiert, respektiert mich nicht. Die Haltung ist entscheidend und nicht die Orientierung.

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Ein Pöstler: Nach vierzig Jahren haben sie mir nun auf der Schanzenpost gekündigt. Ich arbeite jetzt auf der Sihlpost. Ich hätte mir das nicht gedacht, dass das geht, aber es geht. Es war nicht in Ordnung, dass sie es mir so spät gesagt haben, dass sie mich versetzen müssen. Ich war ja vorher noch nicht oft in Zürich, ich kannte das nicht. Aber sonst geht es.

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Es ist 23 Uhr. Zusammen mit einer Nachbarin, die gerade ihren Spätdienst im Pflegeheim beendet hat, steige ich aus dem Bus. An der Haltestelle wird sie von Ehemann und Schwägerin abgeholt. Als ich zu meinem Block abbiege, bietet sich der Mann an, mich zu begleiten, denn um diese Zeit sei es nicht mehr angebracht, als Frau allein unterwegs zu sein. Als “Mosslem” könne er das nicht akzeptieren. Ich bekomme einen Lachanfall und sage, dass ich in meinem Leben schon Schwierigeres bewältigt hätte, als hundert Meter allein zu gehen, z.B. einige Kinder gross ziehen. Das gefällt ihm gar nicht. Ich müsse wissen, dass bei den “Mosslems” die Sache umgekehrt sei. Da habe man Respekt gegen oben zu den Alten. Er hebt den Arm über seinen Kopf. Wir hier in der Schweiz hätten Respekt nur gegen unten zu den Kindern. Er geht in die Knie: so tief unten sei unser Respekt. Das ist mir dann doch zuviel, und auch ich beginne zu zeigen, wohin mein Respekt reiche: nach oben, nach unten, zu ihm und zu mir.
“Ausserdem bin ich schon zu Hause. Das hier ist mein Vorzimmer.” Ich zeige auf die Strasse mit den Herbstblättern und den zerfledderten Gratiszeitungen:
“Zwar ein bisschen schmutzig, aber ich warte auf den nächsten Windstoss.”
Endlich gibt der Mann auf, denn verrückte Frauen muss ein “Mosslem” wirklich nicht begleiten.

Sie vertrauen Dr. Blumenthal voll und ganz, obwohl er alt und ein Jude ist und an einem Stock durch seine Praxis tappt. In den vergangenen zwanzig Jahren hat der Arzt die zahlreichen Mitglieder der kurdischen Sippe durch Kinderkrankheiten, Geburten, Arbeitsunfälle, Magengeschwüre, Tumore und Depressionen begleitet, ohne je einmal die Geduld oder den Humor zu verlieren. Sein junger türkischer Kollege aus der Praxisgemeinschaft ist da ganz anders, fertigt er doch in der gleichen Zeit das Mehrfache an Patienten ab. “Haide, haide – los, auf gehts” treibt er die Leute an. Er kann sich verständlicherweise einen Offroader leisten, dieser “Dr. Haide”, während Dr. Blumenthal eine alte Karre fährt. Grossmutter, die sich vor einem Besuch bei ihrem Arzt immer sorgfältig einkremt und frisiert, hat ihm letzthin ein Hemd geschenkt. Der Doktor wollte es zuerst nicht annehmen. Erst, als die alte Frau drohte, dann werde sie halt wieder depressiv und sei dazu erst noch beleidigt, liess er sich erweichen.
Nächste Woche bekommt Grossvater Hasan eine neue Herzklappe. Dr. Blumenthal hat zu einer biologischen geraten, vom Schwein oder vom Rind. In diesem Falle aus religiösen Gründen wohl besser vom Rind?
“Egal, ob Schwein oder Rind, wenns um die Gesundheit geht,” meint Tochter Aliva resolut,”wer heimlich Schinkenbrote verputzt, kanns auch mit einer Herzklappe vom Schwein!”

Wort

Vorsorglich hatten wir Wasser, Schokolade, Wäsche zum Wechseln und genug Lesestoff eingepackt, aber der ICE brachte uns wohlbehalten und pünktlich nach Frankfurt;-)

