2008


Ich bin 2005 daheim ausgezogen und mit meiner Freundin und heutigen Frau zusammengezogen. Gegen den Willen meines Vaters und meines grossen Bruders. Deshalb wurde ich von der Familie ausgestossen. Wir wohnen alle immer noch im selben Block, aber meine Mutter besucht mich nur heimlich.

2006 ist bei mir viel passiert. Ich habe in meinem Block die Hauswartsstelle bekommen, im März geheiratet und im August wurde mein erstes Kind, meine Tochter, geboren.

Seither war ich zweimal mit meiner Familie im Kosovo. Und ich telefoniere häufig mit meiner Cousine und deren Familie. Mein Onkel war mir in meiner Kindheit wie ein Vater. Wenn ich weiss, dass etwas los ist, jemand krank ist oder jemand Geburtstag hat, dann rufe ich auch mal zweimal pro Woche an. Meine Verwandten haben sehr Freude an meiner Tochter, mehr als meine eigenen Eltern. Die Besuche sind für mich jetzt noch wichtiger geworden, seit meine Eltern mich nicht einmal mehr grüssen.

Ausser mit ihnen habe ich hier täglich guten Kontakt mit Menschen aus dem Kosovo. In unserem Block wohnen ja einige aus Kosovo und auch mein Kollegenkreis kommt aus meiner „Clique-Zeit“. Als ich in meiner Ausbildung etwas Geld hatte, sind wir auch oft zu Ümüd nach Bümpliz gefahren und haben etwas gegessen und viel gelacht. Ich kenne die Lokale, wo sich Kosovoalbaner treffen, die ihre Frauen und Kinder alleine lassen, nicht. Ich habe mich nie für Lokale interessiert, in denen Männer sich besaufen. Wir trafen uns daheim, in der Stadt, im McDonald’s Köniz oder im Heim & Hobby Bethlehem und machen das heute noch so.

Ich bin immer gern in Kontakt mit Menschen und ich arbeite einfach gern. Ich putze auch gerne, denn ich habe es gerne sauber! Ich übernehme gerne Verantwortung und freue mich, dass die Leute mir vertrauen. Schon als Kind habe ich die Schlüssel zu den Kindertreffs bekommen oder ältere Damen haben mir ihre Schlüssel gegeben, damit ich ihnen etwas erledigen konnte. Viele haben mich dafür bewundert, dass ich nie irgendwo etwas mitgenommen habe, obwohl ich so arm war und überhaupt nichts hatte. Bei den Früchten, die die Leute einfach nicht abgelesen haben und verfaulen haben lassen, da konnte ich allerdings nicht immer widerstehen, da habe ich immer genommen. Ich kenne noch heute jeden Baum im Quartier.

Aber beschimpft wurde ich in meinem Leben viel. Zuerst war es „Jugo“, dann „Scheiss-Albaner“, dann „Scheiss-Kosovo-Albaner“, heute „Papiirli-Schwiizer“. So wuchs auch mein eigener Hass auf die Schweizer. Als Bub ging es noch, doch je älter ich wurde, desto schwieriger wurde es auch mit dem Kontakt mit Frauen. Sie waren sehr misstrauisch, ihnen wurde von Albanern abgeraten oder es wurde ihnen sogar verboten, sie kennen zu lernen. Doch ich hatte trotzdem immer mal wieder eine Schweizer Freundin.

Seit ich mit meiner Frau zusammen bin, sehe ich, dass auf allen Seiten Fehler gemacht werden. Aber vor allem sehe ich jetzt die Fehler der Albaner.

Zum Beispiel kenne ich sehr wenige Albaner, die im Leben etwas Neues kennen lernen möchten. Sie wollen genau dort bleiben, wo sie sind und genau so bleiben, wie sie sind. Wenn man das Leben anders führt, als die anderen Albaner erwarten, so wie ich das mache, wird das nicht von allen akzeptiert. Meine Eltern akzeptieren meine Frau nicht. Fertig. Es gibt viele andere Albaner, die nichts Schlechtes über mich und meine Frau sagen oder es sogar gut finden, was ich mache und dass ich selbständig bin und selber entscheide.

Aber ihren eigenen Kindern würden sie es nie erlauben.

