November 2017


Wolkengesicht

(Bild 2: Wolkengesicht, 15:02)

Wenn Ende November die Blumenzwiebeln zum halben Preis verkauft werden, werde ich schwach. Mag es draussen frieren, regnen, stürmen, hageln, sicher verlasse ich den Laden nicht ohne ein paar dieser porösen Täschchen mit dem meist unansehnlichen, knolligen Inhalt.
Gestern, es war kalt und sehr nass, kaufte ich beim Orangen Riesen zwei Packungen Zwiebeln von schneeweissen Aprilglocken (20 Stück für Fr. 4.90). Nachdem ich an der Kasse meinen Wochenendeinkauf bezahlt hatte, kam die Verkäuferin vom Blumenstand zu mir und schenkte mir noch eine Packung. Es sei die letzte und sie wolle diese heute nicht mehr hämpfele (in die Hand nehmen).

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Gratis

(Blick von meinem Balkon nach Westen, 21.11.2017, 17:24)

Noch hätte ich mein “cadeau d’une valeur de Fr. 49.-, Père Noël musical et animè, pas encore réclamé, teilt mir M. Chaumont, Directeur de la Clientèle eines Versandhauses für Textiles mit. Auch weitere Gratisgeschenke, wie die weiche Kuscheldecke mit Ärmeln, die edel bedruckte Haube für warme Pellkartoffeln, den singenden Nussknacker, die LED-Echtwachskerzen und die hitzeunempfinlichen Silikonhandschuhe, nicht zu vergessen der versilberte Henkel, mit welchem im Restaurant die Handtasche am Tisch befestigt wird, habe ich noch nicht reclamé. (Dabei wurde mir doch mitgeteilt, dass es die Gratisgeschenke nur gibt, solange der Vorrat reicht).

Mein Telefon klingelt – eine vielstellige Nummer. Ich mache mich bereit für einen gemütlichen Schwatz mit meiner Freundin, welche die Wintermonate in eiem 3000 km entfernten Dorf in Nordafrika verbringt.
Eigentlich wäre es an der Zeit, dass die Königin von Arokko ihre langen, roten Haare altershalber endlich hochstecken würde, ömel bei so etwas, wie der Übergabe einer Medaille an einen Krebsforscher, meint meine Nachbarin. Der junge Kronprinz sei zu bedauern. Stundenlang müsse er bei den unterschiedlichsten Zeremonien bewegungslos neben seinem Vater ausharren. Das sei doch kein Leben für ein Kind.
Nicht, dass mich diese Royals besonders interessierten, aber Frau Nachbarin erzählt so mitfühlend und interessant. Da können Gala und Glückspost und die ganze Regenbogenpresse einpacken.
Es knackt seltsam in der Leitung. (Sagt man noch “Leitung” bei dieser Whatsapp-Telefonie, die mir vorkommt wie ein Schlund, der unser Gespräch einsaugt, um es blubbernd und zischend zu verdauen und irgendwo wieder raus zu würgen?)
Meine Freundin macht sich abhörtechnisch keine Sorgen. Sie ist froh, dass auch die arokkanischen Telefonkabinen abgeschafft werden und sie nun viel bequemer und, wenigstens auf den ersten Blick, gratis in die Schweiz telefonieren kann.
Also sprechen wir noch ein bisschen weiter über Königs. Gestern habe der Monarch die Gläubigen dazu aufgerufen, beim Freitagsgebet um den langersehnten, bitternötigen Regen zu bitten. “Warum gerade jetzt den Allmächtigen damit behelligen?” fragt sich meine ferne Gesprächspartnerin, “an Wasser mangelt es dem Land doch seit Jahren.” Der Himmel sei grau bewölkt und bei solchem Wetter erhöre Allah logischerweise solche Gebete äbe viel schneller, spöttelt sie.
(Knackediknack an meinem Ohr).

