Alles oder nichts


Nach Westen

Frühlings-Vollmond im Westen, heute um 06:41 Uhr – aber Ostern muss noch warten.

Bischofskraut

Diese aparten Zahnstocher – wohlriechend und mit allerlei Heilkräften – hat mir mein grosser Enkel aus Marrakesh mitgebracht. Bis jetzt habe ich dem Bischofskraut (Ammi visnaga) kaum Beachtung geschenkt, vielleicht unterwegs einmal einen Stängel in einen Feldblumenstrauss eingefügt. Ursprünglich stammt die Pflanze aus dem alten Ägypten und aus Marokko, wo sie Khella genannt wird. Auf welchem Weg sie wohl hieher gekommen ist?
In der Fremde erhielt sie die Namen Bischofskraut, Echter Ammel, Zahnstocherammel oder Zahnstocherknörpelmöhre.
Bis einmal eine Frau die filigrane Doldenblüte mit den dynamisch angeordneten Döldchen genau anschaute und sagte: “Ich nenne dich St. Galler Spitze!”

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Restfamilienfoto

Mit meinen Töchtern, 1983 (Foto: R. Fuhrer)

Nein, ich bin nicht am Traumfängerbasteln, ziehe mir keine Schminktipps rein oder lasse mich mit süssen Leckereien und Cüpli verwöhnen.
Sitze ich auf einer Riesenente oder gibt es diese “Nacht der Frauen” in der Grossbuchhandlung tatsächlich?
Ich will es nicht glauben und werde gleich morgen in die Stadt fahren zum Nachfragen.

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Bis vor kurzem dachte ich, Cholera sei ausschliesslich eine schwere Infektionskrankheit.
Aber nein, es kann sich dabei auch um eine feine Spezialiatät aus dem Oberwallis handeln.
Weil Grosser Bub einen Vortrag über den Kanton Wallis vorbereitet und auch gerne kocht, backen wir beide für den Familientisch am Donnerstag eine Cholera – nicht schwierig, sieht aber prächtig aus und schmeckt an einem kühlen Febraurabend besonders lecker.

Lauch

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Das Samstagmorgenprogramm beginnt bei mir meist mit Abfall: Glas, Plastik, Alu, Papier, Kompost stehen zum Entsorgen bereit. Bei den Zeitungen dauert’s, denn dieses oder jenes muss noch schnell überflogen werden.
Hier:
In einem Berner Kirchgemeindehaus werden bei Umbauarbeiten drei Wandbilder entdeckt. Es sind frühe Werke von Franz Gertsch. Nicht alle freuen sich über diesen Fund. Einige möchten eine weisse Wand, um darauf Filme zu zeigen oder eigene Kunstwerke auszustellen. Also am besten wieder Gipsplatte drauf? Der Künstler selber will scheint’s mit allem, was er vor 1969 gemalt hat, nichts mehr zu tun haben.
Heute ist er eine international anerkannte Grösse und seine fotorealistischen Malereien hätten in keinem Berner Kirchgemeindehaus mehr Platz.

Nach dem Bündeln der Zeitungen nehme ich das Singbuch für die Oberstufe der Volksschule (Staatlicher Lehrmittelverlag Bern, 1964) zur Hand. Illustriert wurde es vom jungen Franz Gertsch. Darin sind auch die drei freigelegten Bilder zu finden.
Seit fünfzig Jahren begleitet mich das Buch, es wurde oft gezügelt und wird immer wieder durchgeblättert, besonders um die Weihnachtszeit. Meine Samstagsarbeit kommt ins Stocken, denn ich zähle die Lieder, die ich dem Inhaltsverzeichnis nach kenne. Es sind immerhin 104.

