Meine Familie hat sich damit abgefunden, dass ich manchmal vom Hundertsten ins Tausendste komme (?).
Aber Abschweifungen finde ich eher interessant als mühsam, besonders, wenn man dann endlich doch noch auf den Punkt kommt.
Hier ein Beispiel:

Was aber der britische Sozialanthropologe Timothy Ingold sagt, dass E-Mails u. SMS eine Pandemie der Gedankenlosigkeit seien, da bin ich nicht einverstanden …

schreibt mir meine Schwester Hanni. Da bin ich ihrer Meinung, denn ich freue mich jedesmal, wenn ich ein Whatsapp-Foto aus irgend einem Ort der Welt erhalte, den ich nicht kenne. Ich nehme mir dann Zeit, ein bisschen zu recherchieren. Unglaublich, auf welche Schätze man da trifft.
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Was meine Lebensjahre betrifft, bin ich sozusagen bereits auf dem Heimweg …

So fängt Finn Canonica sein Editorial in der Magazin-Nummer 48 an, und man will weiterlesen.

Ich erinnere mich an Heimwege aus Kinder- und Jugendtagen auf dem Land, als Katze Züsi nach Schulschluss auf mich wartete oder Hund Bäri mit entgegenzottelte, wenn ich aus dem Postauto stieg, um ein Wochenende zu Hause zu verbringen. Auf einem Heimweg musste ich aber auch das Muster-Vreneli mit seinem eigenen Schirm verprügeln, weil ich nicht immer „Brüllengügger“ genannt werden mochte.

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Damit sie nicht verlorengehen, gibt es auch dieses Jahr hier wieder einen Adventskalender aus den Fötis, die ich von Familienmitgliedern und FreundInnen das Jahr hindurch zugeschickt bekam.

Auf mein rechtes Sprunggelenk ist Verlass: in der Nacht hat es geschneit. Ich öffne das Fenster und schaue hinab auf das schlafende Quartier. Nur entlang der Waldmannstrasse wird blinkend und brummend der Schnee auf den Tramschienen geräumt. Es ist kurz nach 5 Uhr. Ich wechsle die Kalenderblätter, lasse die vorbereitete Gemüsesuppe köcheln und packe dann den Jungkrähen das Mittagessen für die Schule ein.

Weshalb ich zu dieser frühen Stunde so ein bisschen ein Hochgefühl habe? Am vergangenen Wochenende wurde in Bern gewählt. Der frei gewordene Sitz meiner Partei im Berner Gemeinderat erhielt meine Favoritin (Neu im Rat: 2 Frauen, 3 Männer).

Die Berner Stadtratswahl war eine Frauenwahl. Von den 80 Mitgliedern des Stadtparlaments sind neu 55 Frauen und 25 Männer.

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Etwas gleitet im Mondlicht dahin. Wer ist das nur?
Wer ist denn so spät in der Nacht noch unterwegs?

Aus: Schubert, Ingrid und Dieter: Nikolaus oder Weihnachtsmann?, 1990, ISBN 3-7941-3309-9

Am frühen Nachmittag mache ich einen Besuch bei meinen Enkelkindern im 12. Stock. Zusammen mit ihrer Mutter sind sie daran, eine kleine Tanne aus Plastik in einem Topf zu schmücken. Auf der Spitze sitzt ein silberner Vogel, an den hellgrünen Ästen glänzen winzige Silberkugeln und verschneite Tannzapfen. Um das Minibäumchen ist bereits eine Minilichterkette gewunden.
Von der Zimmerdecke hängt ein Sternenstrang mit einem Glas für eine Kerze. Kleinesmädchen schleppt einen weiss gekleideten Nikolaus herbei. Er ist beinahe so gross wie das Kind und trägt eine Laterne. Ein paar Handgriffe von Papa Hausmeister und die Laterne samt Samichlausenkragen leuchtet.
Eigentlich hätte Frau Schwebel noch eine weitere Laterne zu vergeben, aber meine Tochter winkt entschieden ab, sieht mehr als genug Lampen in der Wohnung.