Die Wohnung ist kaum wieder zu erkennen. Die Zügelkisten stapeln sich, und ich bin bei ihrem Anblick ein bisschen frustriert. Davon, dass ich vieles verschenkt und entsorgt habe, ist absolut nichts zu sehen.
In den Pack-Pausen besuche ich meine Lieblingsblogs, schreibe an Freunde, die froh wären, wenn sie nur umziehen müssten und daneben keine ernstlichen Sorgen hätten.
Die letzte Weihnachtfeier im 13. Stock war sehr schön. Ohne die Hilfe der Männer, die im blogk nicht häufig anwesend sind, hätte es nicht so gut geklappt. Sie haben eingekauft, Baum geschmückt, gebacken, gekocht, Kinder unterhalten und gewickelt, musiziert und gesungen.
Merci beaucoup!

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Wann soll man dem Kälblein richtig dankbar sein, wenn nicht am Heilig Abend? Für all die Ovomaltinen, Latte Macchiatos, die Schalen voller Milch für die Weetos, all den Käse, die Honigmilchen für die Kranken und die Butter für die Spitzbuben, die nur dank dem Kalb zur Verfügung stehen und ihm erst noch vorenthalten werden.

Es ist ein undankbares Leben für die Schweizer Kälber, deren zu viele sind. Und es ist nur ein Quäntchen Trost: Heute werden zwei Kalbsnierstücke sehr liebevoll zubereitet und freud- und genussvoll von der Familie Blogk verzehrt. Fröhliche Weihnachtstage euch allen!

Kalbsnierstück in Kräuterkruste

1999 bekamen wir endlich eine grössere Wohnung an der Sternenstrasse im 7. Stock, eine 6.5-Zimmer-Wohnung! Es war trotzdem ein schreckliches Jahr, weil im Kosovo Krieg war. Im Frühling musste ich Abschlussprüfungen machen, gleichzeitig war mein Onkel – der inzwischen nicht mehr Politiker, sondern ein UCK-Offizier war – gefallen.

Im Sommer habe ich Waren für meine Familie im Kosovo gesammelt, welche mein Bruder an ihren Fluchtort in Durrst (Albanien) bringen musste. Meine Familie war schon 1997 zu Fuss nach Durrst geflüchtet und war inzwischen ohne etwas. Nach Kriegsende 1999 beschlossen sie die Rückkehr in unser Dorf. Die Serben hatten zwar vor, dort ein Naturschutzgebiet mit Wildschweinen zu machen, aber das ging nicht, weil sie den Krieg gegen die Nato verloren hatten. Die Kfor hatte die wichtigsten Wege entmint und die Familie ging zurück für den Wiederaufbau. Ein Wiederaufbau geht aber nur, wenn man etwas hat. Mein Bruder und ich haben ihnen einen Lieferwagen gekauft und diesen mit den nötigen Waren gefüllt. Damit hat mein Bruder dann auch die Familien aus Albanien zurückgebracht in das zerstörte Dorf, in dem man überhaupt nichts hatte und auch nichts kaufen konnte.

Meinen Mutter hat in dieser Zeit ununterbrochen geweint und sie ist oft ohnmächtig geworden. Wir hatten unendlich viel Besuch, denn mein Vater und meine Mutter waren die einzigen Verwandten meines Onkels in der Schweiz. Ich musste ununterbrochen alle bewirten.

Die letzten zehn Jahre waren unsere Aufenthalte im Kosovo immer schon von den Kontrollen der Serben überschattet gewesen. Der Grund, den sie angaben, wenn sie unverhofft unsere Häuser durchsuchten, war meistens, dass sie gesagt haben, jemand der Nachbarn hätte gemeldet, dass wir eine Waffe haben. Sie drangsalierten uns alle, aber geschlagen haben sie zum Glück in dieser Zeit nur die Erwachsenen.

Aber es gab in dieser Zeit auch gute Sache, aber nur in der Schweiz. Ich spielte in einem Film „Dashuria e kthyar“ mit und wir bekamen 2001 einen Filmpreis dafür. Ich begann meine Nachtschicht bei der Migros Aare und konnte bis 2005 damit Geld verdienen. 2003 wurden ich und meine Schwester eingebürgert. Das war eine grosse Erleichterung.

