November 2007


Woran erkennt man die hoffnungslos Dummen hier in Bern West? Daran, dass sie immer noch Hoffnung haben. Besonders dann, wenn sich ein hochkarätiges Team von Journalisten, Schriftstellern und Fotografen zusammentut, um eine Festschrift zum 50. Jahr Hochhausssiedlung zu gestalten, beginnt bei einigen noch nicht ganz toten Ureinwohnern dieses Fünkchen zu glühen.
Nachdem ich schon mehrmals auf das neue Buch angesprochen wurde, werfe ich mich im regen Abendverkauf auf das gelbe Ledersofa in der Buchhandlung und blättere durch. Eine völlig fremde Welt, die meine Heimat seit 35 Jahren sein soll, tut sich mir auf. Die Herausgeber hatten aus den vielen hundert Familien wirklich die exotischsten und vielköpfigsten ausgesucht. Bei mir kommt die Frage auf, ob die Menschen vielleicht bernwestmässigbunt arrangiert und speziell fürs Foto drapiert wurden. Meine hübsche Nachbarin, ohne sie würde hier die Quartierarbeit gar nichts laufen, steht z.B. melancholischen Blicks zwischen zwei Betonpfeilern, auf dem Bild völlig isoliert und aus ihrem Tätigkeitsfeld gerissen. Die Hauswarte treten als Pajasse und Anhängsel ihrer Putzutensilien auf, und klar darf der Muslim auf dem Gebetsteppich nicht fehlen. Für spiessige Wohnzimmer mit schönen Möbeln, Lampen, Bildern, Büchergestellen, Spielzeugen, Arbeitstischen wird kein Platz verschwendet, sonst könnte das Klischee Schaden …
Sicher werden mir einige Leute das Buch zu Weihnachten schenken, weils so gut zu mir passt und wie für mich gemacht. Dann lese ich auch die Texte der fast ausnahmslos ortsfremden Autoren.
Das Ansichtsexemplar klappe ich wieder zu und lege es zurück auf den Ausstellungstisch. Dann werfe ich den Schal um den Hals, hänge die Tasche um, schnappe meinen Einkauf (Stichsäge, Sparlampe, Saft). Beim Hinausgehen lacht mich der 5. Band “Die Katze des Rabbiners” an. Da kann ich nicht widerstehen.

Es soll mir ja niemand sagen, ich sei wie die Leute aus New Bern, North Carolina. Die wurden von einem Schweizer fotografiert und hatten, bevor sie hier in Old Bern gefüttert, getränkt, getröstet, spazierengeführt und eines anderen belehrt wurden, keine Freude an den Bildern von ihrer Stadt.

Natürlich erfüllen wir Vater jeden Wunsch. Es Schlückli Wiisse oder Glüür, e murbi Bire mit gälbe Bäckli, es wysses Ggaffi oder, zu unserer Erheiterung, ein Ogi-Ei.
Vor mehr als zehn Jahren machte sich der damalige Bundesrat Adolf Ogi, Vorsteher des Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartements, Gedanken zum Strom sparen. Als praktischer Berner Oberländer aus bescheidenen Verhältnissen zeigte er den Hausfrauen, wie beim Eier kochen Energie gespart werden kann. Ehrlich gesagt, ich hielt das damals für einen Witz, besonders auch deshalb, weil BR Ogi gesagt haben soll, man könne nach seiner Methode mehrere Eier gleichzeitig kochen.
Item – Nun wollte Vater ein Ogi-Ei. Nach sechs Versuchen mussten wir feststellen, dass neben der Pflege eines Schwerkranken das Kochen von Ogi-Eiern unmöglich ist – sie brauchen zu viel Aufmerksamkeit!
Die beste Anleitung habe ich hier gefunden. Der Prophet hats ja im eigenen Vaterland oft schwer. Ausserhalb der Schweiz ist das Ogi-Ei nicht vergessen, und ich bin sicher, dass in zahlreichen hochherrschaftlichen Küchen rund um die Welt stromsparend Eier gekocht werden. Denn neben Kofi Annan und Madeleine Albright gab es unzählige politische Grössen, die nach einer Wanderung über die Chempen um Kandersteg ein geschwelltes Ei aus der Pfanne ihres urchigen Gastgebers zu schätzen wussten.

Es ist ihm zum Weinen nicht Recht, dass er gepflegt werden muss wie ein kleines Kind. Aber es ist schön, umgeben zu sein von “den Iigeten”, der eigenen Familie. Da versteht man ihn, weiss wovon er spricht, obwohl das Sprechen schwer fällt. Er erzählt der Pflegetochter von den Schmerzen und der Hilflosigkeit, die sein Pflegesohn Heinz erleiden musste und die er jetzt so gut verstehen kann.
Vater träumt sehr viel, taucht ab in andere Welten, wo Pferde übermütig im Schnee umhertoben, verfolgt von einem kleinen Jungen der einen Hütestock in der Hand hält. Die Leute wollen, dass der Bub rauskommt aus der Hofstatt. Aber Vater will ihn laufen lassen, den Pferden hinterher.
Auch der Habk, der Habicht, ist manchmal da und zieht seine Kreise.
Wahrscheinlich ist der Winter für Menschen, die ihr ganzes Leben lang eng mit der Natur verbunden waren, die passende Jahreszeit, um von ihr Abschied zu nehmen.

