Alles oder nichts


Forsythie III

(Draussen ein paar “kahle” Zweige schneiden und zu Hause erblühen lassen)

Vor einigen Tagen fiel mir die Brille von der Nase. Dann klemmte auch noch der Verschluss meiner teuren Uhr (Geschenk von den Kindern).
Also setzte ich die alte Reservebrille auf, zog mich warm an und fuhr in die Stadt. Das Optikergeschäft hatte sich in meiner kurzen Abwesenheit von einem lichten, modernen Laden in eine Art polierte Sennhütte verwandelt. Es roch nach Sägemehl und Harz. “Wir haben ein neues Gesicht” war gross und fett an der Glasscheibe zu lesen. Auf massive Holzplöcke waren erdfarbene, afrikanische Männermasken arrangiert. Vor jedem Pfahl lag eine Brille. Ich trat an die hölzerne Bar und wurde gleich bedient. Nein, die Brille könne man nicht flicken, man müsse einen neuen vorderen Teill bestellen. Mein erster Gedanke: Ups, das wird nicht billig. Zum Glück hatte ich noch eine gültige Versicherung.
So schnell wie möglich verliess ich die künstliche Gemütlichkeit und trippelte vorsichtig durch die verschwommene Welt mit gefährlichen Strassen Richtung Spitalgasse. Das Uhrengeschäft war zum Glück auch sehr gross angeschrieben. Die Uhr könne nicht an Ort und Stelle repariert werden, da man diese Spezialstiftchen nicht am Lager habe.
Im Orangen Riesen, wo ich nach einer Osterhenne suchte, war auch alles umgestellt worden. Rechts beim Eingang wartete eine Reihe Chromstahlschalen mit warmen Speisen samt to-go-Dosen auf Hungrige aus Schulen und Büros. Ich wunderte mich kurz darüber, dass im meist frequentiertesten Geschäftsbereich in Magenhöhe offenes Essen angeboten werden darf. Osterhuhn fand ich keins, nur Türme von Hasen. Die Hennen sind verschwunden, zusammen mit anderen Vögeln.

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Nein, die rote, langstielige Rose neben meiner Wohnungstür hat nichts mit dem heutigen Internationalen Frauentag zu tun!

Anfangs März nahm ich mir vor, am 8. hier wenigstens einen kleinen Eintrag zu machen. So stand ich heute dann auch beizeiten auf, schaute in einen wolkenlosen Himmel und auf schneebedeckte Bergketten, hörte die Amseln eifrig “lieden” und wartete auf eine originelle Idee.
Aber da kam rein gar nichts.

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Ein Nischenprodukt zu er-finden und damit bis übers Lebensende hinaus (für die geliebten Nachkommen) ausgesorgt zu haben, war schon immer mein Wunsch.
In allen möglichen Situationen des täglichen Lebens hielt ich Ausschau nach einer leeren Nische, die erfolgreich ausgefüllt werden könnte. Mein Wunder-Fränsler, den ich bereits auf den Rand einer Zeitung gezeichnet hatte, wurde leider von Finanzkräftigeren auf den Markt gebracht.
Auch die Entwicklung chicer Klammern, mit welchen Krücken und sonstige Stöcke senkrecht parkiert werden könnten, blieb nur als Gekritzel auf einer Busfahrkarte.
Das “Auskunftsbüro von A-Z und für jede Lebenslage”, betrieben zusammen mit meinen schlauen Familienmitgliedern, wurde bereits in der Planung vom Internet abgewürgt.

Vor gut fünfzig Jahren besuchte ich eine Freundin in Berlin. Das Spital, in welchem sie arbeitete, ein roter Backsteinbau im Stil der deutschen Renaissance, war von wildem Wein überwachsen. Abgesehen davon, dass ihr Gezwitscher die Patienten aufheitere, würden auch die Mücken von den Vögeln gefressen und im Winter schütze das kahle Gerippe der Äste die Mauern vor dem starken Wind, sagte man mir.
So etwas wollte ich in meinem Quartier auch machen. Nachdem ich mich durch einige Bücher gelesen hatte, versuchte ich die Hausverwaltung, den Gärtner, die Bewohner und Bewohnerinnen von Fassadenbegrünung zu überzeugen – leider nur mit äusserst mässigem Erfolg. Die grösste Angst: Die Betonmauern könnten zerstört werden. Der vermehrte “Vogellärm” in nächster Nähe würde den Leuten den Schlaf rauben, allerlei Spinnen und anderes Krabbelgetier würden sich in Vorhängen und Betten einnisten und im Herbst müssten mehr Blätter zusammengekehrt werden.
Irgendwie kam mein Geschäft nicht in Schwung.
Einmal fand ich dann einen abtrünnigen Gärtner, der stillschweigend einen wilden Wein und ein Geissblatt an den Fuss des 45 Meter hohen Kamins pflanzte.
Die Stauden wachsen (an einer intakten Mauer) jedes Jahr ein paar Meter.