Ich weiss nicht mehr, welches Schicksal die frühere Lehrerin dazu zwang, als Wäscherin in einem Erziehungsheim zu arbeiten. Von Waschen, Stärken, Bügeln und Glanderieren verstand die alte Frau eine Menge. Sie bewohnte ein Zimmer unter dem Dach, welches sie regelmässig mit sauberen Zeitungen auslegte. Die meiste Zeit verbrachte sie aber in der Waschküche oder im Bügelzimmer, plättete die weissen Hemden und Blusen der Heimleiterfamilie, nahm sich der handgestickten Monogramme auf Oberleintüchern und den Spitzen von Vorhängen und Tischdecken an. Unter den Angestellten hatte Frau L. keine Freunde, sie mied die Lehrerinnen und Lehrer der internen Schule, und die Zöglinge gingen ihr aus dem Weg. Manchmal hatte sie seltsame Träume, die sie den Wäschebergen erzählte. Ging es dem Herbst entgegen, kaufte Frau L. allerlei Kindersachen. Sie machte dann kleine Päckchen, nicht schwerer als ein Kilo. Nie packte sie zwei Tigerfinkli zusammen ein. Sollte das Paket an der Grenze geöffnet werden, würde es Dieben recht geschehen, wenn sie nur ein Schuhchen fänden. Es dauerte ein paar Wochen, bis Frau L. sich entschliessen konnte, die Päckchen abzuschicken in dieses fremde und wilde Land, wo ihre Enkelkinder lebten. Danach begann ein langes Warten. Werden die Tigerfinkli, Leibchen und Socken ankommen?
Welche Freude und welcher Stolz, wenn Dankesbriefe, Zeichnungen und Fotos gegen den Frühling die Schweiz erreichten. Nur sehr wenige durften einen Blick auf die kostbare Post werfen. Und nur wenige Auserwählte durften eine gefüllte Dattel aus dem Zweistromland probieren.

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Schirennen 1970
(Quartier-Fotoarchiv)

... die Bäume jung und Marlboro noch unschuldig waren.

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An der Bushaltestelle steht ein kleiner Traktor, dessen Motor im Stand läuft. Ich schaue mich nach dem Fahrer um. Niemand weiss, wem das Gefährt gehört. Inzwischen läuft der Motor schon vier Minuten, wie ich an der elektronischen Bus-Anzeigetafel ablesen kann. Endlich kommt ein Arbeiter mit einer Kabelrolle vom nahen Bauplatz. Nein, der Traktor gehöre ihm nicht. Nein, er könne den Motor nicht abstellen. Das sei auch nicht nötig, denn davon gehe die Welt gewiss nicht früher unter. Ein anderer Mann kommt hinzu und belehrt mich, dass es viel schädlicher sei für die Umwelt, den Motor ab- und wieder anzustellen.
Als ich nach sechs Minuten in den Bus steige, läuft der Motor immer noch.
Mit mir sind auch viele Schulkinder, die zukünftigen Autofahrerinnen und Autofahrer eingestiegen.
Bei wem werden sie lernen, auf die Umwelt acht zu geben?

Im April 1990, als ich zehn Jahre alt war, wurde mein kleiner Bruder geboren. Wir sind zwei Monate danach mit dem Bus in die Schweiz gekommen, es war ein Alptraum mit dem Baby, er schrie über 24 Stunden. Die Serben hatten damals aus Flugzeugen und Autos ein Gas gesprüht, welches ihnen von den Russen geliefert worden war. Wir sind eingentlich vor den Serben geflüchtet. Die Kosovoalbaner hatten die Schulen geschlossen, weil die Serben drohten, die Kindern anzugreifen. Es wurde nur noch in Wohnungen unterrichtet. Mein Onkel war Politiker und wir waren als Verwandte von ihm in Gefahr.

Ich erinnere mich an die Ankunft in der Schweiz sehr gut. Im November sind ich und meine Schwester zum ersten Mal allein in die Stadt gegangen, an den “Zibelemärit”. Wir fanden die Festtage in der Schweiz toll, denn Kinder bekommen hier immer ein paar Sachen gratis, jedenfalls im Tscharnergut. Im Frühling war jeweils ein Marathon-Lauf, an welchem man sogar Pfeifen und „Tschäpple“ umsonst bekommen hat. Und vor dem Block auf dem Parkplatz hat es immer ein Tennis-Tournier gegeben, das von Coop organisiert worden ist. Jeder Teilnehmer hat einen Sack mit Esswaren und Schleckzeug bekommen, wer weiterkam, Gutscheine. Das war für uns sehr wertvoll, wir haben alle Sportarten und Spiele viel geübt, damit wir immer etwas gewinnen konnten.

Das hat allerdings 1994 alles aufgehört, seit dem bekommt man nichts mehr gratis. Damals kamen so viele Einwanderer aus dem Balkan, dass Coop und die Bäckereien nichts mehr an solche gaben, die nichts kaufen konnten.

