2012


Karin Widmer: ... Fabelwesen & Furzideen

Bild: Karin Widmer, ca. 1994

Als Franz Hohlers “Rückeroberung” 1982 erschien, war sie für mich nur eine absurdspannende Phantasiegeschichte. Daran musste ich denken, als letzthin eine Dokumentation über die Wildschweinrotten in Berlin sah und ich in der Zeitung las, dass nahe bei Berlin ein Elch beim Überqueren der Autobahn getötet wurde. Woher das Tier stammte, war unklar. (NZZ, 02.09.12).
In unserem kleinen Land ist die Rückeroberung unspektakulärer. Noch halten sich Bachen und Keiler vom Betteln an Busstation fern, doch es wäre vernünftig, einen Blick in den Ordner “Praxishilfe Wildschweinmanagement” zu werfen. Die Rück-Eroberung ist in vollem Gange. Füchse steigen durch Katzentürchen völlig neuen Geschmackserlebnissen entgegen, Biber rangeln u.a. am Aareufer zwischen Wohlensee und Thun um Reviere, fällen Bäume auch in gepflegten Gärten und unterhöhlen teure Natursteinmauern. Dieser M13 kümmert sich keinen Deut um Grenzen, taucht immer wieder in der Schweiz auf, Wolfs erlauben sich auf Schweizer Territorium eine Familie zu gründen, der Rothirsch futiert sich um Verkehrsregeln, und die Solothurner Luchse breiten sich ins Baselbiet aus. Das alles ginge ja noch, wenn nur die fremden Fötzel nicht wären: Wasserratte, Waschbär, Marderhund. Aus Süd- und Nordamerika, selbst aus Sibirien sind sie auf dem Weg zu uns!
Über diesen habe ich schon früher geschrieben. Seitdem seine Jagdgründe überbaut worden sind, habe ich ihn leider nicht mehr gesehen.
Damit mein Balkon nicht erobert wird, braucht es tägliches Huschhusch und Arme verwerfen, sonst liegen in Blumenkästen und Töpfen Taubeneier und alles ist mit Taubendreck versch … (Aufgehängte Plastikraben und CDs schrecken nicht ab.)
Seit einiger Zeit haben wir hier in der Stadt eine Taubenmutter mit einem Taubenkonzept. Die Tauben der ganzen Stadt wurden gezählt. Erstaunlicherweise konnte in unserem Quartier keine einzige gesichtet werden. Anscheinend sind sie schlauer, als ich dachte.

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Dinomania

“Samlet dr d’Märggli”, fragt man mich an der Coop-Kasse. “Was gits?” “Töpf, Pfanne, Pfannetechle.” “Nein, danke, Pfannen mit Deckel habe ich genug.” “Sammlet dr Animanca?” werde ich an der Migros-Kasse gefragt. Animanca ist nichts für die Küche, das ist sicher. Nach den magischen Kraft-Steinen, mit deren Hilfe man “das Tier in dir” entdecken konnte, kommen die Dinoskelette zum Zusammensetzten: “Entdecke den Saurier in dir!” Richtig härzigschnüggelig. Pro 20 Franken Einkauf gibts ein Holzplättchen mit eingestanzten Knochen, einem Bildchen und einer Anleitung zum Zusammenstecken. Wie schon hier geschrieben, verhält sich das Personal an der Kasse unterschiedlich. Die einen geben für Fr. 39.95 ein Plättchen, andere zwei, dann kommts vor, dass die Kleinkrähen, wenn sie an der Kasse herzig gucken, eine Handvoll dafür erhalten. Item, wir setzen zusammen und …

Abfall von drei Figuren

... produzieren, zusammen mit der übrigen Animanca-Sammelgemeinde, einen Riesenberg Abfall.

