Die Aussicht von der Terrasse aufs Meer ist traumhaft, der Salon marocain stilecht und gemütlich, die Küche gross, der Innenhof kühl. Alle Räume sind hell, die Fenster sturmfest. Dieses Bijou von Haus hat nur den einen Makel: kein fliessendes Wasser. Das Fischerdorf an der malerischen Bucht, bis jetzt ein Geheimtipp für Surfer, entwickelt sich rasant. Hotels, neue Wohnhäuser, seit Kurzem gibts eine Apotheke mit blinkendem grünen Kreuz. Von den seit vielen Jahren versprochenen Wasserleitungen ist allerdings noch nichts zu sehen. Deshalb schleppt meine Nachbarin, die jedes Jahr einige Monate im magrebinischen Dorf am Meer verbringt, das Wasser vom weit entfernten Brunnen Kanister weise ins Haus. Nun hat sie die Geduld verloren. Bei der örtlichen Behörde vorzusprechen ist für die Katz’. Das haben Einheimische auch schon vergeblich versucht.

Es ergab sich, dass der Schwager meiner Nachbarin einen kurzen Besuch in der Schweiz machte. Er ist Botschafter und residiert im Moment in einer fernöstlichen Millionenstadt. Jetzt oder nie, dachte sich die unmutige Wasserträgerin: “Könntest du nicht einmal bei einem deiner gesellschaftlichen Anlässe dem marokkanischen Botschafter mitteilen, dass man im Fischerdorf auf eine Wasserleitung wartet?”

Vor zwei Wochen sind Lastwagen mit Rohren und allerlei Werkzeug in den Bergen hinter dem Dorf angefahren. Männer mit Bauplänen und Vermessungsgeräten sind mit Einheimischen zwischen den Häusern unterwegs.
Zu früh freuen will meine Nachbarin sich nicht, aber es kann doch sein, dass ihre Nachricht den Weg von der Schweiz über die fernöstliche Weltstadt zurück ins marokkanische Fischerdorf gefunden hat und es endlich – Inshallah – Wasser gibt.