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(Gsür, Südostflanke, 30-01-2018, 10:30)

Nachdem die Wichtigen der Welt in der vergangenen Woche Sonne, Schnee, feinstes Essen samt ausgeklügeltestem Flattieren “auf Augenhöhe” in den Schweizer Bergen genossen hatten, komme ich heute zu dem Schluss: so etwas oder wenigstens etwas Ähnliches will ich auch!
Heute schaue ich mal, was ich für eine Gemeinsame Zukunft in einer zerbrochenen Welt tun kann.

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Es “strubusset” – eben ein richtiges Strubussi-Wätter” heute früh, wie in den vergangenen Tagen. Jetzt ist es Friederike, die, wie ihre Vorgängerinnen Evi, Christine und Burglind wild um die Häuser braust und durch die Ritzen der neuen Fenster pfeift.
Am liebsten möchte man unter der warmen Bettdecke bleiben, aber irgendwie steht man dann doch in Mantel und wetterfesten Stiefeln bereit zum Einkaufen. Heute ist Familienznacht und Raclette garniert ist angesagt, mit Fruchtsalat zum Dessert.
In meiner Orangen-Riesen-Filiale ist es um diese Zeit noch ruhig. Schon bald stehe ich an der Kasse. Vorbei ist’s mit den Weihnachtswichteln , die aus der Leiserbox “beep” machen.
Aber die Orangen-Riesen-Kundinnen und Kunden dürfen übergangslos weiter sammelnspielengewinnen. Da steht auch schon das Glücksrad, unter welchem man die Kassenbons scannen und angeblich tolle Preise gewinnen kann. Das Rad dreht sich und bleibt – beinahe immer – auf einem leeren Feld stehen.
Nur gestern nicht, erzählt mir meine Lieblingsmitarbeiterin Serpil: “Ein Älplerbrot für 2.60 hat er gekauft, der Glückspilz, und dann 1’000 Franken gewonnen. Bin ich neidisch.”

Nun regnet es in Strömen und ich bin froh, dass mich mein Schwiegersohn im Auto heim fährt.

Im Infokasten vor den Liften hängt eine Anweisung, wie die BewohnerInnen ihre Rollläden und Storen bei stürmischem Wetter zu Hause behalten können. Friederike würde sie nur zu gerne gen Osten tragen.

Letzthin habe ich die Schachtel mit den Bürsten, Lappen und Cremen hervorgeholt, um den Kleinkrähen die Schuhe zu putzen. Gespannt sahen sie zu, wie ich den Schmutz weg bürstete, dann Wichse auftrug und die Stiefel anschliessend mit einer weichen Bürste und einem Lappen polierte. “So macht man das!”
“Ja”, meinen die Kinder, “so machen sie’s auch im Comic.”

Nach einer fast schlaflosen Nacht bin ich am nächsten Morgen allein in der Bäckerei. Ich schiebe eben ein Blech Riesen-Zuckerplätzchen in den Ofen, als laut klirrend an die Glasscheibe der Landentür geklopft wird. Ich werfe die Ofenhandschuhe auf die Arbeitsplatte, stelle die Zeitschaltuhr am Herd, wische mir die Hände an der Schürze ab und sehe auf meine Armbanduhr: 5.35 Uhr …

Das bin natürlich nicht ich, sondern Hope, welche die Familienbäckerei nach dem Tod ihrer Mutter in Gang zu halten versucht.

Hier handelt es sich wieder einmal um einen hängen gebliebenen WMDEDGT?-Beitrag.
(Weitere pünktlich erschienene WMDEDGT-Beiträge auf der Website der In­i­ti­an­tin dieser Rubrik!)

So viel Kleinkram will nach den Festtagen erledigt werden!
Kleinstmädchen stülpt sich eine Plüschratte über das Fäustchen. Das Tier hat vier Nagezähne aus Filz, aber trotzdem sehen sie wie “der Zahn der Zeit” aus, der unermüdlich am neuen Jahr nagt.