Um mein schlechtes Gewissen fadenscheinig und für den Moment zu beruhigen, nenne ich das – nach der Schreibweise unseres quartiereigenen Brockenhauses – “Apfal brodusiern”. Hat etwas mit “Apfel” zu tun und “brodusiern” etwas mit “Stickerei”. Ich produziere keinen Abfall, sondern besticke einen Apfel. Ein bisschen weit hergeholte Beruhigung, ich weiss. Mein Oranger Riese macht das viel besser mit dem Schutz für die Umwelt. Er macht zwar immer wieder diese umwelt-un-freundlichen Stickerusw-Aktionen, verspricht aber daneben, “bis 2015 200’000 Kinder und Jugendliche für Umweltthemen zu sensibilisieren”. Ab sofort benutze ich die Gemüse-, Früchte- und Brötchenplatikbeutel mehrmals. Falls auch Sie mithelfen möchten, den Plastikozean nicht über die Fläche Deutschlands anwachsen zu lassen, fragen Sie mich. In meiner Mappe trage ich auch ein Reservemehrwegbeutelchen für Sie mit.

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Wellen 1

Wellenringe, erzeugt durch eine ins Wasser geworfene Eichel.

Zugegeben, im Blog schreibe ich wenig über Tage, die einem gestohlen werden könnten, an welchen Sachen geschehen, die einem an die Nieren gehen, an welchen man sagt: “Usrisse u flieh!”, und man sich vorwirft, seit Jahren einer Art Ghetto-Romantik zu erliegen. Man weiss genau, wen man ins Pfefferland schicken müsste und wem dringend die Leviten gelesen gehörten, aber die Erfahrung zeigt, dass so oder so alles beim Alten bleiben wird.
Heute ist kein solcher Tag – gttsdk! Mit Kleinesmädchen gehe ich ins Bad, denn vor dem Winter soll jeder Sonnenstrahl zum draussen Schwimmen ausgenützt werden. Jupi, es gibt viel Platz auf den Liegewiesen! Wir zwei Frauen belegen den leeren “Prominentenhoger” grosszügig mit den Badetüchern der Blogk-Familie. Gerade steigt Herr Keller aus dem Wasser, der zu den Alteingesessenen gehört. Nun ist das Bassin menschenleer. (16’000 Quadratmeter Wasserfläche – das entspricht 13 Olympiabecken –, 25’000 Kubikmeter oder 25 Millionen Liter). Bei 16° Wassertemperatur muss ich mich doch ein bisschen überwinden, aber die Sonne scheint mir warm ins Gesicht und nach einigen Minuten kann ich das klare Wasser und die Weite des Beckens geniessen. Inzwischen hat sich auch Kleinesmädchen ins Wasser geworfen und schwimmt prustend und spritzend eine Runde. “Bravo”, ruft Frau Johner, die zusammen mit ihrer Tochter auf der Bank sitzt und ein Eis isst. Wir Schwimmerinnen machen uns auf zu Kaffee und Minzentee.
Auf dem Heimweg gehen wir noch in den Garten, pflanzen einige Setzlinge ins FrühSpätbeet, decken sie mit der Glasscheibe ab, damit sie nachts nicht zu kalt haben. Auf den Teller kommt der Salat dann Ende Oktober, und wir werden uns noch einmal an den Prachtstag von heute erinnern.

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Mädchen mit Vogel

Einen Stein wollten sie nie,

Zwei Vögel

... denn ihr Leben sei steinig genug gewesen.

Als wir Mutter und Vater dann innerhalb von knapp zwei Jahren beerdigten, beschlossen wir Schwestern, den Wunsch nach Nichtstein und Nichtkreuz zu erfüllen, obwohl es auf dem Friedhof bisher nur Kreuze und Steine gab. Nun stehen auf den Gräbern diese Rosenstäbe, verankert in einem Granitblock, der früher ein Marchstein war, neben einem Bäumchen von Wandelröschen. Anstelle von Begonien und Tageten wachsen Lavendel, Minze, Bohnenkraut, blaue Glockenblumen und Thymian.