Mit zwölf Jahren, 1992, begann ich im Restaurant Tscharnergut zu arbeiten. Ich bin dem Chef dankbar, dass er mich angestellt hat. Für Fr. 5.—in der Stunden, in den Ferien. Ich habe beim Abwasch geholfen und bei dem Desserts und auch zu “Cash and Carry” hat er mich zum Einkauf mitgenommen und ich habe die Tische geputzt, auch von unten (Kaugummis). Ich war sehr dünn und hatte zum ersten Mal richtig zu Essen, immer Pommes-Frites, Rindfleischhamburger und Cola. Wunderbar! Mit dem Geld konnte ich mir endlich Kleider kaufen, die nicht vom Brockenhaus waren. Daneben habe ich noch Hauslieferungen für die Apotheke im Tascharnergut gemacht. Ich glaube, ich habe den Job verloren, weil der Lehrling das übernommen hat, auch in einer anderen Apotheke habe ich das gemacht. Von dem verdienten Geld habe ich die Landschulwoche bezahlt. Meinem Freund A. konnte ich so auch einmal einen Landschulwoche bezahlen, in die er sonst nicht hätte mitfahren können. Wir sind enge Freunde seit 1992 bis heute.

Ich habe immer unverschlossene Velos benutzt, meistens alte Damenvelos, auf denen ich gut üben konnte, allerdings nur im Stehen, für den Sattel war ich zu klein. 1993 hat mir mein Vater im Jumbo Schönbühl mein erstes eigenes Velo gekauft, aber leider hat es nur sehr kurze Zeit gehalten und ich musste mir wieder andere Velos beschaffen. Ich fuhr damit in jeden Winkel des Quartiers und kannte so alles immer besser.

Dann habe ich eine Clique gegründet, mit anderen Albanern und einem Türken. Ich war der Anführer und wir haben gemacht, was wir wollten, wir wollten alle nicht abhängig von unseren Eltern sein, sie haben uns nichts anbieten können, die Väter haben wir kaum gesehen, die Mütter hatten keine Ahnung von unserem Leben.

Ca. 1994 habe ich in das Restaurant „Sternen“ gewechselt, da war ich ca. 14 Jahre alt. Aber der Wirt hat mir als Lohn nur eine Kopie von einer Fünfzigernote für die Arbeit für einen ganzen Sommer gegeben. Da bin ich gegangen und habe keine Arbeit mehr gehabt. Da haben wir ab und zu geklaut: Haargel, Deo aber auch Kleider und Schuhe, die ich einfach probiert habe und dann damit rausgelaufen bin.

1996 habe ich jeden Samstag im Shoppyland in Schönbühl gearbeitet. Ich habe die Paletten und leeren Kisten sortiert. Mit einem Handstapler habe ich sie gestapelt und dann mit Klebeband aneinander befestigt, damit sie gereinigt werden konnten. Ich habe damals mit Hilfe meiner Schwester bei der BKB ein eigenes Konto aufgemacht, die Eltern haben mir nichts mehr bezahlt ausser das Materialgeld fürs Werkjahr. Denn damals habe ich unter der Woche das 10. Schuljahr gemacht.

Ab 1997 Schreiner-Anlehre in Gümenen. Ich habe dort das Holz kennen gelernt, den Umgang mit den Maschinen. Wir waren auch viel im Wald und mussten gefällte Bäume vermessen und für den Export nach Italien bereit machen. Ich schrieb auf, um welche Sorte es sich handelt, aus welchem Wald sie stammen und habe sie nummeriert. Der Chef war ein Rassist und ein Arschloch, aber er hat natürlich mit dieser Anlehre verhindert, dass ich auf der Strasse gelandet bin.

Gleichzeitig habe ich samstags von 7.00 bis 16.00 Uhr in der EMMI-Fabrik in Kirchberg gearbeitet. Ich habe die Käsemaschinenanlage auseinandermontiert und hygienisch geputzt und danach wieder zusammengesetzt. Danach ging ich nach Hause und habe ein paar wenige Stunden geschlafen. Gegen 21.00 bin ich nach Thun in die Disco „Nachtwerk“. Ich hatte dort einen Job in der Garderobe. So ab 4.00 Uhr schloss die Disco und ich räumte die Flaschen weg. Danach bin ich nach Hause und konnte am Sonntag ein wenig ausruhen. Am Montag musste ich wieder kurz nach 6.00 Uhr los in die Schreinerei. Während der Ferien habe ich einmal noch eine Bank geputzt, vis-à-vis vom Bundeshaus.