Baum Pinie II
Kaum hat sich der Sturm etwas beruhigt, fahren Männer mit Fräsen, Sägen und Laubbläsern auf. An Ausschlafen ist nicht zu denken. Ich besprühe die jungen Piniensprösslinge mit lauwarmem Wasser. Vor drei Wochen steckte ich die steinharten Samen in die Erde. So winzig sie noch sind, duften sie doch schon nach Sommer und Süden.

Abbrotzen Abfall
Um den Stamm des Christbaums werden sich im Sommer Bohnen ranken. Der Schmuck kommt zurück ins Seidenpapier. Abfall wird getrennt entsorgt, schöne Geschenkpapiere und -bändchen aufbewahrt.

Hartbrot Ochs
Brotreste schneide ich in Würfel und trockne sie im Backofen zu weiterer Verwertung. OchsEselundSchaf mit Heiliger Familie kommen in Grossvaters Trögli.

Waschen With joy
Servietten, Tisch- und Handtücher ab in die Trommel. Niemand aus der Blogk-Familie mochte mir einen neuen Putzeimer zu Weihnachten schenken. Als Präsent zum Fest sei das wirklich nichts. So etwas könne man gleich besorgen: Roundflat, Clever Spin, Leifheit??
Der sogenannte Einfacheimer tut’s auch, besonders, wenn noch “Clean with Joy” draufsteht.

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Als in der zweiten Dezemberwoche der Stern auf dem Block-Dach erlosch, bekam der Hausmeister gleich einen Anruf von einem aufmerksamen Mieter. Tatsächlich, am 15 Meter langen Schlauch blinzelten nur noch drei Lichter. Dezember ohne Bethlehem-Stern, das geht gar nicht!
Der Hausmeister unterbrach eiligst seine vorweihnächtlichen Putzarbeiten – Reinigen und Glänzen der Liftvorplätze – grummelte noch etwas über “Von-wegen-fünf-Jahre-Garantie” und behob den Schaden.
Wir in Bethlehem fühlen uns einfach zuständig fürs Licht in der “Helige Zyt”.

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Mit Bleistift

Heute habe ich Bleistifte im Überfluss.
Das war nicht immer so. Bevor ich in die Schule kam, durfte ich ab und zu mit dem Zimmermannsbleistift meines Vaters etwas auf ein Stück Holz oder Packpapier zeichnen. Bunt- und Bleistifte sah ich am ersten Schultag, als uns Fräulein Schneider eine rote Caran d’Ache-Schachtel mit dem kostbaren Inhalt verteilte. (Ich erinnere mich nicht, dass eines der zahlreichen Nachbarskinder schon im Vorschulalter eine Farbschachtel besessen hätte.)
Die Freude daran währte allerdings nicht lange. Mein kleiner Bruder kaute die bunten Stifte von oben her alle ab. Mutter versuchte – wie immer – die Katastrophe in den Griff zu bekommen, schnitt mit einem scharfen Messer das zerbissene Stück weg. Zurück blieben mickrige Stumpen, die ich in ein Blechröhrchen als Verlängerung stecken musste, damit ich noch zeichnen konnte.

Täglich gibt es etwas zu notieren. Es ist einfach ein Vergnügen, mit einem sauber gespitzten Stift auf ein weisses Blatt zu schreiben – kreuz und quer, wenn’s sein muss. Was ich aufschreibe?

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Hausberg mit Wolken

(Samstagmorgen aus meinem Fenster: Gurten und Ulmizberg unter Wolken, 09:26)