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So bis Ende der Woche seien wohl dann alle da, vermutet die Leiterin der Tagesschule. Obwohl die Sommerferien schon seit bald drei Wochen vorbei sind, kehren viele ausländische Schülerinnen und Schüler jedes Jahr zu spät in die Schweiz zurück. (Zahlreiche Familien verreisen bereits vor Schulschluss, um die Flugpreise der Hochsaison zu umgehen.) Wir nehmen das einfach so hin, halten die Plätze frei und haben, so viel ich weiss, noch kaum jemanden für unentschuldigte Schultage gebüsst. Das finde ich problematisch. Als Mitglied der Schulkommission schlug ich vor, diese Absenzen in den Zeugnissen zu vermerken. “Nein, sie habens schon so schwer genug”, beschied die Kommission. Tun wir den Kindern, ihren Familien und auch der Schule mit dieser Art von “Toleranz” damit wirklich einen guten Dienst?

Unser Block ist nun auch wieder komplett. Einige BewohnerInnen sind krank zurück gekommen: MagenDarmEkzemusw. Die grosse Hitze, die anstrengenden, wochenlangen Hochzeitsfeiern mit Hunderten von Gästen (schon ab 6 Uhr früh Kaffee servieren), Fahrten zu Verwandtenbesuchen über holprige Strassen – alles war zuviel. Aber so wie bei der Schule, werdens die Schweizer auch bei der Gesundheit irgendwie richten.

Wie nach jeden Sommerferien, sind auch unzählige Bräute und Bräutigame in die Schweiz gebracht worden (Familiennachzug. Letztes Jahr 22 000 Personen laut “Bund” vom 01.09.2012). Die diesjährige Braut in unserem Block hat, wie vor einigen Jahren ihre Schwester, in die Familie von 2nd2nd, male eingeheiratet. Wie hier schon mehrmals berichtet, ist die kosovarische Familie nicht begeistert (untertrieben ausgedrückt), dass einer ihrer Söhne eine Schweizerin geheiratet hat. Und doch ist es dann die Schweizerin, die den kulturellen Spagat macht zwischen dort und hier, so, dass ihr die Beine weh tun.

Allerliebst sehen sie aus, die gebadeten Kleinkrähen in ihren Schlafanzügen, satt, Zähne geputzt, Nägel geschnitten, Kampfspuren des Tages gesalbt, nochmals Wasser getrunken, Stofftiere gefunden, Geschichte erzählt, Lied gesungen, Fenster spaltbreit geöffnet, Vorhang zugezogen, Fenster geschlossen, Vorhang etwas mehr aufgezogen, nochmals Lied gesungen, mehr/weniger zugedeckt, Gute Nahacht!? Sicher nicht! Es wird gekichert, geflattert, gehopst, Puzzleteile fallen zu Boden, Wackelhund singt: “Who let the dogs out, huw, huw…). Die ratlose Grossmutter, obwohl pädagogisch geschult, hat sich inzwischen aufs Sofa gelegt und die Augen geschlossen. Das gefällt den Kleinen nicht. Ein Ballon wird aufgeblasen und bald fluddert warme Luft ins linke Ohr der Ermatteten. Nichts zu machen, diese tut keinen Wank. Die Störefriede ziehen sich zur Beratung zurück, stürzen sich dann nach einigem Geflüster übermütig auf die Grossmutter und schreien: “Ima, mir liebe dir, Ima, mir liebe dir!!”
Ein solcher Fallfehler, das wissen kluge Kinder, reisst die Grossmutter aus dem tiefsten Schlaf. “Wenn schon, heisst es: Wir lieben DICH!”
“Heute ist wieder einmal Grossmutter-Tag,” begrüsst mich am nächsten Morgen eine Bekannte vor dem Schulhaus und lässt sich auf die Holzbank fallen. Wir beide haben eben unsere Enkelkinder in Schule, Kindergarten und Kitta gebracht. Heute regnet es in Strömen, und jede von uns hat Regenjacken, Schirme, Helme, Znünibrote, Wasserflaschen, Turnsäckli, Rucksäcke, Roller, Musikinstrumente richtig verteilt und wird in drei Stunden die Enkelkinder zum Mittagessen abholen.

