Aus erster Hand


Die Tickets fürs abgesagte Konzert im Kultur Casino in Bern sind weiterhin gültig, nur müssen die Freunde und Fans noch etwas langer auf Lang Lang warten. Nämlich bis zum 26.06.2010. Der Popstar hat sich “eine Entzündung am rechten Zeigefinger zugezogen, die ihn zu einer ca. einwöchigen Pause zwingt ” – oh, oh.
Marwas chinesischer Physiotherapeut glaubt nicht an diese Gebresten. Er weist darauf hin, dass gegenwärtig in China Neujahr gefeiert wird. Solche Feierlichkeiten sind eine tiefe Goldgrube für einen Lang Lang. Europa im Februar kann da beim besten Willen nicht mithalten.

Bibliothek im Aufbau
Foto: La pharmacienne sans frontières

Das ist die Buchhandlung der südsudanesischen Hauptstadt Dschuba. Geschlossen ist sie nur sonntags. Sie bietet “school supplies” und “office equipment” an. Aber meist gibt es nur die Zeitungen und Zeitschriften, welche von den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen nicht mehr gebraucht werden. Die besseren Strassen der Stadt sind mit Petflaschen belegt, eine sinnvolle Wiederverwertung und nützlich gegen Staub und Schlamm.
Bis vor einigen Wochen wusste ich nicht, dass es Dschuba (Juba) überhaupt gibt. Dann begegnete ich einer Apothekerin, welche ein Hilfsprojekt der Apotheker ohne Grenzen begleitet: der Hauch eines Tröpfchens auf einen heissen Stein, aber für zahlreiche Menschen zwischen Krankheit und Krieg, den es auf dem Papier seit 2005 nicht mehr gibt, ein Hoffnungsschimmer.
10 Hebammen auf 8 Mio Menschen und 1 Lehrer auf 1000 Kinder – so etwas können wir uns nicht vorstellen.
Aber jemand hat einen Bookshop eröffnet und die Tür mit leuchtendem Blau bemalt. Ein Hoffnungsschimmer?
Über Dschuba wird im TV längst nicht mehr berichtet, denn immer neue Länder, Menschen und deren Geschichte müssen uns anhand von noch grösseren Katastrophen erklärt werden.

Heute hätte ich das alte Brot in die Sammelstelle (für die Tiere des quartiereigenen Tierparks) bringen sollen. Ich liess auf dem Weg dahin den ehrbaren, vor Gezeiten genähten Sack aus der familiären Erbmasse urgrossmütterlicherseits kurz unbeobachtet stehen.

Als ich einen Moment später zurückkam, hatten sich drei Leute, eine ältere Frau und zwei sehr alte Männer, darum versammelt. Ich blieb in einiger Entfernung stehen und hörte, wie die beiden Männer rätselten, wer wohl diesen Sack hier stehen liesse und was sich darin befinde. “Das ist sicher eine Bombe!” meinte die Frau todernst. Aber die Neugier der betagten Herren siegte über die Furcht vor dem hinterlistigen, feindlich gesinnten Nachbarn. Wie zwei kleine Schuljungen, die gerade einen Streich aushecken, schauten sie sich nach allen Seiten um. “Ich gehe dann mal” meinte die Frau ängstlich, immer noch vermutend, in dem Sack befinde sich garantiert eine Bombe. Ich kam nicht auf die Idee, die beiden alten Leute aufzuklären, dass das meine Tasche sei. Da sie eine unglaubliche Euphorie an den Tag bzw. Sack legten, schien es mir, das sei mindestens die Attraktion des Tages für sie, wenn nicht gar der Woche. Da wollte ich ihnen diese Freude natürlich nicht nehmen. Endlich fasste sich der eine ein Herz und öffnete die Brottasche. “Das si ja Chrümi!” rief er laut, “di ganzi Täsche vou Chrümi! ”

“Aber wer lässt denn eine Tasche voll mit altem Brot hier einfach so liegen?!” empörte sich der Andere. Ich, immer noch hinter den beiden stehend, fühlte mich irgendwie ertappt und ging mit schnellen Schritten an ihnen vorbei und raus aus dem Ladenzentrum. Ich sah sie durch die Schiebetüre noch lange über die uralte Tasche mit dem steinalten Brot reden, diskutieren und darüber philosopieren, woher es wohl stamme und was jetzt damit zu tun sei. Ich liess sie mit dem Behältnis alleine und ging nach Hause, wo ich erst erfuhr, dass dieser Sack wohl durch tausende Hände gegangen, aus einem Küchenschurz genäht war und Generationen überdauert hatte. Er ist bei diesen beiden Alten in besten Händen.