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Sauber

Erinnerungsbild eines Wintermorgens im Bethlehemacker, falls der Schnee in Zukunft ausbleiben sollte. (Foto: der Hausmeister, 09.01.2019)

Endlich habe ich etwas Positives aus dem Pensioniertendasein zu melden: bei Schnee bis in die Niederungen, Miusgraden im Flachland und Glatteisgefahr darf ich zu Hause bleiben, darf mir, wenn ich möchte, bei Kaffee und Ankenbock, Bilder von Lawinen durch Häuser und über unbeschwerte Nebenpistenfahrer anschauen, dazu Carambolagen im Schneegestöber auf Autobahnen, lahmgelegte Bahn- und Fluglinien, Stromausfälle, eingeschneite Pressierte, die auf den Heli warten …

(Danke für alle zaubermärchenhaften Fotos von sonnigen Pisten, gemütlichen Chalets, stillen Wanderwegen, fröhlichen Menschen in schönen, warmen Kleidern.)

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Ein kurzes Leben

“Doch – wie die Natur vergehend bleibt bestehen – so wird auch ihre Asche nicht vergehen.”

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Nein, diese Jahresenden mit ersten Wochen im Neuen sind wahrlich nicht meine! Aufheiterung in festliche Hochnebeltage brachten viele liebe Gäste, die mich in meinem “Turm” besuchten.
Danke für die originellen und super für mich passende Geschenke. Sie erhellen und verbessern mir den Alltag!
Die Weihnachtsguezli waren wieder wunderbar, samt special Edition “Winnie” aus Kokos.

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In der Schweiz hätten wir auch wichtge Sorgen zu wälzen, aber zum Glück gibt es immer wieder zahlreiche Kleinigkeiten, die uns von dieser anstrengenden und unangenehmen Tatsache ablenken.

Letzthin lag mir der BALDI just am Weg und ich beschloss, den Testsieger “Frühstücksflocken” zu besorgen. Gerade hatte der Laden aufgemacht und ich traf noch auf gefüllte Regale. Kaum hatte ich aber eine Schachtel Kaffeekapseln und zwei Packungen Tassensuppe geschnappt, wurde ich schon zügig von Ortskundigen überholt. Ruth, Leni und Erika kamen für ihre Mohnbrötchen – gestern doch um diese Zeit noch vorhanden – heute zu spät. Die Fleischkühltruhe wies bald schon grössere Lücken auf und so wühlten sie in den benachbarten Damenpyjamas und Nachthemden. Während die Freundinnen die schwarzen Wollhandschuhe in Einheitsgrösse anprobierten, grüssten sie über die Tische und Regale hinweg Bekannte.
Ich fühlte mich sehr fremd, obwohl ich nicht einmal die Postleitzahlsgrenze überschritten hatte. Ich kaufte noch Butter, 2 Kilo Kastanien, ein Sparpaket zuckerfreie Minzbonbons und 1 Paket chinesische Nudeln. Beim Sonderangebot Silikonbackformen blieb ich stehen und wählte eine hellgrüne, rechteckige Form, um darin Brot zu backen. Das sei ein sehr praktisches Geschirr, meinte ein Rentner mit viel Zeit. Er würde das auch kaufen, hätte er nicht noch von seiner Mutter diese zweiteilige Cakeform, die man ineinanderstecken und je nach Bedarf zusammen- oder auseinanderschieben könne. Ich sah, dass man sich in diesem Laden ohne Erwartungen treiben lassen muss, dafür aber immer preisgünstig zu einem Schwätzchen kommt, falls man einsam sein sollte.
In der Einstellhalle grüsste mich eine Bekannte, und wir beide versicherten uns gegenseitig wortreich, dass wir sonst nie hier einkauften, nur gerade heute, sie eine Gummimatte für die Terrasse und ich eben die Müesliflocken.

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Mascha Kaléko: Emigranten-Monolog
(1945)

MK 1

Ich hatte einst ein schönes Vaterland –
so sang schon der Flüchtling Heine.
Das seine stand am Rheine,
das meine auf märkischem Sand.

MK 2

Wir alle hatten einst ein (siehe oben!).
Das fraß die Pest, das ist im Sturz zerstoben.
O Röslein auf der Heide,
dich brach die Kraftdurchfreude.