Im Sommer gingen wir immer in den Kosovo. Aber während der Lehre war das ein Problem, weil mir der Chef nie Sommerferien genehmigt hat, weil wir über Weihnachten zwei Wochen Betriebsferien hatten. So ist es geblieben. Seit meiner Jugend habe ich nie irgendwo an einer Arbeitsstelle Sommerferien bekommen. Heute – 2007 – ist das erste Mal.

Das Jahresende ist eine Zeit der Statistiken. Es werden Umfragebögen ausgewertet, massenhaft Zahlen in Excel-Tabellen eingetragen, die buntesten Grafiken fabriziert, Listen nachgeführt. Der Mann, welcher mein Uhrenband ersetzt ist sauer, dass die Geschäftsleitung gerade in der Adventszeit verlangt, dass Inventar gemacht wird. Seine beiden Mitarbeiter sitzen an Schublädchen und zählen Schräubchen, während sich vor dem Ladentisch eine lange Schlange bildet.
Ich schaue auf meine Blogk-Statistik. Ein neuer Name tauchte vor drei Monaten in der Länderliste auf und rückte von Platz 50 auf Platz 28 .
In Tuvalu liest jemand blogk;-)

Endlich lerne ich ein neues Land nicht als Kriegsschauplatz kennen. Herzliche Grüsse aus dem tief verschneiten Bern nach Tuvalu!

Nachtrag:
Gerade hat mir Herr Probst sen. (Schlüssel-Probst Münstergasse) von seinem gestrigen Inventar erzählt:
Er besitzt 9’000 Schlüssel!

Lichter zum Geburtstag

Immer im Dezember, an den Geburts-Tagen meiner Töchter, zünde ich in aller Frühe eine Kerze an und stelle sie auf die Balkonbrüstung. Ein winziges Licht inmitten der nächtlichen Blöcke. Für mich ist es ein Moment, um an die vergangenen Jahre zu denken. Von hoher Warte aus konnte ich jeweils ein Auge auf die spielenden Kinder werfen und zur Stelle sein, wenn ihr schrilles “Iiimaaa” ertönte.
Heute habe ich das letzte Geburtstagslicht auf diesem Balkon angezündet. Es fallen kleine nasse Schneeflocken, aber die Kerze brennt ruhig weiter.
Alles Liebe und Gute fürs neue Lebenjahr!

Bereits ab dem 5. Januar sollen diese beginnen. Eigentlich wird seit vielen Jahren in meiner Umgebung gerodet. Es ist nicht sicher, dass die Rebe die kommenden drei Jahre überlebt. Einigen der Bauherren scheint sie ohnehin ein Ast im Auge zu sein, obwohl sie Vogelnester beherbergt und den Menschen mit den Wohnungen direkt am Hochkamin den Ausblick verschönert. Er war nur die fehlende vierzig Meter hohe Leiter, welche die Kletterpflanze vor dem Abriss rettete. In Kürze wird ein Kran aufgestellt …
Nach den Rodungen wird in den meisten Fällen sauber geteert und betoniert, was nicht immer auf den ersten Anhieb klappt, wie es die diversen Flickarbeiten an neuen Stufen, neuen Plätzen, neuen Wasserabläufen, neuen Bänken zeigen.
Auch an diesem Gebilde “WederBrückenochDach” wird immer noch gewerkelt. Die Fahrer, welche die Baumaterialien dafür liefern “lachten sich darüber einen Schranz”, wie mir einer selber erzählte.
Im Gegensatz zu mir glauben meine Kinder nicht, dass sich Meister Le Corbusier ob all der neuen Hässlichkeit in seinem Grabe umdreht.
“Sind das Ahorne?” frage ich die Gärtner, welche zwischen zwei Strassen einige Bäume anpflanzen. “Nein, das hier ist ein Liriodendron tulipifera”, kommt es dem einen federleicht über die Lippen, “ein Tulpenbaum”.
He nu, da sind wir wenigstens auch in den Bäumen multikulti.

