April 2012


Menthe à l\'eau

Ein paar Tage im Süden verbringen, schauen, wie es ist, wenn nur wenig Touristen unterwegs sind und die weissen Pferde, wie mit Ariel gewaschen in der Frühlingssonne stehen, den Wind in den Mähnen. Flamingos äsen im Etang, darüber Möwengekrächze, auf dem Kanal die “Pescalune” (Aussichtsboot) und vor dem Stadttor das doppelstöckige Karussel. Am weiten Strand den Drachen aus seiner Verpackung befreien und ihn immer höher steigen lassen. Sand aus den Schuhen schütteln. Die regionale Zeitung durchblättern und lesen, wo Marine ein Altersheim besucht oder magrebinische Kinder küsst und wie die Aficionados des Stierkampfs auf den 150. Geburtstag ihrer Arena anstossen
Unter den Bäumen blühen violette Iris. Elstern und Wiedehopfe schäkern in den Ästen und lassen ab und zu einen weissen Klacks auf die Schwerter der Lilien fallen.

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Inès El Iaboudy will eine Alltagsgeschichte erzählen aus ihrem Hochhaus in Bobigny, 18 Stöcke, in dem nun auch der dritte von drei Aufzügen ausfällt. Ausgebrannt. Die anderen zwei waren schon seit vielen Monaten ausser Dienst. Arbeitslose Jugendliche haben einen Trägerdienst eingerichtet, mit Zeitplan. Freiwillig. Sie tragen seither die Einkaufstaschen der älteren Frauen und die Kinderwagen der jüngeren in die höheren Stockwerke.

Eine hübsche Geschichte, weit ab vom Klischee.

Quelle ist ein sehr guter Artikel zum Thema Banlieue und Ghettoisierung aus unserer gestrigen Tageszeitung. Wer Französisch lesen mag, dem sei der Bondy Blog ans Herz gelegt.

Rain is over ...

Haggada schel Pesach, Tel Aviv : Haschomer Hazair, 1966.

Am Karfreitag war wieder grosses Eierfärben, dieses Jahr im Gemeinschaftsraum des Blocks, damit die Kinder par terre mehr Auslauf zum Spielen hatten als im 16. Stock. 28 Kleine und Grosse färbten 240 Eier. Die Völker verstanden sich ausgezeichnet, blieben lange, verputzten Zopf, Apfelkuchen, Linzertorte, Ostertaube, Käse, Butter, Honig, Früchte, Schokolade und probierten bereits die frisch gekochten Eier.
Heute gabs dann für die Kleinkrähen vergnügliches Warm-Kalt-Nestersuchen, dann Osterzmorge mit Eiertüschen und Kaffee aus dem vorsintflutlichen Glaskrug. Draussen kalte Regenschauer und feines Schneegestöber – Lesewetter.
Weil ich ein schmales Bändchen in abgegriffenem goldenem Umschlag aus der Bücherreihe ziehe und in diesem Jahr Pessach mit Ostern zusammenfällt, steht hier ein Bild der ersten Seite der Haggada* und nicht eins mit Ostereiern.

*Diese kurzen Zeilen beschreiben den Monat Aviv. Winter und Regen sind vorüber, die Erde ist bedeckt mit Blüten, die Zeit der Nachtigall bricht an, in unserem Land ist der Ruf der Turteltaube zu hören. Der Feigenbaum trägt grüne Feigen und an den Rebstöcken wachsen duftende Trauben. (ungefähr, sonst: Hohes Lied 2, 8-)

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Hochhaus im April

Einmal hat sich ein Pfarrer bei mir beklagt, dass er nicht an seine Schäfchen herankomme. Nichts wisse er von ihnen, obwohl er doch schon so lange mit und unter ihnen sei. Er hätte sich hinter einen Gartenzaun stellen, ein bisschen in der Erde graben sollen und einfach nur warten, bis sie ihn anblökensprechen.
Die Lage meines Gartens, nicht weit von einer Tramhaltestelle entfernt an einem schmalen stark begangenen Quartierweg gelegen, wäre ideal gewesen für den verschmähten Hirten. Er hätte vernommen, dass das Hundchen von Frau Rütschi beinahe blind ist, von ihrem Sohn aber heiss geliebt wird, so dass der bald Vierzigjährige gar nicht von Mutter und Tierchen weg ziehen mag. Krankheiten von ganzen Generationen, schlimme und glimpflich abgelaufene, wären ihm im Detail geschildert worden, samt Therapien schulmedizinisch und homöopathisch. Lehrerversicherungskasse, Banken, frühere und heutige Finanzkrisen, Deutsche in unseren Krankenhäusern (sehr nett und mitfühlend), Wellnessbäder (Solbad Sigriswil noch besser als “Beatus” Merligen), Ferien im Tirol wo Mann das Handörgeli mitbringen darf, alles (und mehr) hätte der Pfarrer unter freiem Himmer durch den Maschendraht erfahren. Auch Erziehungsprobleme und -fragen, Ehen, Freundschaften, glücklich oder traurig beendet, mühsame Nachbarn, Umzüge, Geburten, von schwer bis ganz “ring”, “gfitzte” Enkel, erfolgreiche Kinder, Minarette ja oder nein, Meinungen zu Kriegen, Mord, Todschlag, Teppichboden, Platten oder Parkett hätten ihm ein Bild seiner Gemeinde gegeben. Aber nun ist er schon lange weg, der unglückliche Gottesmann, wurde in den Synodalrat (Bürojob) gewählt und alles, was er nie vernommen hat, weiss jetzt ich.

Nur zu gerne würde ich einmal eine Bombe – eine Malvenbombe natürlich – werfen, wie dieser Maurice Maggi.

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