Februar 2018


Ein Nischenprodukt zu er-finden und damit bis übers Lebensende hinaus (für die geliebten Nachkommen) ausgesorgt zu haben, war schon immer mein Wunsch.
In allen möglichen Situationen des täglichen Lebens hielt ich Ausschau nach einer leeren Nische, die erfolgreich ausgefüllt werden könnte. Mein Wunder-Fränsler, den ich bereits auf den Rand einer Zeitung gezeichnet hatte, wurde leider von Finanzkräftigeren auf den Markt gebracht.
Auch die Entwicklung chicer Klammern, mit welchen Krücken und sonstige Stöcke senkrecht parkiert werden könnten, blieb nur als Gekritzel auf einer Busfahrkarte.
Das „Auskunftsbüro von A-Z und für jede Lebenslage“, betrieben zusammen mit meinen schlauen Familienmitgliedern, wurde bereits in der Planung vom Internet abgewürgt.

Vor gut fünfzig Jahren besuchte ich eine Freundin in Berlin. Das Spital, in welchem sie arbeitete, ein roter Backsteinbau im Stil der deutschen Renaissance, war von wildem Wein überwachsen. Abgesehen davon, dass ihr Gezwitscher die Patienten aufheitere, würden die Vögel auch die Mücken fressen, und im Winter schütze das kahle Gerippe der Äste die Mauern vor dem starken Wind, sagte man mir.
So etwas wollte ich in meinem Quartier auch machen. Nachdem ich mich durch einige Bücher gelesen hatte, versuchte ich die Hausverwaltung, den Gärtner, die Bewohner und Bewohnerinnen von Fassadenbegrünung zu überzeugen – leider nur mit äusserst mässigem Erfolg. Die grösste Angst: Die Betonmauern könnten zerstört werden. Der vermehrte „Vogellärm“ in nächster Nähe würde den Leuten den Schlaf rauben, allerlei Spinnen und anderes Krabbelgetier würden sich in Vorhängen und Betten einnisten und im Herbst müssten mehr Blätter zusammengekehrt werden.
Irgendwie kam mein Geschäft nicht in Schwung.
Einmal fand ich dann einen abtrünnigen Gärtner, der stillschweigend einen wilden Wein und ein Geissblatt an den Fuss des 45 Meter hohen Kamins pflanzte.
Die Stauden wachsen (an einer intakten Mauer) jedes Jahr ein paar Meter.

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Osten

… die rot gestrichelte Linie ist die Mauer oder auch „Staatsgrenze“ genannt. An der Kerbe (Spitze des Kugelschreibers) vorn in Hohenschönhausen Berliner Strasse, heute Konrad Wolf Strasse ist der Opa am 22.01. in einer Urnenbüchse beigesetzt worden. Urnenstelle 6-27.

Die Postkarte samt Todesanzeige schickte uns der Rentner Bernhard F. aus Westberlin. Sein Freund Robert, Opa genannt, wohnte in Ostberlin und hatte mit seinen über 80 Jahren eine Reiseerlaubnis in den Westen. Meine Töchter und ich lernten die beiden Männer 1984 bei einer Schifffahrt auf Spree und Landwehrkananl kennen. Sie wussten viel über die beiden Teile der Stadt zu berichten. Als wir wieder in der Schweiz waren, schickten sie neben Briefen und Postkarten manchmal auch ein Buch, ein Magazin, einen Zeitungsartikel oder eine Infobroschüre für westliche Touristen in Ostberlin. Ab und zu reiste auch ein Berner Schoggi- oder Lebkuchenbär nordwärts, sehr zur Freude von Opa Robert und Rentner Bernie.

Aus aktuellem Anlass habe ich heute in meinem Archiv gestöbert.
Hier ein paar Fotos aus den 1980er Jahren:

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