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Nichts los

Im Lokalblatt – man kauft es morgens zu den Baguetten und den Pains au chocolat – ist er nur marginal vorhanden: im hinteren Teil des Blattes ein Bild des neuen Präsidenten in Briefmarkengrösse, kleine Meldungen über die Kämpfe in Syrien, Euro, Griechenland, sonst Berichte über die Stierkämpfe (spanisch) und Stierspiele (provençalisch), Elton John in Nîmes, Keramikkurse, Autounfälle, Waldbrände, berühmte Sportler besuchen Kinder, Winde- und Wetternachrichten. Darf man sich den Nachrichten aus der übrigen Welt verweigern? Sollte man sich nicht eine andere Zeitung kaufen? Man tuts erst vor der Heimfahrt, liest bis dahin zahlreiche Bücher, sieht den Jungen und Jüngsten beim Schwimmen zu, liegt selbst ein bisschen im Wasser, kauft endlich einen Hut, wundert sich über die neue Freundlichkeit der Südfranzosen und darüber, dass die Datura am Wegesrand ungenutzt vor sich hin blüht. Man regt sich nicht mehr auf über die Ameisen im Kleiderschrank und die geklauten OM- und Arsenal-Badetücher, freut sich, mit der Ferienfamilie zusammen zu sein. Natürlich verlaufen solche Mifa-Ferien nicht immer störungsfrei. So sage ich jedes Jahr mindestens einmal: “Das sind meine letzten Ferien hier unten!”

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Chätschi heute

Kleines Mädchen liebt französische Kaugummiautomaten ebenso …

Chätschi vor 24 Jahren

... wie seine Mutter vor vierundzwanzig Jahren.

So nach und nach haben wir uns durch den Milchreisberg durchgefressen, durch Quartier-, Kitta-, Gerburtstagsfeste, Diplom-, Graduatioins-, Abschlussfeiern, Schulolympiade, Zeugnisse schreiben, Zeugnisse verteilen, Kollegiumsessen, Kollegiumsausflug, Bräteln und Wandern mit Kollegium, Sportwoche im Sturm, verspätete Schulreisen, Gräber- und Gartenpflege, Arbeitsübergaben an StellvertreterInnen usw. Zwischendurch stürzte der Milchreistunnel wieder ein, aber nun ist der Durchstich bald soweit. Den Gummihammer für die Häringe des Sonnensegels haben wir heuer nicht vergessen. Er ist auf dem Delta weder zu kaufen, noch auszuleihen.
Nous vous souhaitons bonnes vacances!

Heute hat Deutschland gewonnen, 2:1 gegen Italien. Deutschland im EM-Final! In allen Quartieren Berns sind Deutsche aus Restaurants, Kirchgemeindehäusern und Wohnungen gestürmt, haben einander und jedem Passanten erzählt, wie es zu den beiden genialen Toren gegen das schwache – nein das starke! Bestens aufgestellte! – Italien gekommen sei, haben von den Balkonen und aus den Bars heraus die Namen ihrer Spieler skandiert, sich in ihre Autos gesetzt, Fahnen daraus flattern lassen, sich in einen endlosen Konvoi eingereiht und ein Riesenhupkonzert veranstaltet, das nur überschallt wurde vom immer wiederkehrenden Ruf: “Es lebe Deutschland!”.

Aber nein, so war es nicht. Das wäre nicht tolerierbar.