Um die Schwierigkeiten des Schweizerdeutschen zu demonstrieren, verlangt man oft von “Fremden”, dass sie “Chuchichäschtli” nachsprechen. Dieses “Chu-chä” hats wirklich in sich, ist aber kein Ding der Unmöglichkeit.
Einige indische Bettler überraschen die helvetischen Touristen bei deren Gang zum Tempel mit einem akzentfreien “Chuchischäschtli”, was meistens belohnt wird. Hier ein amüsanter Link zum Dialekt und Sie wissen, wo Sie sprachlich beheimatet sind. Ich kam direkt zu meinem Heimatort ins tiefste Emmental, welcher über eine äusserst erfolgreiche Damen-Korbballmannschaft verfügt ;-)

Um für Westside Webung zu machen, werden keine Kosten gescheut. Ist dieses Plakat nicht traumhaft, mit fröhlichen Menschen in weichgespülten Kleidern, neben unberührten Hügeln mit verschneiten Tännchen und im Hintergrund der Stall der kristallene Tempel?

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Frau Kaltmamsell hat mich mit ihrem Beitrag Ein Gastarbeiter kommt an daran erinnert, dass ich vieles notiert habe, was mein Schwager uns über seine erste Zeit in der Schweiz erzählt hat. Nun dachte ich, ich publiziere mit seinem Einverständnis ein paar Teile daraus in der Adventszeit, weil Fluchtgeschichten ja da irgendwie hingehören. Die Erzählung wird nicht chronologisch sein, denn mein Schwager hat oft wieder vorne begonnen, weil er zum Beispiel in anderer Stimmung war und ihm ganz andere Dinge zur gleichen Zeitspanne eingefallen sind.

Wir kamen im Sommer 1989 von Kosovo für drei Monate in die Schweiz um Ferien zu machen. Wir lebten in der Wohnung meines Vaters an der Sternstrasse 23. Mein Vater lebte schon seit Mitte der Sechziger als Gastarbeiter hier.

Wir wollten unbedingt jeden Tag fünf Wörter Deutsch lernen. Am Abend fragten wir den Vater dann, ob alles richtig ist. Aber wie schreiben? Das wusste niemand von uns!

1990 kamen wir vier Kinder mit der Mutter dann ganz in die Schweiz. Meine Mutter konnte kein Deutsch. Mein Vater arbeitete immer den ganzen Tag. Weil die Schule aber gerade in unserer Nachbarschaft war, gingen meine Schwester und ich einfach dort hin, um uns anzumelden. Dafür haben die deutschen Wörter gereicht. Aber der Schulleiter schickte uns weiter ins Fellergut, dort war die Klasse für Fremdsprachige. Unsere ersten Kontakte zu Gleichaltrigen fanden dort statt. Es waren Kinder verschiedenster Nationen und sie waren sehr nett, auch die Klassenlehrerin war nett.

Die Schweiz war ein Paradies für mich. Diese Einkaufszentren! Die schönen Gärten. Zum ersten Mal habe ich ein Velo gesehen, mit Pneus, das fährt! Im Kosovo hatte ich nur einmal ein Velo gesehen. Aber man rutschte damit auf den Felgen den Hügel runter – ohne Bremsen.

Und eine Wohnung – für die ganze Familie! Ich hatte bis dahin gar nicht gewusst, wer mein Vater war. Und in der Wohnung hatte es ein WC, das fand ich sehr interessant, ich kannte dieses System aus dem Kosovo überhaupt nicht.

Jeweils Ende Monat hatten wir kein Geld mehr. Einmal hat uns eine Frau aus dem 6. Stock 100.—Fr. geschenkt. Sie wollte einen Spendenbeleg unterschrieben haben, aber wir waren sehr glücklich. Damit konnten wir endlich die Sachen für die Schule kaufen, die wir sonst niemals hätten bezahlen können. Wir brauchten unbedingt Farbstifte um die Verben anzufärben. Manchmal haben uns auch die Nachbarn etwas geschenkt: einen Ball oder sonst Sachen. Ich habe heute noch Kontakt zu diesen Menschen, die immer noch im Block wohnen. Heute helfe ich ihnen, denn ich bin nun Hauswart hier.

Herzlichen Dank allen für die vielen schönen Wünsche und Geschenke, die das neue Kind schon erreicht haben! Wir werden sicher irgendwann eine Liste bloggen, dokumentationsbesessen wie wir sind.

Vor gut zwei Jahren hat meine Schwester die Geburtsanzeige von Kleinsmädchen gezeichnet, jetzt zeichnete sie für Kleinsbübchen.

Vorderseite:

Sterngucker

Rückseite:

Geburtsanzeige Rueckseite

Das deutsche Gedicht ist eine Leseübung aus einem alten Drittklasslesebuch, den albanischen Text hat die Schwester des Vaters gedichtet. Und wie alle Blogk-Kinder hat auch das neue seine eigene Schrift bekommen.

Schönen 1. Advent allerseits!

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