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Hüt am Morge früeh het’s bi mir i dr Chuchi nach Louch, Chnoblech u Tomate gschmöckt, wil i e Sosse ha über gha. Wahrschiinlech het mi dä Gruch vo Chrütter u das süüferlige Chöcherle nach so langer Zyt a d’Dworah erinneret. Nid d’Dworah mit de rote Haar, nei, die angeri us Russland, wo eigentlech gäng am Choche isch gsi. Tagsüber isch si i dr Schuelchuchi am Herd gstange u ab de Viere am Namittag het si deheime öppis bröselet: Toscht, herti Eier, es Schnitzeli vom Truthahn, u o dr Chueche (Ugah) u d Chrömi (Ugioth) hei nie dörfe fähle. Am beschte isch ihri Suppe gsi, heiss, würzig, mit hällgälbe Hüehnerfettouge. Uf em grosse Herd i dr Schuelchuchi het’s gäng e Suppe imene Pfänni gha, wo vor sech häre bblöderlet het. Dr Aasturm uf die “hindl zup” het sech i Gränze ghalte u o ig ha mi zersch müesse a die Hüehnerfüess, wo so suber mit gälblech glänzige Chlaue drinn si gschwumme, müesse gwane.
D’Quarkchüeche vo dr Dworah si eifach e Troum gsy, mit Vanille u Wiibeeri. D’Schüelrinne u d’Schüeler hei chum möge warte, bis die riisige Bläch us em Ofe si cho u hei sech de üf das Dessär gstürzt.
D’Dworah isch bi de Lüt nid unbedingt beliebt gsy. Si isch ungloublech gwungerig gsy u het sech i alles igmischt. Das wär ja no gange. Das hei angeri o gmacht. Ufgregt hei sech vil Lüt, dass si jede Tag Anke, Frücht, Eier, Fleisch u Rollmöps us dr Gmeinschaftschuchi * hei treit het, o we d’Schäft scho voll si gsy vo Ässware. Mängisch het si ihrer Nachbare gfragt, göb si öppis i ihre Chüehlschrank dörf stelle, will si bi sich ke Platz me het gha.
“Dr Chrieg u z’Lager si verby! We das die Frou doch ändlech würd begriiffe. Si cha doch drü Mal im Tag mit ihrem Ma im Spyssaal ässe,” hei sech d’Dorfbewohner gnärvet.
I gseh die Frou vor mir, e Babuschka mit Schöibe u Chopftuech. Hie zupft oder schnit si öppis ab, packt e Bitz vo öppisem i ne Serviette, leit öppis i nes Tällerli, stosst es paar Orangsche i d’Jaggetäsche. Ihrer Backe si rund, will si grad öppis us Platzmangu dert het müesse deponiere.

( * Gemeinschaftsküche im Kibbuz)

Wolkengesicht

(Bild 2: Wolkengesicht, 15:02)

Wenn Ende November die Blumenzwiebeln zum halben Preis verkauft werden, werde ich schwach. Mag es draussen frieren, regnen, stürmen, hageln, sicher verlasse ich den Laden nicht ohne ein paar dieser porösen Täschchen mit dem meist unansehnlichen, knolligen Inhalt.
Gestern, es war kalt und sehr nass, kaufte ich beim Orangen Riesen zwei Packungen Zwiebeln von schneeweissen Aprilglocken (20 Stück für Fr. 4.90). Nachdem ich an der Kasse meinen Wochenendeinkauf bezahlt hatte, kam die Verkäuferin vom Blumenstand zu mir und schenkte mir noch eine Packung. Es sei die letzte und sie wolle diese heute nicht mehr hämpfele (in die Hand nehmen).

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Gratis

(Blick von meinem Balkon nach Westen, 21.11.2017, 17:24)

Noch hätte ich mein “cadeau d’une valeur de Fr. 49.-, Père Noël musical et animè, pas encore réclamé, teilt mir M. Chaumont, Directeur de la Clientèle eines Versandhauses für Textiles mit. Auch weitere Gratisgeschenke, wie die weiche Kuscheldecke mit Ärmeln, die edel bedruckte Haube für warme Pellkartoffeln, den singenden Nussknacker, die LED-Echtwachskerzen und die hitzeunempfinlichen Silikonhandschuhe, nicht zu vergessen der versilberte Henkel, mit welchem im Restaurant die Handtasche am Tisch befestigt wird, habe ich noch nicht reclamé. (Dabei wurde mir doch mitgeteilt, dass es die Gratisgeschenke nur gibt, solange der Vorrat reicht).

Mein Telefon klingelt – eine vielstellige Nummer. Ich mache mich bereit für einen gemütlichen Schwatz mit meiner Freundin, welche die Wintermonate in eiem 3000 km entfernten Dorf in Nordafrika verbringt.
Eigentlich wäre es an der Zeit, dass die Königin von Arokko ihre langen, roten Haare altershalber endlich hochstecken würde, ömel bei so etwas, wie der Übergabe einer Medaille an einen Krebsforscher, meint meine Nachbarin. Der junge Kronprinz sei zu bedauern. Stundenlang müsse er bei den unterschiedlichsten Zeremonien bewegungslos neben seinem Vater ausharren. Das sei doch kein Leben für ein Kind.
Nicht, dass mich diese Royals besonders interessierten, aber Frau Nachbarin erzählt so mitfühlend und interessant. Da können Gala und Glückspost und die ganze Regenbogenpresse einpacken.
Es knackt seltsam in der Leitung. (Sagt man noch “Leitung” bei dieser Whatsapp-Telefonie, die mir vorkommt wie ein Schlund, der unser Gespräch einsaugt, um es blubbernd und zischend zu verdauen und irgendwo wieder raus zu würgen?)
Meine Freundin macht sich abhörtechnisch keine Sorgen. Sie ist froh, dass auch die arokkanischen Telefonkabinen abgeschafft werden und sie nun viel bequemer und, wenigstens auf den ersten Blick, gratis in die Schweiz telefonieren kann.
Also sprechen wir noch ein bisschen weiter über Königs. Gestern habe der Monarch die Gläubigen dazu aufgerufen, beim Freitagsgebet um den langersehnten, bitternötigen Regen zu bitten. “Warum gerade jetzt den Allmächtigen damit behelligen?” fragt sich meine ferne Gesprächspartnerin, “an Wasser mangelt es dem Land doch seit Jahren.” Der Himmel sei grau bewölkt und bei solchem Wetter erhöre Allah logischerweise solche Gebete äbe viel schneller, spöttelt sie.
(Knackediknack an meinem Ohr).