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Aaretal mit Gerzensee

Und er hatte sich auch noch nie vorgestellt, wie das wäre, wenn man hoch in der Ludft dahinflöge. Das war ja gerade, als flöge man weit weg von seinem Kummer und seinen Sorgen und von allen Widerwärtigkeiten, die man sich denken konnte. (Lagerlöf, Sema : Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen, Nymphenburger Verl. 1948)

Ist es das Alter, „die Situation“ oder beides, dass bei mir viele Erinnerungen aus meiner Kindheit auftauchen, die mich selbst erstaunen? Ab und zu – wenn’s passt – bekommen die Jungkrähen etwas davon ab, (u.a. die Bambusflöten-Ratten-Geschichte).
Mein erstes Flugzeug sah ich im Alter von neun Jahren. „Ein Heliokopter!“ rief Lehrer Aerni und zeigte aufgeregt auf ein brummendes Gerät, das seltsam schwankend über dem Wald hinter der Käserei verschwand. Wir Kinder waren auf dem Maibummel und neben meiner zerschlagenen Sirupflasche war dieser „Heliokopter“ das wichtigste Ereignis des Tages.

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Es ist spannend zu spüren, wie die neuen Übungen ganz andere Muskelpartien bewegen, die wir schon längere Zeit vergessen haben, schreibt mir meine Schwester Hanni über ihre Physio im Therapiebad. Mir scheint, dass ich seit dem 23. September (Saisonende im Schwimmbad) von den über 650 Muskeln nicht einmal die 50 in meinem Gesicht bewege.
Gestern, an diesem martinssömmerlichen Sonntag, widmete ich mich wieder einmal dem TMB-Kreuzworträtsel im „Magazin“. Obwohl es nicht zu den Schwierigsten gehört, war ich trotzdem froh, einigermassen hurtig das Lösungswort zu finden (HEIZPILZSAISON). Bei 23 waagrecht Randständiger a.D. und Namensvetter der Ikone aus Corgenay setzte ich die 5 richtigen Buchstaben subito ein (hatte ja schon das senkrechte S von den Humus aufbereitenden Bintjefressern).

Seitdem auch der Garten eingewintert ist, bleibe ich morgens gegen sechs Uhr noch eine Weile auf dem Bettrand sitzen, schaue, wie der Tag beginnt und was das Wetter so macht. Manchmal steigt der Nebel auf meine Fensterbank, auf welcher eingewanderte Käfer nach Wärme krabbeln oder es hängen Wolken tief über den Bergketten und der Stadt. Dann gibt es diese Sonnenaufgänge, wo sich die Alpen gestochen scharf von einem orangen Himmel abheben. Absolut dramatisch wird es ca. acht Tage nach einem Wirbelsturm in der Sahara. Durch den Saharastaub in der Luft bekommen sogar die Hauswände der Hochhäuser etwas ab von dem goldroten Licht.

Ein Umgewöhnen an „die Situation“ ist es schon, nachdem ich mein Leben lang dazu angehalten wurde, statt mit der Faust dreinzuhauen (habe mich gerade mit „Fust“ verschrieben, da ich auf eine neue Waschmaschine warte), das Gespräch zu suchen, auf den anderen zuzugehen, wenn nötig, ihm/ihr die Hand zu reichen oder in Trauer wie in Freunde zu umarmen, ein Krankenbsüechli zu machen, mir Zeit für einen Schwatz am Gemüseregal des Orangen Riesen zu nehmen. Damit ist jetzt Schluss. Trotz meiner Vermummung und der stets angelaufenen Brille werde ich erkannt und in nötigem Abstand begrüsst, was mich ein bisschen wundert. Das kann nur an meiner Postur und der Kleidung liegen, denn beide sind seit Jahrzehnten immer gleich.

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Blue Moon

Die Menschen verstecken sich, ein jeder verschliesst die Tür, meidet seine Nachbarn und betet zu Gott, er möge sein Haus verschonen. Man redet nicht mehr miteinander. Hastiges Flüstern hinter der vorgehaltenen Hand …

(Text aus: Auf der Gasse und hinter dem Ofen – Eine Stadt im Spätmittelalter, Verlag Sauerländer 1995)

Das Original des Grafikers Joerg Müller hängt seit Jahren etwas versteckt im „Bibliothekli“, wie die Jungkrähen das Zimmer mit meiner Bilderbuchsammlung nennen. Diese winterliche Prozession der Mönche durch eine von der Pest gebeutelten Stadt des Spätmittelalters schien mir passend für die heutige Zeit, in welcher einsam gestorben und in Lagerhallen aufgebahrt werden muss.