MK 3

Die Nachtigallen wurden stumm,
sahn sich nach sicherm Wohnsitz um,
und nur die Geier schreien
hoch über Gräberreihen.

MK 4

Das wird nie wieder, wie es war,
wenn es auch anders wird.
Auch wenn das liebe Glöcklein tönt,
auch wenn kein Schwert mehr klirrt.

MK 5

Mir ist zuweilen so, als ob
das Herz in mir zerbrach.
Ich habe manchmal Heimweh.
Ich weiß nur nicht, wonach.

Aus: Kaléko, Mascha: Werke, München : dtv, 2012, S. 186
Bilder: Sämtliche Werke, dtv 2012

Grauer Morgen

(07:51)

Heute Nacht habe ich von einem grossen Bus voller Schriftsteller geträumt. Er hielt an einer Strasse, vor dem Laden meiner Eltern. Ich stieg aus, weil ich hier “zu Hause” war. Ich hatte einen Schlüssel. Kurz hatte ich Angst, er könnte nicht passen. Ich wusste, dass niemand mehr da war …

Das bin natürlich nicht ich, sondern Annie Ernaux in Erinnerungen eines Mädchens, Suhrkamp 2018, ISBN: 978-3-518-42792-7

Nachdem ich gegen 06:00 Uhr die Küchenwäsche vom Ständer genommen, sie zusammengelegt und versorgt habe, schlüpfe ich noch mal unter die Decke, um noch ein paar Seiten zu lesen. Mein Buch harmoniert bestens mit der Tristesse draussen: Nebel, der in die Häuserzeilen fällt und ein grosser, grauer Himmel. Die Geschichte ist ausgezeichnet geschrieben, aber die Erinnerungen der Autorin an ihr Leben als junge Frau sind zeitweise ziemlich verstörend und müssen von mir in Kleinstleseportionen eingeteilt werden. So mache ich mich schon bald bereit für den Tag, der ein Kleinkrähentag werden wird. Zuerst erledige ich die Post. Dann packe ich ein paar Geschenke ein für die Novembergeburtstage in der Familie. Die sehen dann schon wie Weihnachtspäckli aus.
Auf dem Balkon wird es nun auch Winter. Tomaten und Kletterpflanzen (ausser dem Efeu) sind abgeräumt. Ich reinige noch diverse Töpfe und mache einen grossen bereit für die Christrosen. Trotz allernettester Pflege und grosser Zuwendung blühte die Geranie – ihres besonderen Rots wegen gekauft – den ganzen Sommer über nicht. Erst jetzt, wo’s in den Keller gehen soll, fängt sie damit an. Ich sehe schon, wie ich als Zimmerpflanzenhasserin sie durch den Winter päpple. Immerhin hat die Fliegen-, Käferplage etwas nachgelassen und ich muss heute keine Insektenleichen entsorgen.
Gegen 10 Uhr kommt Grosses Mädchen aus dem 12. Stock. Es ist die dritte Woche krank, hat sowohl Scharlach als auch das Pfeiffersche Drüsenfieber. Immerhin verspürt das Kind heute ein bisschen Hunger und isst ein dünnes Butterbrot mit Quittenkonfi.
Zwischen Ausruhen, Trinken und Vorlesen machen wir heute etwas Mathematik, berechnen Schiffsladungen, Geschwindigkeiten, Tourenzahlen, Reichweiten von Schiffshörnern und Durchnittsgewicht von Passagieren. Die Namen der Schiffe (Gallia, Unterwalden, Schiller, Stadt Luzern, Uri) bringen uns vom Hundertsten ins Tausendste, d.h., bis mindestens zum Apfelschuss.

Nun läuten die Kirchenglocken schon das Zmittag ein. Der Hausmeister bringt Kebab mit knackigem Salat, Zwiebeln und Tomaten.