Ärgerlich sei, dass es mit dem Wasser in ihrem Haus im Dorf immer noch nicht klappe. Wohl tröpfle es morgens ein bisschen aus dem Hahn, aber das sei dann schon alles. Man könne froh sein, keinen Durchfall zu haben. Man müsse sich damit abfinden, dass hier im Land nichts auf Anhieb und meist überhaupt nicht klappe. Das Einzige, welches zuverlässig in Stand gehalten werde, seien die Moscheen. Scharen von Freiwilligen, spenden, schrubben, wischen, bewachen, flicken unermüdlich.

(Knack-knack, knaack).

Am anderen Ende der Leitung ruft der Mann meiner Freundin zum Essen. Er hat ein Tajine parat – Adieu. (Knack)

Draussen beginnt es zu nieseln.
Hat irgendein Beauftragter des Allmächtigen die falsche Regentaste gedrückt?

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Schnee ist angesagt

Jedes zweite Jahr im Oktober werden in der Stadt Bern die schönsten Grabmäler prämiert.
Die Gräber meiner Eltern im Dorf würden nie einen Preis bekommen. Dafür sind sie zu un-ordentlich. Auf ihnen wuchern Minze, Thymian, Bohnenkraut, Rosmarin und Lavendel. Kaum hat man die Büschel etwas in Form gebracht, schiessen sie wieder respektlos ins Kraut. Ein Gutes hat dieser Wildwuchs auf kleinstem Raum: Er wird von unzähligen Bienen besucht.
Nun ist es wieder höchste Zeit für die Winterabdeckung, denn zu den Allerletzten, die abräumen, sollte man nicht gehören. In der nahen Baumschule kaufe ich frische Weisstannäste – Chrisescht.

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für einen nasskalten Regentag:

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Herstnachmittag

Rosalia toupiert ein wenig an Frau Binz’ Hinterkopf, kämmt die Deckhaare luftig darüber – fertig. Frau Binz ist 91, wohnt noch “selbständig”. Um acht Uhr früh kommt sie im Coiffeursalon vorbei, setzt sich ein “Momäntli” hin zum Plaudern und trippelt dann mit frischer Frisur zufrieden zum Lebensmittelladen. Ich glaube, sie muss für diese tägliche Verschönerung nichts bezahlen.
Rosalia hängt eine leuchtend rote Sternlampe ins Schaufenster, stellt ein verschnörkeltes Tischchen mit Pflegeprodukten darunter. Für Geschäfte höchste Zeit, weihnächtlich zu dekorieren. Lebkuchen gäbe es ja schon seit August.
Heute wäscht mir Nina die Haare – zum letzten Mal, denn Ende Jahr geht sie in Pension. (Das Geschäft weiss sie bei ihrer Cousine Rosalia in guten Händen.)
Nina schneidet mir seit vielen Jahren die Haare. Nach kurzer Versuchsphase fand ich zusammen mit ihr meine Frisur: asymmetrisch, Scheitel rechts und Haare kurz über dem Ohr, links von hinten Mitte schräg nach vorne länger, hinten in die Spitze – Hauptsache: immer gleich. Etwas Schaum, dann trocknen mit Fön und Bürste – fertig.
Für die Regenbogenpresse hat es auch heute nicht gereicht, so bleibt das Familiengeheimnis der von und zu Guttenbergs für mich Geheimnis.
Es gibt einfach Sachen, die müssten sich für mich nie ändern, wie u.a. die Frisur, meine schwarzen T-Shirts oder meine Coiffeuse.
Ich werde Nina und die Erzählungen aus ihrem Dorf in der Nähe von Neapel vermissen. Dort ist es heute sonnig und 20° warm …

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