Heute arbeitete ich vor dem Westside an der Sonne in der Hoffnung, von ihr etwas Antrieb zu bekommen, was rückblickend halbwegs gelungen ist.

Neben mir sassen die Fernsehleute im Kaffee, sie hatten eben beim Hotel ausgecheckt. Das Handy klingelte und die SF DRS Direktorin schien dran zu sein. Sie fragte offenbar nach den Einschaltquoten und dem medialen Feed-back in der Printpresse im fernen Bern.

Man liege nicht im “Reinsch” (Range? sic.) der Traviata, aber nach der Liebesszene seien die Leute ganz gut dran geblieben. Das werde wohl akzeptiert, immerhin sei die Einmaligkeit des Ereignisses massgebend für das sich abzeichnende internationale Interesse, man sei mit Frankreich, Italien, Irland und den USA in Verhandlung. Und ja, in Bern sei man auf beiden Titelseiten gewesen, bei der einen Tageszeitung auch noch im Innenteil. Die Direktorin scheint damit vorläufig ausreichend informiert zu sein und hängt ziemlich abrupt ein.

Wir haben es ja schon geschrieben, im Quartier wird Oper gemacht. Dabei sieht man aber nichts Öperliches, sondern Fernseh-Equipment, eine Masse TV-Leute und dann und wann eine Sopranistin (welche sogar bloggt) oder ein paar Statisten.

Doch inzwischen sind alle nett.

Das ist ja das Schöne am Ghetto: hier trägt niemand lange die Nase hoch, nicht einmal das Zürcher Fernsehen. Und wenn sie über ihre eigenen Kabel stolpern und mit Löchern in der Stirn ins nächste Spital gefahren werden müssen, tun sie einem wirklich leid. (1st hat es zahlreiche Male beschrieben als sie noch hier wohnte: wir haben seit Jahren Baustelle, es gibt praktisch nur Treppen und Absätze und unbeleuchtete Winkel und Hindernisse. Jung und Alt fallen immer wieder irgendwo drüber, rein oder runter.)

Als ich heute nach Hause kam und zwischen den Kabelrollen und Kameras zwecks Leerung zu meinem Briefkasten steuerte, meinte ein schnittiger TV-ler: “Schon praktisch, wenn man immer neben den Briefkästen steht und sieht wie alle heissen. Dann weiss man auch, bei wem man sich gern zum Essen einladen lassen würde.” “Sind Sie hungrig?” frage ich nett. “Es geht grad noch…” meint er. “Der Ramadan ist gerade vorbei, Sie können sich jederzeit melden,” biete ich lächelnd an und er lächelt – nur noch wenig erstaunt – zurück.

Wie gesagt: TV-Staff ist schon in Ordnung.

“Die Handwerker brauchten zwei Stunden, um die Halterung des neuen Fernsehers mit Sandsteindübeln in der Wand zu verankern. Schliesslich wiegt der Bildschirm 35 Kilo. Aber jetzt ist alles bombensicher. Der Beamer wird später an die Decke montiert, sobald die neuen Vorhänge, die dann als Leinwand dienen, aufgehängt sind. Mehr Wände bräuchte man in der neue Wohnung, aber irgendwie gehts immer. Gegenwärtig ist es noch ziemlich lärmig, da die Folgen eines grösseren Wasserschadens bei Nachbars behoben werden müssen. So einen Parkettboden kann man ja nicht geräuschlos heraus reissen. Bis jetzt ist im Eingang noch keine Familie mit Kindern eingezogen. Hoffentlich bleibt das so, denn die Wohnungen sind eigentlich nur geeignet für Singels oder Paare. Wenn keine Kinder kommen, gibt es auch keine neue Schule, welche ein Pech wäre, so direkt vor dem Fenster. Im Nachhinein und im Hinblick auf die Schule hätten wir die Wohnung nicht gekauft. Für eine Einsprache ist es leider noch zu früh, auch für das Anmelden einer Wertminderung.”
Die Frau neben mir im Bus spricht mit einem jungen Paar, er Schweizer, sie Asiatin. Die beiden haben letzten Oktober auch eine Wohnung in der neuen Siedlung gekauft. Sie sind gegen eine Schule. Von Kindern verstehen sie nichts. Gibt es in ihrer Familie überhaupt Kinder? Nein, glaub nicht. In der Familie der Asiatin gibt es keine. Der junge Mann überlegt. Doch, sein Bruder hat eins, aber nur ein ganz winziges. Ein angenehmes Kind, immer zufrieden. Wenns weinen will, gehen die Eltern mit ihm nach Hause.
Wären alle neuen Bewohnerinnen und Bewohner so, müsste man den Namen der Siedlung ändern.