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Während meiner UHU-Ferien verbrachte ich viele Stunden im stillen Garten, über welchen aufgeregte Krähen flogen. Ich steckte die ersten 40 Tulpenzwiebeln ohne kalte Hände zu bekommen. Ab und zu setzte ich mich mit einem Buch unter den Apfelbaum. (Nein, jetzt gibt es kein Bärner Münschi mehr im Unkrautkübel;-()

Wenn das Licht besonders stimmungsvoll durch die Halme, Zweige und Blätter fiel – am frühen Morgen oder am späten Nachmittag – versuchte ich ein paar Erinnerungsfotos an diesen Herbst zu machen.
Eine Auswahl:

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Bye, bye, bad luck stand den ganzen Sommer über in meinen Sandalen ob braun, rot, schwarz oder rosa gepunktet.

Sandalen

Nur ungern werde ich dieses Schuhwerk gegen wintertaugliches tauschen – aber noch nicht heute oder morgen.
Gesundheitsmässig bin ich aber bereits auf den Winter vorbereitet, was bei meinem fortgeschrittenen Alter vernünftig sei: Grippenimpfung, Vitamin D …

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Hier handelt es sich wieder einmal um einen hängen gebliebenen WMDEDGT?-Beitrag.
Weitere pünktlich am 5. des Monats erschienene WasMachstDuEigentlichDenGanzenTag-Beiträge auf der Website der In­i­ti­an­tin dieser Rubrik!

“Hörst du die Stille?” Er stellte die Frage wie auf Zehenspitzen.
“So hört sich ein Hafen während einer Wirtschaftskrise an.”
“Keine Schiffe”, sagte sie
“Keine Schiffe.”
“Ich höre einen Vogel.”
“Bitte keine Vögel. Noch nicht.”
Doch ein einsamer Vogel hatte sein Zwitschern angestimmt, ein letztes Aufbäumen gegen den Winter. Und wie auf ein Zeichen hin erschien ein heller Streifen.

Das bin natürlich nicht ich, sondern Anna mit ihrem Vater in “Manhattan Beach” (ISBN 978-10-490661-4)

Irgendwie fühlte ich mich heute früh eingeengt. Es war etwas nach fünf. Grossesmädchen schlief friedlich auf einer Matratze neben und Grosserbub zusammengerollt in meinem Bett. Scheint’s geistere ein schwarzer Film-Bösewicht durch ihre Träume und der traue sich nicht in Grossmutters Schlafzimmer.
Leise stieg ich über die Kinder, ging in die Küche, räumte möglichst lautlos die Abwaschmaschine aus und eine weitere ein. (Beim Familienabendessen gestern waren wir mit 9 Personen beinahe vollzählig.)
Nachdem ich mich gewaschen und angezogen hatte, füllte ich die weisse Wäsche in die andere Maschine und setzte mich dann mit einer grossen Tasse Kaffee an den Küchentisch zu den Zeitungen. Ältere waren auch einige dabei, was immer ein bisschen deprimiert. Denn was, hätte man sie aktuell gelesen, noch nach Hoffnungsschimmer aussah, hatte sich inzwischen meist zerschlagen. (Und da ist das 0:3 von YB gegen Juventus nur ene munzige Kleinigkeit.) Wo die 1’500 Pistolen- und Sturmgewehrpatronen, welche die Schweizer Armee seit heute “vermisst”, zum Einsatz kommen werden, werden wir wohl nie erfahren. Man ermittelt in alle Richtungen und tappt so lange im Dunkeln, bis die Lappalie vergessen geht.
Inzwischen waren die Jungkrähen wach geworden, ohne dass sich das schwarze Ungeheuer wieder gemeldet hätte.

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Hätte sich Stürmerin Fabienne nicht angesagt, ich würde bis zur letzten Minute der Saison im Wasser bleiben. Herbstblätter, von einem gnädigrn Vorboten des Unwetters getrieben, schaukeln auf den Wellen. Man legt sich auf den Rücken,
schaut in die Schäfchenwolken am Himmel …

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