(Programmvorschau Nord Süd Verlag, Herbst 2020)

Weil dieses Jahr keine herkömmliche Frankfurter Buchmesse stattfinden kann, ein kurzer, dankbarer Blick zurück auf herrliche Oktobertage mit Büchernärrinnen, Tausenden von Neuerscheinungen, „Berühmtheiten“ ganz aus der Nähe, Gespräche und ein Glas Wein mit VerlegerInnen, müden Füssen, matschigen Sandwiches, Übernachten im Hotel Central in Wiesbaden im Mobiliar der 40er-Jahre, den feinen Schrippen neben Gummibäumen und Usambaraveilchen und – Zeiten vor dem Internet – den bleischweren Koffern voll mit Verlagsvorschauen für unsere Buchhandelskundinnen, die wir mit letzter Kraft in die Schweiz schleppten. Und nicht zu vergessen, die Deutsche Bundesbahn, die Garantie für die tollsten Abenteuer auf Schienen.

… sagt Baldula das Gespenst zu den Kindern:
„Dank euch habe ich grossen Spass gehabt bei König Babar. Aber ich muss schon sagen, dieses aufregende Leben ermüdet mich. Ich kehre nun auf mein Schloss zurück.“

Babar

Aus: De Brunhoff, Laurent: Babar und das Gespenst, Diogenes 1981

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Immer und immer wieder drücken die Baumwurzeln durch den asphaltierten Pausenplatz nach oben. Selbst zarteste Gräser jeglicher Art entwicklen Riesenkräfte und durchbrechen den Belag.
Bevor die Schule beginnt, rückt mann Wurzeln und Gräsern zu Leibe mit einer heissen, teerigen Masse …

Garaus

… und macht damit jeder Himmelsstürmerin und jedem Himmelsstürmer den Garaus.
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Sternennacht

Seit seiner Ankunft in Arles am 8. Februar 1888 kreisen Van Goghs Gedanken ständig um den „Nachteffekt“. Im April 1888 schreibt er seinem Bruder Theo: „Ich brauche eine Sternennacht mit Zypressen oder vielleicht über einem reifen Weizenfeld“. Im Juni äußert er dem Maler Emile Bernard gegenüber: „Wann werde ich endlich diesen Sternenhimmel machen, an den ich immer denken muss?“ und im September schreibt er seiner Schwester: „Es will mir oft scheinen, dass die Nacht noch farbiger ist, als der „Tag“. Im gleichen Monat verwirklicht er dann endlich das Projekt, das ihn schon so lange verfolgt.

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Zu klein

Wir wechseln für drei Wochen das Bad von hier …

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… und fröhlich sein, denn im nächsten Herbst sind wir vielleicht alle ruiniert.“

Das sagte sich Vita Sackville-West, kaufte in den 1930er Jahren das halbverfallene Sissinghurst Castel und verwandelte den Schlosspark in die schönste Gartenanlage Englands. Daneben schrieb sie Romane und Gedichte. 1962 starb sie auf Sissinghurst Castel. Jährlich zieht es über eine halbe Million BesucherInnen in dieses irdische Paradies.
(Quelle: Sackville-West, Vita : Mein Sommergarten, Piper 2012,
ISBN 978-3-492-24726-9)

Heute verbrachte ich fünf Stunden im Garten – nie ist man fertig. Die Sonne schien durch die Blätter. Bienen, Hummeln und Schmetterlinge turnten im Lavendel. Die Schnecken hatten ein kühles Plätzchen aufgesucht und die Vögel vertilgten die restlichen Kirschen am Baum.
Ich hackte und jätete und tat, was Lady Nicolson-Sackville-West den GärtnerInnen dieser Welt ans Herz legte:
Mit voller Phantasie an die Zukunft denken.
Hier ein paar Bilder aus meinem Sommergarten:
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rusalka

Silberner Mond du am Himmelszelt,
strahlst auf uns nieder voll Liebe.
Still schwebst du über Wald und Feld,
blickst auf der Menschheit Getriebe.

Aus: Rusalka – Lyrisches Märchen von Antonin Dvořák.
Aufgeführt 2017/2018 in der Oper Leipzig
Rusalka: Olena Tokar
Foto: Kirsten Nijhof 2017

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