Schon wieder ist die Wochenteilung, wie früher Nachbar Hirsiger den Mittwoch nannte, längst vorbei. Dabei wollte ich doch etwas übers vergangene Wochenende schreiben, was ich jetzt verspätet tue, denn sonst wären meine Notizen im Minimoleskine umsonst gewesen. SamstagSonntage muss ich seit langem “planen”, was eigentlich unnütz ist, denn vielleicht verpasst man bei diesem Überangebot an Events immer das noch Interessantere. Weder Flüchtlingstag auf dem Bundesplatz, noch Kantonal Bernisches Jodlerfest in Schwarzenburg, Brocante in Düdingen, Greenfield in Interlaken oder Offene Gartentür in Wabern konnte ich am letzten Wochenende berücksichtigen, leider auch nicht die Einweihung des neuen Kinderspielplatzes des Kompetenzzentrums für Demenz in meiner Nachbarschaft. Denn ich musste zum Hausmann, besser gesagt: zum Hausmann der Nation. Der gab eine Vorstellung im Tscharni. Ich kenne ihn ja nur vom Brüggepuur Migros Magazin, wo er die wöchentliche Kolumne schreibt. Da unser Quartier, ausser ab und zu den Stadtpräsidenten, selten Promis zu Besuch hat, wollte ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Das Publikum bestand, wie erwartet, hauptsächlich aus Frauen, mehr älteren als jungen. Meine Nachbarin Barbara, die Zeitungsverteilerin, fand es super, den Hausmann mal in echt zu sehen und erst noch gratis.
Wenn einer dann anfängt mit “Tscharnerguet, du bisches”, wie es der Berner aus Zürich tat (verwandt mit Chlöusu Friedli), kann er anschliessend beinahe alles erzählen.

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Hüt bi-ni- scho früeh uf u ha als erschts d’Balkontür g’ölet, die rugget scho sit Langem u ds Ölpintli steit o scho lang ume u isch mer im Wäg.
Geschter ha-ni d’Winterzibele usgmacht.

Winterzwiebeln 2012

Eigentlech hätt i drmit no chönne warte, aber i ha gförchtet, dr Räge mach se de zfule u das wär schaad gsi.
Hinger de Alpe schint zwar im Momänt d’Sunne i wissi Wulchefätze, aber über de Voralpe, dr Nünene u em Gantrisch bis zum Ochse hange scho wider schwarzi Rägewulche.
Früech ufstah finge-n-i guet. I cha de alls erledige, was mer geschter zwider isch gsi, so chlis Gschmöis, wi äbe die Balkontür öle oder Poscht sortiere u ändlech Zyttigsartikle läse, wo n-i ha gsammlet oder eifach e chli zum Fänschter us luege u warte, bis dr Tag richtig agfange het.
Im Momänt isch vil los. Ehrlech gseit wurmets mi, dass i für d Euro 2012 keni Bildli gsammlet ha. Aber d’Tuuschpartner hei mer eifach gfählt u das wär ja das, was eim Spass macht. Ganz verzichte muess i zum Glück als Pensionierti nid uf Fuessballfröideli. Mini früechere Arbeitskollege, si si o mini Fründe, gö mit mir gärn es Spil ga luege, sigs i ds Pub, i irgend ene Beiz am Stadtrand oder äbe hüür i dä Schuppe …

In-Schuppen

... wo dr Räge i Biimer tropfet u de ds Signal für ne Momänt verlore cha ga, was ds Volk nid stört. Mi roukt Gras u angers, isst e Wurscht, für d’Vegetarier gits Falafel, trinkt es Burgdorfer Bier, hocket uf spröde Plastikstüehl u hoffet, dass es während em Bildusfall ändlech 1:1 gä het, was aber am Samschtig im erschte Spil nid dr Fall isch gsi, obwohl d’Ching i ihrne Messi- u YB-Liibli “Hopp Holland, hopp Holland” gschroue hei u dä hinger mir sogar “Heilandtonnergähtimändlechgodverdomme” gmööget het. Mir het die schäbegi Lokeischen guet gfalle. I bi mer vorcho wie im Usland, obwohl’s ja nume es Quartier am angere Ändi vo dr Stadt isch gsi. Inzwüsche ha-n-i ghört, äs sig e “In-Schuppe” für Schutte z’luege.
Itz schiint d Sunne uf d Blüemlisalp, wo d’Lücke zwüschem Gurte u em Ulmizbärg usfüllt. Vom 16. Stock us gseh, isch dert obe mit em Iisch u-n-em Schnee no alles ir Ornig.
E guete Tag!