Ihr Hirn sei nicht mehr gut, ruft die alte Frau – eine Migrantin aus der ehem. Tschechoslowakei – uns zu, als wir sie beim Spaziergang durch das Quartier überholen. Es bedürfe einer permanenten Überprüfung. Sie gehe laufend die Teile ihres Gehirns durch – sie beschreibt mit ihrer durchsichtigen Hand einen Kreis über ihrem weissen Haar – und ermittle, welcher Teil noch funktioniere. Die Diffential- und Integralrechnung, die sei noch ganz fest – sie krallt die dünnen Finger an ihren Hinterkopf – verankert. Aber die lateinischen Buchstaben, die seien weg. Sie könne nur noch gotische Schrift lesen, die, die sie nach dem zweiten Weltkrieg gelernt habe: “Für meine Enkelkinder bin ich eine An-al-pha-bet-in!”

Sie solle doch mit ihnen rechnen und zeichnen, das reiche bei Weitem, antworte ich. Ja, ja, im Zeichnen seien sie gut die Enkelkinder, sie dokumentierten damit gern die streitenden Eltern. Sie seien sehr genau im Zeichnen, man sehe, wie Vater und Mutter sich anschreien und die Mutter sei dabei “oben ohne”, aber sie finde das nicht unmoralisch. Auch die Zeichnung mit diesen Skalpen gefalle ihr. “Terrror”, das müsse sie immer wieder erklären, “das ist das Hauptwort. Und terrorisieren ist, was gemacht wird.”

Dani war so ein liebernetterklugerbesonnenerjunger Mann, blond mit blauen Augen, hilfsbereit, ein schöner Gegensatz zu unserer Familie, alle schwarze Haare, schwarzäugig, aufbrausend. Als ich die Augenoperation hatte und nicht gut sehen konnte, hat er auf meine Medikamente farbige Punkte geklebt, damit ich wusste, welche Pillen ich zu welcher Tageszeit schlucken musste. Und was hab ich ihm alles gekocht, hier ein Pfännchen, dort ein Plättchen mit feinen Gewürzen und nicht mit Deckel drauf, wie bei ihm zu Hause, wo Eltern mit Geschäft jeden Tag Essen aus der Geschäftskantine essen. War der Junge glücklich und wie habe ich ihn geliebt, habe zugeschaut, wie er meine Tapas isst, bin daneben gestanden mit Küchentuch überm Arm!
Dann, plötzlich eines Tages aus heiterem Himmel fertig! Meine Tochter Nanette sagte: Mit Dani und mir ist es aus – Schluss.
Du gloubsch nid wie ha-n-i ggrännet, ha nume no ggrännet. Er war mein verlorener Sohn fünf Jahre lang. Meine Tochter war zornig, sie wollte von mir getröstet werden. Ich habe dann Danis Vater angerufen. Auch er war ganz niedergeschlagen und sagte:
Ohne Nanette fühle ich mich amputiert.