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Verbunden 5

Wir sollen ihn nicht stören, wenn er ruhig liege, meint Grossvater. Aber da sein – das sei schon gut.

Im vergangenen Mai standen eines Tages zwei Geranien (in Orlando-Rot) vor meinem Bürofenster im ersten Stock. Der Wirt vom Erdgeschoss teilte mir mit, das sei seine eiserne Reserve. Falls “die Chaoten” mal durch die Lauben zögen und seine Pflanzen auf der Terrasse zerstörten, hätte er dann doch noch geranienmässig passenden Nachschub. Natürlich würde er die beiden auf der Ersatzbank regelmässig giessen, wenn ich nur den sicheren Platz …
Als Hasserin von privatem Grünzeug in Büros hätte ich nein sagen sollen.
Zuerst klappte es mit dem Giessen. Aber als ich nach den Sommerferien wieder zur Arbeit kam, waren die Geranien ledrig braun, staken trocken in ihren verzinkten Blechtöpfen und wurden, als ich sie auf ein Lebenszeichen untersuchte, gerade von einem jungen Chinesen fotografiert. Die altehrwürdige Sandsteinfassade, das vergoldete Fenstergeländer aus Schmiedeeisen und ich kamen auch drauf.
Die Chaoten blieben aus. Sogar diejenigen vom 6. Oktober liessen die Blumenkisten in Ruhe. Die einst siechende eiserne Reserve wird schon längst von mir regelmässig gegossen und von dürren Blättern und Blüten befreit.
Die Trockenzeit sieht man ihnen nicht mehr an und bei weiterer Zuwendung meinerseits werden die Geranien sowohl den Zibelemärit als auch die Weihnachtbeleuchtung in voller Frische erleben.

Knoepfe

Auf welchen Umwegen diese Knöpfe vor vielen Jahren in die “Nähtrucke” meiner Mutter kamen, weiss ich nicht. Es ist gut möglich, dass sie aus dem Fachgeschäft in der Mollardgasse stammen, in welchem sich heute eine Schokoladenmanufaktur befindet, die solche Knöpfe aus feinster Schokolade herstellt.

Je dunkler, desto genauer weiss ich, was die im Block vis à vis so machen. Und umgekehrt wissen die vis à vis was ich so tu. Allerdings sehe ich denen durch die grossen Fensterfronten direkt in die Stuben und auf die Bildschirme, die jetzt Screens heissen und zu den Objekten gehören, die sicher die letzten zehn Jahre das grösste Wachstum erfahren haben. Doch auch die haushälterischen Aktivitäten lassen sich über den Balkon und die Fensterfront gut beobachten, und weil die auf den Winter hin zunehmen, lasse ich mich jeweils anstecken und mache mir zumindest stundenweise vor, ich hätte es im Griff.

Das Praktische dabei ist, dass ich bei achthundert Nachbarn immer ein Vorbild finde, welches gerade zu meiner momentanen Stimmung passt. Was allerdings nicht bedeutet, dass sich jeder als solches eignet. Nacktes Rauchen auf dem novemberlichen Balkon meide ich beispielsweise genauso wie das Abtauen der Kühltruhe ebenda. Auch exzessive Geranienpflege bis weit in den Herbst erschient mir nicht nachahmenswert, ganauso wenig wie das abwechselnde Aushängen von Vogelkäfigen im Viertelstundentakt.

Das Putzen des Taubendrecks, das Auschütteln der Teppiche und das Einwintern der mediterranen Balkonpflanzen – das ist hingegen sehr anregend.

Letzthin ist mir ein Blusenknopf auf die Strasse gefallen und durch das Absperrgitter zum Bauplatz gerollt. Eine Nachbarin mit Einkaufswagen bückte sich, suchte sich im Abfall am Strassenrand eine Plastikleiste und half mir, den Entronnenen durch die Maschen auf unsere Seite zu bugsieren.
Ausnahmsweise sah ich im Zusammenhang mit der verdreckten Strasse einmal das halb volle Glas.
Trotzdem habe ich gestern den Obersten der Stadtreinigung, Herrn Hummel angerufen, um ihm mitzuteilen, dass bei uns im Quartier schon seit drei Wochen die Strasse nicht gereinigt wurde. Herr Hummel war aufgebracht und sprach mir laut ins Ohr. Er wolle mit mir in fünf Minuten eine Ortsbesichtigung machen, denn es hätte keinen Sinn, wenn wir einander die Lampe füllten und nicht von derselben Strasse sprächen. Ausserdem seien die Reinigungsanstrengungen seiner- und seiner Mannen seits gesteigert worden. Das sei sein politischer Auftrag, das lärm- und schmutzgeplagte Quartier am Rande einer Grossbaustelle ganz besonders zu bedienen. Er wurde immer lauter und meinte, dass ich nicht verlangen könne, dass ein einsamer Zigarettenstummel irgendwo draussen in der Geröllhalde oder eine Handvoll Kastanien unter einem Baum vom Reinigungspersonal entdeckt und entsorgt werden.
Er bekomme jeden Tag hundert solche Anrufe!
Wir einigten uns darauf, dass jemand aus dem Quartier mit ihm eine Ortsbesichtigung und ihn auf die neuralgischen Stellen aufmerksam macht.
Am Abend, als ich nach Hause kam, war das Strässchen geputzt.
Danke, Herr Hummel, Sie wussten also die ganze Zeit, worüber ich sprach.