Hanneli

Johanna Schenk, um ihren 5. Geburtstag, “Hungihüsli” Biembach,
August 1927

Als Kind habe ich mich oft geärgert, wenn die Eltern uns z’Visite (zu Besuch) mitnahmen zu Leuten, bei denen wir einen guten Eindruck machen mussten und dadurch mit Sicherheit ein öder Sonntag bevor stand. Einer dieser Besuche führte uns – an Pfingst- oder Bettagen – von einer kleinen Bahnstation im Emmental zu Fuss hinein in ein enges Tal und dann steil hinauf über die Kuhweide, einer Haselhecke entlang zu einem Bauernhof. Vom finsteren Schopf trat man durch die Haustür in eine noch düsterere Rauchküche.. Der alte Bauer führte uns in die Stube, wo wir alle auf einer schmalen Wandbank Platz nahmen. Als nächste kam dann Frau Fankhauser, die alte Bäuerin, um uns zu begrüssen. Ihr Gesicht glich einem roten Herbstapfel und ihr Haar einem weissen zerzausten Vogelnest. Ihre Tochter Frida, die junge Bäuerin, sass meist auf dem Sandsteinofen uns gegenüber und sprach hauptsächlich mit meinem Vater, während sie mit einer Leidensmiene die mit schwarzer Salbe verklebten Stützverbände von ihren Beinen wickelte. Immer gab’s etwas zum Jammern: die Krampfadern, der nasse Frühling, die spät gesetzten Kartoffeln, das zugekaufte Heu, der Stall, der Mann, der Goggelüsche (Keuchhusten) vom Bub.
Vater hörte geduldig zu und Mutter machte einen zufriedenen Eindruck. Nach und nach drückten sich dann auch die schüchternen Kinder durchs Türgreis (Türrahmen), nuckelten an Schoppen, Schnullern oder Gungitüchern und schauten uns mit grossen Augen an. An den jungen Bauern, den angeheirateten, erinnere ich mich nicht. Wahrscheinlich war der Sonntag sein Vereinstag. Später holte die alte Frau Fankhauser mit einer Stange eine schwarze Wurst aus dem Rauch, brühte Kaffee auf und gab uns Zvieri. Dann machten wir uns wieder auf den Heimweg, rannten munter den Berg hinunter, traten in Kuhfladen und erreichten das Tal mit Grasflecken auf den hellgrauen Strümpfen oder weissen Kniesocken. Jetzt waren wir wieder frei.
Es sollte Jahre dauern, bis ich realisierte, weshalb meine Mutter solchen Wert auf diese Besuche legte und darauf achtete, dass die ganze Familie schön angezogen, gewaschen und gekämmt war.

Im Alter von kaum sieben Jahren kam sie als Verdingkind auf diesen Hof. Ihre beiden älteren Brüder waren bereits bei Bauern verdingt. Obwohl ihre Eltern fleissig arbeiteten, konnten sie mit zwei Hungerlöhnchen höchstens ein Kind ernähren. Schweren Herzens entschlossen sie sich, abwechslungsweise immer eines zu Hause zu behalten. Als dann noch ein viertes Kind, der Wernerli ankam, sollte auch er verdingt werden. Er weinte aber so bitterlich, dass seine drei Geschwister einverstanden waren, dass der kleine Bub zu Hause bleiben durfte. Meine Mutter blieb bis zum Ende ihrer Schulzeit bei Fankhausers verdingt. Neben zahlreichen harten Arbeiten auf dem Feld, einem beschwerlichen Käserei- und Schulweg musste sie auch noch für das Wohl der Bauerstochter Frida sorgen.

Kein Wunder, dass sich das ehemalige arme Tröpfli von Verdingkind gerne mit seiner eigenen (geputzten und gestrählten) Familie bei seinen alten Meistersleuten zeigte.