Saisongemäss möchte ich hier einen verdienstvollen Könizer, den Imker Hanns Zark vorstellen. Ohne seinen Biografen Rätus Luck hätte dieser Bienenmann, seiner Zeit immer einen Schritt voraus, nie einen Eintrag ins HLS (Historisches Lexikon der Schweiz) erhalten. Auch sein schlicht-ergreifendes dichterisches Werk wäre der Menschheit für immer verborgen geblieben, hätte mir heute nicht die Frau des Biografen, Annemarie, einige unveröffentlichte Verse von Hanns Zark zugeschickt. Darunter befindet sich auch ein Envoi zum Band “Schwänzeltänze”.
Ich finde, die Zeilen passen gut zu meinem vorgängigen Bericht und sollen hier einem weiteren Publikum zugänglich gemacht werden:

Der stärkste Baum wird einst der Höhlung Beute.
Die stärkste Hand erlahmt und fällt.
Es schwindet rasch dahin das schöne Heute,
und aller Glanz entweicht aus dieser Welt.
Gedanken aber, Melodien, Lieder
sind unvergänglich, welken nie und nimmer,
sie bleiben bei uns, stark und treu und fest.
Sie klingen aus zwar, doch sie kehren wieder,
sie sind ein tröstlich Licht, ein heller Schimmer-
sie sind der Honigvorrat, der uns überwintern lässt.
(Rätus Luck, 28. Juni 1937 – 22. August 2012)

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Fast wie im Elsass

... in Castroville, Texas.
Meine Mutter musste sich immer lange gedulden, bis sie ein Föteli von ihren reisenden Kindern erhielt, schwarzweiss in einem “Aerogramm”.
Dank diesen ausgeklügelten SchwarzBeeren können die heutigen Mütter und Grossmütter beruhigt sehen, dass nicht alles wild ist in Texas.

Si hei ne am drüü am Morge us em Gfängnis greicht u si mit ihm uf Chlote gfahre. Verschnüert wie nes Päckli hei si ne zäme mit zwene angere Liberianer i ds Flügzüg verfrachtet. Dert het er ersch gmerkt, was mit ihm passiert, wiu er vorhär isch ruehig gschteut gsi. Einezwänzg Polizischte hei die drei gfesslete Afrikaner begleitet. Z’Monrovia (kaputteschti Houptschtatt vo dr Wäut) het ds Flugzüg kei Landeerloubnis übercho u het drum Gambia agschtüüret. Es het es rächts Bakschisch vo dr Schwizerpolizei bbrucht, dass die Behörde am Flughafe zwe vo dene dreine Schwarzafrikaner übernoh het. Mit nüt aus de Chleider uf ihrem Liib het me die Manne i däm frömde Land ihrem Schicksal überla.
Dr Trip isch no nid z’Änd gsi, mi het ja no eine gha zum Usschaffe. So isch me de uf Dakar gfloge u het dert probiert, die unliebsami Fracht los z’wärde. D’Senegalese hei de einezwänzg Polizische d’Päss abgno u gseit, die überchäme si ersch zrügg, we si dr Liberianer mitnähmi. Wius inzwüsche gäge Abe gange isch, het z’Flugzüg Kurs gäge Nordoschte gno u dr Übrigblibnig isch nach däm Tagesusflug wider i sim Schwizergfängnis glandet.

Heute traf ich die Bibliothekarin unserer Gefängnisses hier in der Stadt. Sie darf sechzig bezahlte Stunden pro Jahr arbeiten. Ihr Bücherkredit ist 0. Die Zelle, in welcher sich die Bibliothek befand, wurde vor einiger Zeit wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt und so versucht die Frau, auf jedem Stockwerk ein paar interessante Bücher aufzustellen. Das ist nicht einfach, da die Inhaftierten aus vielen verschiedenen Ländern stammen und bei den dem Gefängnis gespendeten Büchern selten etwas Passendes dabei ist. Ab und zu kauft die Bibliothekarin aus der eigenen Tasche ein Wörterbuch, z.B. Arabisch-Deutsch, was aber leider nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist.

Habe ich aus Mündern von Quartierkindern, einschliesslich dem eigenen, notiert:

  • Huere Nuttepflaschter
  • Huere Schnäbizägger im Denner
  • Huere Hodechläber
  • Huere verfulete Parisergring
  • Huere Fischgring
  • Huere vervögleti Bärgänte
  • Du Figgfähler
  • Nuttegring (anc. Nutteching)
  • Du huere Schweinefleisch
  • Du huere Bin Laden
  • Ich bin 2005 daheim ausgezogen und mit meiner Freundin und heutigen Frau zusammengezogen. Gegen den Willen meines Vaters und meines grossen Bruders. Deshalb wurde ich von der Familie ausgestossen. Wir wohnen alle immer noch im selben Block, aber meine Mutter besucht mich nur heimlich.