Ärgerlich sei, dass es mit dem Wasser in ihrem Haus im Dorf immer noch nicht klappe. Wohl tröpfle es morgens ein bisschen aus dem Hahn, aber das sei dann schon alles. Man könne froh sein, keinen Durchfall zu haben. Man müsse sich damit abfinden, dass hier im Land nichts auf Anhieb und meist überhaupt nicht klappe. Das Einzige, welches zuverlässig in Stand gehalten werde, seien die Moscheen. Scharen von Freiwilligen, spenden, schrubben, wischen, bewachen, flicken unermüdlich.

(Knack-knack, knaack).

Am anderen Ende der Leitung ruft der Mann meiner Freundin zum Essen. Er hat ein Tajine parat – Adieu. (Knack)

Draussen beginnt es zu nieseln.
Hat irgendein Beauftragter des Allmächtigen die falsche Regentaste gedrückt?

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Schnee ist angesagt

Jedes zweite Jahr im Oktober werden in der Stadt Bern die schönsten Grabmäler prämiert.
Die Gräber meiner Eltern im Dorf würden nie einen Preis bekommen. Dafür sind sie zu un-ordentlich. Auf ihnen wuchern Minze, Thymian, Bohnenkraut, Rosmarin und Lavendel. Kaum hat man die Büschel etwas in Form gebracht, schiessen sie wieder respektlos ins Kraut. Ein Gutes hat dieser Wildwuchs auf kleinstem Raum: Er wird von unzähligen Bienen besucht.
Nun ist es wieder höchste Zeit für die Winterabdeckung, denn zu den Allerletzten, die abräumen, sollte man nicht gehören. In der nahen Baumschule kaufe ich frische Weisstannäste – Chrisescht.

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für einen nasskalten Regentag:

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Waechter 1

Waechter, Friedrich Karl (1937-2005)
Vollmond, Zürich: Diogenes, 2005, ISBN 978-3-257-0650-7

Von einem, der zuerst den Umweg über den Mond machen muss, um zu merken, dass seine Liebe schon längst vor der Haustür auf ihn wartet.

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Herstnachmittag

Rosalia toupiert ein wenig an Frau Binz’ Hinterkopf, kämmt die Deckhaare luftig darüber – fertig. Frau Binz ist 91, wohnt noch “selbständig”. Um acht Uhr früh kommt sie im Coiffeursalon vorbei, setzt sich ein “Momäntli” hin zum Plaudern und trippelt dann mit frischer Frisur zufrieden zum Lebensmittelladen. Ich glaube, sie muss für diese tägliche Verschönerung nichts bezahlen.
Rosalia hängt eine leuchtend rote Sternlampe ins Schaufenster, stellt ein verschnörkeltes Tischchen mit Pflegeprodukten darunter. Für Geschäfte höchste Zeit, weihnächtlich zu dekorieren. Lebkuchen gäbe es ja schon seit August.
Heute wäscht mir Nina die Haare – zum letzten Mal, denn Ende Jahr geht sie in Pension. (Das Geschäft weiss sie bei ihrer Cousine Rosalia in guten Händen.)
Nina schneidet mir seit vielen Jahren die Haare. Nach kurzer Versuchsphase fand ich zusammen mit ihr meine Frisur: asymmetrisch, Scheitel rechts und Haare kurz über dem Ohr, links von hinten Mitte schräg nach vorne länger, hinten in die Spitze – Hauptsache: immer gleich. Etwas Schaum, dann trocknen mit Fön und Bürste – fertig.
Für die Regenbogenpresse hat es auch heute nicht gereicht, so bleibt das Familiengeheimnis der von und zu Guttenbergs für mich Geheimnis.
Es gibt einfach Sachen, die müssten sich für mich nie ändern, wie u.a. die Frisur, meine schwarzen T-Shirts oder meine Coiffeuse.
Ich werde Nina und die Erzählungen aus ihrem Dorf in der Nähe von Neapel vermissen. Dort ist es heute sonnig und 20° warm …

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