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Hahn

Im Moment könnten einem Gärten zum Hals raus hängen. Keine Zeitung, kein Magazin, die nicht irgendetwas über Grünzeug schreiben, kein Fernsehsender, der keine Tipps und Tricks zur Selbstversorgung auf dem schmalsten französischen Balkon berät. (In L.A. sind bepflanzte Kloschüsseln auf chicen Dachgärten der Renner, und in England muss das Lustwandeln, Lustgraben und Lustpflanzen im Klostergarten, – an- oder ausgezogen – für den September schon jetzt gebucht werden). Besonders der urbane Garten ist im Moment absolut in, denn Raum ist in der kleinsten Tüte. Von Beiträgen in Blogs und Gartenblogs rund um die Welt nicht zu reden. Dass ein kleiner Film wie “Unser Garten Eden” eben einen europäischen Preis gewonnen hat, ist in dieser Zeit der urbanen Selbstversorgung nicht verwunderlich. (Der Film wurde in meiner Nachbarschaft gedreht.) Ganz klar sind in dieser unserer Stadt zahlreiche Zierkübel mit Raps oder einem Pro-Spezia-Rara-Kraut bepflanzt. Bald sollen ja auch die ausgedienten Einkaufswagen in Bern gelb gespritzt, für den mobilen städtischen Gemüseanbau frei gegeben werden.
Auf dem Samstagsmarkt ist es mit diesem Gartenvolk echt grässlich! Vor dem Stand mit Gemüsesetzlingen: “Schahatz, (Muntsch-muntsch), möchtest du Rot- oder Weisskabis?” “Ich habe eigentlich an Spitzkabis gedacht (Muntsch-muntsch)”. Und wie freuen sich diese Leute, wenn die Märitfrau sagt: “I gibe-n-ech no-n-es Stüdeli drüber-i, ds einte isch e chly n-es Miggerigs”. Am besten verlässt man diesen überbordend fröhlich-bunten Ort sofort, wo an jeder Ecke Pflanzpläne geschmiedet und Pflanzmisserfolgen der vergangenen Jahre auf den Grund gegangen wird. Aber ja nicht über eins der zahlreichen Kleinkinder stolpern, welchen der Platz im Kinderwagen von Setzlingen weggenommen wurde!
Das alles geht ja noch. Am schlimmsten sind diese angefressenen Gärtnerinnen und Gärtner in der Familie. Bei jedem Essen hört man eine Story über den Salat – Eichblatt, Kopf, Kresse, Schnitt – der dank Frühbeet früh im Jahr auf den Teller kommt, von den Kräutern, die, Baruch haSchem und Alhamdulillah, dem eisigen Frost getrotzt haben, von dem Lattich, der als Gratin besonders fein schmeckt, der Minze (es gibt davon viele Sorten), bei welcher die marrokanische besonders minzig schmeckt. An jedem Löffel Rhabarberkompott hängt ein Geschichtchen – wie lange darf man ernten, wie rotodergrünoderdoch rotgrün darf der Stängel sein, welche Nachbarn bekommen etwas, jede Beere wird kommentiert – von Schnecken durch Piniennnadelunterlage oder aus verlassenenm Garten gerettet. Eeendlos und ehrlich ein bisschen nervend – sorry. Klar lesen die Angefressenen Gartenbücher, können stundenlang Bilder vom Prinzessinengarten in Berlin-Kreuzberg und Wirsigköpfe in Jutesäcken betrachten. Wie Katzen- und Hundefans fotografieren sie natürlich bei Sonne und Regen ihre Lieblinge, und man kann nur dankbar sein, dass die Familien-Dia-Bilderschau der Vergangenheit angehört. Über diese emsigen Leutchen kann man (nach meiner Mutter selig) nur sagen: “Si mache wenigschtens nüt Dümmers.”