    2006 ist bei mir viel passiert. Ich habe in meinem Block die Hauswartsstelle bekommen, im März geheiratet und im August wurde mein erstes Kind, meine Tochter, geboren.

    Seither war ich zweimal mit meiner Familie im Kosovo. Und ich telefoniere häufig mit meiner Cousine und deren Familie. Mein Onkel war mir in meiner Kindheit wie ein Vater. Wenn ich weiss, dass etwas los ist, jemand krank ist oder jemand Geburtstag hat, dann rufe ich auch mal zweimal pro Woche an. Meine Verwandten haben sehr Freude an meiner Tochter, mehr als meine eigenen Eltern. Die Besuche sind für mich jetzt noch wichtiger geworden, seit meine Eltern mich nicht einmal mehr grüssen.

    Ausser mit ihnen habe ich hier täglich guten Kontakt mit Menschen aus dem Kosovo. In unserem Block wohnen ja einige aus Kosovo und auch mein Kollegenkreis kommt aus meiner „Clique-Zeit“. Als ich in meiner Ausbildung etwas Geld hatte, sind wir auch oft zu Ümüd nach Bümpliz gefahren und haben etwas gegessen und viel gelacht. Ich kenne die Lokale, wo sich Kosovoalbaner treffen, die ihre Frauen und Kinder alleine lassen, nicht. Ich habe mich nie für Lokale interessiert, in denen Männer sich besaufen. Wir trafen uns daheim, in der Stadt, im McDonald’s Köniz oder im Heim & Hobby Bethlehem und machen das heute noch so.

    Ich bin immer gern in Kontakt mit Menschen und ich arbeite einfach gern. Ich putze auch gerne, denn ich habe es gerne sauber! Ich übernehme gerne Verantwortung und freue mich, dass die Leute mir vertrauen. Schon als Kind habe ich die Schlüssel zu den Kindertreffs bekommen oder ältere Damen haben mir ihre Schlüssel gegeben, damit ich ihnen etwas erledigen konnte. Viele haben mich dafür bewundert, dass ich nie irgendwo etwas mitgenommen habe, obwohl ich so arm war und überhaupt nichts hatte. Bei den Früchten, die die Leute einfach nicht abgelesen haben und verfaulen haben lassen, da konnte ich allerdings nicht immer widerstehen, da habe ich immer genommen. Ich kenne noch heute jeden Baum im Quartier.

    Aber beschimpft wurde ich in meinem Leben viel. Zuerst war es „Jugo“, dann „Scheiss-Albaner“, dann „Scheiss-Kosovo-Albaner“, heute „Papiirli-Schwiizer“. So wuchs auch mein eigener Hass auf die Schweizer. Als Bub ging es noch, doch je älter ich wurde, desto schwieriger wurde es auch mit dem Kontakt mit Frauen. Sie waren sehr misstrauisch, ihnen wurde von Albanern abgeraten oder es wurde ihnen sogar verboten, sie kennen zu lernen. Doch ich hatte trotzdem immer mal wieder eine Schweizer Freundin.

    Seit ich mit meiner Frau zusammen bin, sehe ich, dass auf allen Seiten Fehler gemacht werden. Aber vor allem sehe ich jetzt die Fehler der Albaner.

    Zum Beispiel kenne ich sehr wenige Albaner, die im Leben etwas Neues kennen lernen möchten. Sie wollen genau dort bleiben, wo sie sind und genau so bleiben, wie sie sind. Wenn man das Leben anders führt, als die anderen Albaner erwarten, so wie ich das mache, wird das nicht von allen akzeptiert. Meine Eltern akzeptieren meine Frau nicht. Fertig. Es gibt viele andere Albaner, die nichts Schlechtes über mich und meine Frau sagen oder es sogar gut finden, was ich mache und dass ich selbständig bin und selber entscheide.

    Aber ihren eigenen Kindern würden sie es nie erlauben.

    1999 bekamen wir endlich eine grössere Wohnung an der Sternenstrasse im 7. Stock, eine 6.5-Zimmer-Wohnung! Es war trotzdem ein schreckliches Jahr, weil im Kosovo Krieg war. Im Frühling musste ich Abschlussprüfungen machen, gleichzeitig war mein Onkel – der inzwischen nicht mehr Politiker, sondern ein UCK-Offizier war – gefallen.

