Pauluskirche

Ehrlich gesagt komme ich mir in dieser Christnacht meinem Quartier gegenüber ein bisschen untreu vor, besuche ich doch den Gottesdienst mit Tochter und Enkelin in einem anderen Stadtteil. Der Grund: zwei Familienmitglieder singen im Weihnachtschor.
Am Eingang verteilt der Sigrist den zahlreichen Besucherinnen und Besuchern eine Kerze. An der prächtigen Weihnachtstanne glitzern Sterne und Kugeln mit den Orgelpfeifen (2300 Stück!) um die Wette. Die Glocken läuten. Der Chor, geführt von einem jungen Dirigenten, jubiliert In Dulci Jubilo. (Muss meine Tochter, ehemalige Flamencotänzerin, daran hindern zu klatschen und Olé zu rufen).
Der Pfarrer streicht sich nun auf diskret schwarzem Tablet durchs Gebet und dann durch die Weihnachtsgeschichte nach Lukas, Kp. 2. Wie viele Jahre ist es her, seit ich diese wieder einmal erzählt bekomme? Sehr feierlich – ich kann sie immer noch auswendig von “Es begab sich aber zu der Zeit…” bis ”... wie denn zu ihnen gesagt war.”

In flottem Tempo und mit freudigem Elan nimmt der Dirigent die Gemeinde mit auf die Fahrt durch die alten Weihnachtslieder Ros’ entsprungen, Ehre-sei-Gott- in- der- Höhe-Kanon – klingt voll und rein, Stille Nacht und Oh du fröhliche ebenso. Kein Wunder, hier singen viele Lehrerinnen und Lehrer, Leute, die ein Instrument spielen, Mitglieder von Orchestern. Sie kennen die Lieder auswendig.
Der Sigerist zündet die Kerze an und gibt das Feuer weiter. Dieses Licht vom Nachbarn nehmen passt mir weit besser als das “U-itz-gäbe-me-alli-enand-d’Hand” – nur peinlich.
Noch ein Himmelhoch vom Chor, dann die Fürbitte und die Kollekte für palästinensische Frauen und ihre Kinder und die Flüchtlinge in Bern. Dann Segen ohne Tablet. Der junge Organist lässt es fröhlich durch alle 2300 Pfeifen brausen. Gesittet rückt man dem Ausgang zu. Als ich meinen Batzen in den Opferstock fallen lasse, gibt es kein Geräusch, die Blechpinte ist bis obenhin voll mit Noten.

Ein Gottesdienst in meinem Quartier ist total anders. Ausser ein paar alten Leuten kennt niemand die traditionellen deutschen Weihnachtslieder. Schlimm wird es, wenn man “Schtiu isch d’Nacht, heilig isch d’Nacht …” singen muss, weil die Leute von der Kirche meinen, so sei’s für die Ausländer einfacher. So oder so, der Gemeindegesang bleibt mickrig.
Sind Kinder und Jugendliche anwesend, wird es lebhaft bis laut. Aber sie können sich absolut für ein Krippenspiel begeistern. Das wird dann wie aus unserem Bethlehemer Leben gegriffen.
Ganz sicher werde ich meinen Batzen noch im Opferstock klingeln hören, wenn ich als Letzte raus gehe.
Ich staune über die guten Nerven, die Geduld und die Freundlichkeit der Pfarrerinnen, Pfarrer und Katechetinnen, welche jeden Dezember auch die Weihnachtsgeschichte auf den Strassen von unserem Quartier aufführen: “Weihnachten findet in Bethlehem statt”, gespielt von denen, die hier leben – mit weihnächtlicher Musik untermalt.

Ich habe mich gefreut über den Besuch in einer “fremden” Kirche, wo geschmackvoll dekoriert war, alles geklappt hat und niemand mit Schwatzen die Feier störte. 2nd, female und 2nd, male haben sehr schön gesungen, danke!

Bald machen sich auch unsere Weihnachtssänger wie seit Jahrzehnten auf den Weg durchs Quartier, um vor den Häusern zu singen.