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Lebenshilfe

Also, ich finde das tägliche Leben viel leichter als früher. Früher musste ich amigs überlegen, wie ich einen angefangenen Beutel verschliessen sollte – mit einem Gümmeli, einem Klämmerli, einem Drähtli oder sogar mit einem Schnürli? Als ich heute das Lödli mit den Sonnenblumenkernli aufmachte, war daran ein Kleberli geklebt mit einem Bildli drauf, wie ich 1. das Säckli aufrollen und 2. das Rölleli mit dem Kleberli verkleben soll. Nun kann nichts mehr passieren mit den Widerspenstigen. Sowohl Kärnli, als auch Schränkli bleiben sauber. Auch auf der schmalen Plastikhülle, in welche meine Strümpfe verpackt sind, steht, dass man sich dieses Säckli ja nicht über den Kopf ziehen soll. Ich habe allen, die mir lieb und teuer sind, das Plastiksäckli anprobiert. Zum Glück hats niemandem, nicht einmal dem kleinsten Kleinkrähchen gepasst, und ich darf weiterhin bei dieser Strumpfmarke bleiben. Als ich letzthin eine neue Duschmatte kaufte, las ich auf der Verpackung : “Bitte nach Gebrauch Seife auf beiden Seiten abspülen”. Das mache ich gerne, spüle nach jedem Duschgang die Matte oben und unten ab, beuge der Rutschgefahr vor. Zum Glück steht auf dem Zellophanhülleli, das eine Packung Bouillonwürfel zu einem nur schwer zu knackenden Gemüsetresor macht: “Verpackung zum Verzehr nicht geeignet”. Am Oleanderstöckli hing ein Schildli mit einem durchgestrichenen Apfel “on-eetbaar”. Ohne diese Info hätte ich das O-Bäumli doch glatt in die Suppe geschnetzelt. Dem Wetter-Mann im TV bin ich dankbar, wenn er mich spät nachts daran erinnert, dass von irgendwo her ein Sturmtief heranbrausen und vorsichtshalber das Einrollen der Sonnenstore angesagt sei. “Dieses Produkt eignet sich nicht zum Rohessen.” Nun koche ich die Bohnen immer und meide sämtliche rohen Bohnengerichte, zu welcher Tradition auch immer sie gehören mögen.

\"Salsa\" unter der Klauenfraese

Demonstrationskuh an der BEA 2012

“Leute in der Stadt und in der Agglomeration wissen ja kaum mehr, was eine Kuh ist und woher die Milch kommt”, meint Kari Litter, Geschäftsführer des Berner Fleckviehzuchtverbandes. Aus Dankbarkeit für den jährlichen Besuch des Fleckviehs und des noch übriggebliebenen Getiers bei uns in der Stadt mache ich mich auf, um wieder einmal zu sehen, ‘woher die Milch kommt’. Vor Halle 672 herrscht aufgeregtes Gedränge. Auf einem Schragen festgegurtet liegt reglos eine Kuh, an Hinter- und Vorderbeinen gefesselt. Bauch und Euter sind gegen die Zuschauer gerichtet. An ihr wird gerade “Fünf Schritte für fachgerechte Klauenpflege” demonstriert. Die Klauen werden gefräst und geschmirgelt, während ein Helfer der Kuh ein Auge zuhält.
Die Reaktionen im Publikum sind unterschiedlich. Es wird wie wild geknipst. Einige Frauen finden Klauenpflege nötig, aber doch nicht so ausgestellt in der Öffentlichkeit. Die Männer sind mehrheitlich fasziniert von der Arbeit mit der Fräse. Eine Gleichstellungstante aus dem Publikum verlangt energisch: “Fantast auf den Schragen, Fantast auf den Schragen!” Aber keiner tut einen Wank, um den Tausendkilostier “Fantast” aus dem Stroh zu holen. “Ha, das wagt ihr jetzt nicht, den auf den Schragen zu binden, ihr Angsthasen!” Endlich zieht die Tante, sie hat genau meine Stimme, Richtung “Grünes Zentrum” ab und Punkt 3 der absolut schmerzlosen Behandlung der Kuhklauen kann ungestört in Angriff genommen werden.

In diesem Jahr habe ich keine Fotos gemacht, obwohl es härzige gegeben hätte.

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