    Im Sommer habe ich Waren für meine Familie im Kosovo gesammelt, welche mein Bruder an ihren Fluchtort in Durrst (Albanien) bringen musste. Meine Familie war schon 1997 zu Fuss nach Durrst geflüchtet und war inzwischen ohne etwas. Nach Kriegsende 1999 beschlossen sie die Rückkehr in unser Dorf. Die Serben hatten zwar vor, dort ein Naturschutzgebiet mit Wildschweinen zu machen, aber das ging nicht, weil sie den Krieg gegen die Nato verloren hatten. Die Kfor hatte die wichtigsten Wege entmint und die Familie ging zurück für den Wiederaufbau. Ein Wiederaufbau geht aber nur, wenn man etwas hat. Mein Bruder und ich haben ihnen einen Lieferwagen gekauft und diesen mit den nötigen Waren gefüllt. Damit hat mein Bruder dann auch die Familien aus Albanien zurückgebracht in das zerstörte Dorf, in dem man überhaupt nichts hatte und auch nichts kaufen konnte.

    Meinen Mutter hat in dieser Zeit ununterbrochen geweint und sie ist oft ohnmächtig geworden. Wir hatten unendlich viel Besuch, denn mein Vater und meine Mutter waren die einzigen Verwandten meines Onkels in der Schweiz. Ich musste ununterbrochen alle bewirten.

    Die letzten zehn Jahre waren unsere Aufenthalte im Kosovo immer schon von den Kontrollen der Serben überschattet gewesen. Der Grund, den sie angaben, wenn sie unverhofft unsere Häuser durchsuchten, war meistens, dass sie gesagt haben, jemand der Nachbarn hätte gemeldet, dass wir eine Waffe haben. Sie drangsalierten uns alle, aber geschlagen haben sie zum Glück in dieser Zeit nur die Erwachsenen.

    Aber es gab in dieser Zeit auch gute Sache, aber nur in der Schweiz. Ich spielte in einem Film „Dashuria e kthyar“ mit und wir bekamen 2001 einen Filmpreis dafür. Ich begann meine Nachtschicht bei der Migros Aare und konnte bis 2005 damit Geld verdienen. 2003 wurden ich und meine Schwester eingebürgert. Das war eine grosse Erleichterung.

    Ich weiss nicht mehr, welches Schicksal die frühere Lehrerin dazu zwang, als Wäscherin in einem Erziehungsheim zu arbeiten. Von Waschen, Stärken, Bügeln und Glanderieren verstand die alte Frau eine Menge. Sie bewohnte ein Zimmer unter dem Dach, welches sie regelmässig mit sauberen Zeitungen auslegte. Die meiste Zeit verbrachte sie aber in der Waschküche oder im Bügelzimmer, plättete die weissen Hemden und Blusen der Heimleiterfamilie, nahm sich der handgestickten Monogramme auf Oberleintüchern und den Spitzen von Vorhängen und Tischdecken an. Unter den Angestellten hatte Frau L. keine Freunde, sie mied die Lehrerinnen und Lehrer der internen Schule, und die Zöglinge gingen ihr aus dem Weg. Manchmal hatte sie seltsame Träume, die sie den Wäschebergen erzählte. Ging es dem Herbst entgegen, kaufte Frau L. allerlei Kindersachen. Sie machte dann kleine Päckchen, nicht schwerer als ein Kilo. Nie packte sie zwei Tigerfinkli zusammen ein. Sollte das Paket an der Grenze geöffnet werden, würde es Dieben recht geschehen, wenn sie nur ein Schuhchen fänden. Es dauerte ein paar Wochen, bis Frau L. sich entschliessen konnte, die Päckchen abzuschicken in dieses fremde und wilde Land, wo ihre Enkelkinder lebten. Danach begann ein langes Warten. Werden die Tigerfinkli, Leibchen und Socken ankommen?
    Welche Freude und welcher Stolz, wenn Dankesbriefe, Zeichnungen und Fotos gegen den Frühling die Schweiz erreichten. Nur sehr wenige durften einen Blick auf die kostbare Post werfen. Und nur wenige Auserwählte durften eine gefüllte Dattel aus dem Zweistromland probieren.

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