Um das Podiumsgespräch “Katalnische Frauen (be)schreiben die Welt” nicht zu verpassen, begab ich mich früh ins Lesezelt. Ich bekam also noch die letzte Viertelstunde der Diskussion “Lust statt Frust – Meine Wohlfühlformel” mit. Auf dem Podium sass Erika Berger zusammen mit ihrem Verleger oder wars doch Oswald Kolle? Obwohl die abgeschabten Klappstühle nur spärlich von älteren MesseläuferInnen in sportlichem Schuhwerk besetzt waren, gab die Sexberaterin und Autorin von Lebenshilfe-Büchern jedem ein bisschen von ihrem Strahlen ab. Hier war ein Vollweibprofi am Werk. Das fand ich cool. Es ging um die Wechseljahre. Darüber erzählte Frau Berger nichts Neues, aber sie tat dies frisch, temperamentvoll, schlagfertig und mit Humor – eine Traumautorin für den Verlag . Ein weisshaariger Herr fotografiert begeistert. Erika Berger macht ihm ein Kompliment für seien kanariengelben Pulli, welcher ihm sehr gut stehe und ihn von den Heerscharen der grauen Mäuseriche abhebe. Sie selber pflege Kleider- wie Hautfalten liebevoll und halte sich von Schönheitschirurgen fern. Überhaupt sei Schönheit, entgegen anderer Behauptungen, keine Frage des Geldes, denn eine Gurke und ein Ei wirkten Wunder. Ihre 68 Jahre verschweigt sie keineswegs, auch nicht das Enkelkind, was leider viele Frauen täten. Natürlich kann die Fachfrau aus einem reichen persönlichen Fundus schöpfen und zögert auch bei der kecken Frage des Moderators, ob sie schon einmal eine Beziehung zu einer Frau … , keine Sekunde, was diesen dann schon ein bisschen verunsichert und ihn zu dem Witzchen verleitet: “Ich gestehe, dass auch ich schon mal eine sehr schöne Beziehung zu einer Frau hatte.”

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Eigentlich wollte er an diesem Samstag das Herbstlaub im Garten zusammen rechen, gemütlich eine Zigarre rauchen und nach getaner Arbeit eine Flasche Twanner Frauenkopf aufmachen, als das bundesrätliche SMS ihn aus seiner Ruhe riss. Ohne lange zu überlegen pfiff er den Hunden, legte ihnen die Sonntagsleinen an und machte sich, noch in der Gartenschürze auf Richtung Klösterlistutz. Übermütig beinelten seine drei treuen Gefährten neben ihm her, dem Geruch nach Bär, dem Klang der Kuhglocken und der lüpfigen Volksmusik entgegen.
Er wusste, das war sein ganz persönlicher Gang nach Canossa, aber als Stadtpräsident blieb ihm keine andere Wahl. Er war jetzt ganz auf sich allein gestellt! Ehrlich gesagt, hatte er schon sein ganzes Leben lang nach einer solchen Herausforderung gelechzt und sich gewünscht, endlich aus dem Schatten seines Vaters zu treten. Obwohl es einen Moment der Überwindung brauchte, sich vom Herbstlaub zu trennen, wusste er sogleich:
D a s war die Gelegenheit auch ein “Stadtvater” zu werden: die übrigen Gemeinderatsmitglieder weilten in den wohlverdienten Herbstferien, Bunderat Schmied konnte das Parlamentsgebäude der Chaoten wegen nicht verlassen und Regierungsrat Luginbühl hatte sich vor den Tränengasschwaden in der Altstadt auf leisen Sohlen davon gemacht.
In wenigen Sekunden zogen die Konsequenzen, welche ihn erwarteten, an seinem inneren Auge vorbei: Die lustigen Teilnehmer an der Kundgebung für eine sichere und saubere Schweiz dort unten an der Aare würden ihn auslachen, ja, mit ihren Kuhglocken ausschwengeln. Der dazugehörige Bundesrat würde eventuell höhnisch lächeln und ihm und den Hunden den Gratis-Festschüblig verweigern, die JUSOs würden ihn hassen und als Verräter anprangern und seine ausgeruhten Ratskollegen kämenn mit den schärfsten Vorwürfen, er habe eigenmächtig gehandelt und viele seiner Parteigenossen würden ihn ab heute nicht mehr kennen.
Aber nun musste, ghoue oder gschtoche, gehandelt werden. An seine politische und private Zukunft wollte er jetzt, wo Bern in Not war und Ehre und guten Ruf zu verlieren hatte, nicht denken.
Das Geläute dröhnte in seinen Ohren. Seine Hunde zogen ihn durch einen Wald von Schweizerfahnen. Vor dem mit Geranien bekränzten Rednerpult beugte er Knie und Haupt, schaute dann aber entschlossen auf und sagte laut und deutlich aus ehrlichem Herzen: “Es tut mir Leid. So etwas sollte in meiner Stadt, der schönsten der ganzen Welt, nicht passieren!”

Nur schade, dass keiner der zahlreich anwesenden Reporter diese ergreifende und mutige Szene im Bild fest gehalten hat. Aber das ist wahrscheinlich das Los der stillen Helden im Herbst.

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