Aus erster Hand


Im April 1990, als ich zehn Jahre alt war, wurde mein kleiner Bruder geboren. Wir sind zwei Monate danach mit dem Bus in die Schweiz gekommen, es war ein Alptraum mit dem Baby, er schrie über 24 Stunden. Die Serben hatten damals aus Flugzeugen und Autos ein Gas gesprüht, welches ihnen von den Russen geliefert worden war. Wir sind eingentlich vor den Serben geflüchtet. Die Kosovoalbaner hatten die Schulen geschlossen, weil die Serben drohten, die Kindern anzugreifen. Es wurde nur noch in Wohnungen unterrichtet. Mein Onkel war Politiker und wir waren als Verwandte von ihm in Gefahr.

Ich erinnere mich an die Ankunft in der Schweiz sehr gut. Im November sind ich und meine Schwester zum ersten Mal allein in die Stadt gegangen, an den “Zibelemärit”. Wir fanden die Festtage in der Schweiz toll, denn Kinder bekommen hier immer ein paar Sachen gratis, jedenfalls im Tscharnergut. Im Frühling war jeweils ein Marathon-Lauf, an welchem man sogar Pfeifen und „Tschäpple“ umsonst bekommen hat. Und vor dem Block auf dem Parkplatz hat es immer ein Tennis-Tournier gegeben, das von Coop organisiert worden ist. Jeder Teilnehmer hat einen Sack mit Esswaren und Schleckzeug bekommen, wer weiterkam, Gutscheine. Das war für uns sehr wertvoll, wir haben alle Sportarten und Spiele viel geübt, damit wir immer etwas gewinnen konnten.

Das hat allerdings 1994 alles aufgehört, seit dem bekommt man nichts mehr gratis. Damals kamen so viele Einwanderer aus dem Balkan, dass Coop und die Bäckereien nichts mehr an solche gaben, die nichts kaufen konnten.

Mit zwölf Jahren, 1992, begann ich im Restaurant Tscharnergut zu arbeiten. Ich bin dem Chef dankbar, dass er mich angestellt hat. Für Fr. 5.—in der Stunden, in den Ferien. Ich habe beim Abwasch geholfen und bei dem Desserts und auch zu “Cash and Carry” hat er mich zum Einkauf mitgenommen und ich habe die Tische geputzt, auch von unten (Kaugummis). Ich war sehr dünn und hatte zum ersten Mal richtig zu Essen, immer Pommes-Frites, Rindfleischhamburger und Cola. Wunderbar! Mit dem Geld konnte ich mir endlich Kleider kaufen, die nicht vom Brockenhaus waren. Daneben habe ich noch Hauslieferungen für die Apotheke im Tascharnergut gemacht. Ich glaube, ich habe den Job verloren, weil der Lehrling das übernommen hat, auch in einer anderen Apotheke habe ich das gemacht. Von dem verdienten Geld habe ich die Landschulwoche bezahlt. Meinem Freund A. konnte ich so auch einmal einen Landschulwoche bezahlen, in die er sonst nicht hätte mitfahren können. Wir sind enge Freunde seit 1992 bis heute.

Ich habe immer unverschlossene Velos benutzt, meistens alte Damenvelos, auf denen ich gut üben konnte, allerdings nur im Stehen, für den Sattel war ich zu klein. 1993 hat mir mein Vater im Jumbo Schönbühl mein erstes eigenes Velo gekauft, aber leider hat es nur sehr kurze Zeit gehalten und ich musste mir wieder andere Velos beschaffen. Ich fuhr damit in jeden Winkel des Quartiers und kannte so alles immer besser.

Dann habe ich eine Clique gegründet, mit anderen Albanern und einem Türken. Ich war der Anführer und wir haben gemacht, was wir wollten, wir wollten alle nicht abhängig von unseren Eltern sein, sie haben uns nichts anbieten können, die Väter haben wir kaum gesehen, die Mütter hatten keine Ahnung von unserem Leben.

Ca. 1994 habe ich in das Restaurant „Sternen“ gewechselt, da war ich ca. 14 Jahre alt. Aber der Wirt hat mir als Lohn nur eine Kopie von einer Fünfzigernote für die Arbeit für einen ganzen Sommer gegeben. Da bin ich gegangen und habe keine Arbeit mehr gehabt. Da haben wir ab und zu geklaut: Haargel, Deo aber auch Kleider und Schuhe, die ich einfach probiert habe und dann damit rausgelaufen bin.

1996 habe ich jeden Samstag im Shoppyland in Schönbühl gearbeitet. Ich habe die Paletten und leeren Kisten sortiert. Mit einem Handstapler habe ich sie gestapelt und dann mit Klebeband aneinander befestigt, damit sie gereinigt werden konnten. Ich habe damals mit Hilfe meiner Schwester bei der BKB ein eigenes Konto aufgemacht, die Eltern haben mir nichts mehr bezahlt ausser das Materialgeld fürs Werkjahr. Denn damals habe ich unter der Woche das 10. Schuljahr gemacht.

Ab 1997 Schreiner-Anlehre in Gümenen. Ich habe dort das Holz kennen gelernt, den Umgang mit den Maschinen. Wir waren auch viel im Wald und mussten gefällte Bäume vermessen und für den Export nach Italien bereit machen. Ich schrieb auf, um welche Sorte es sich handelt, aus welchem Wald sie stammen und habe sie nummeriert. Der Chef war ein Rassist und ein Arschloch, aber er hat natürlich mit dieser Anlehre verhindert, dass ich auf der Strasse gelandet bin.

Gleichzeitig habe ich samstags von 7.00 bis 16.00 Uhr in der EMMI-Fabrik in Kirchberg gearbeitet. Ich habe die Käsemaschinenanlage auseinandermontiert und hygienisch geputzt und danach wieder zusammengesetzt. Danach ging ich nach Hause und habe ein paar wenige Stunden geschlafen. Gegen 21.00 bin ich nach Thun in die Disco „Nachtwerk“. Ich hatte dort einen Job in der Garderobe. So ab 4.00 Uhr schloss die Disco und ich räumte die Flaschen weg. Danach bin ich nach Hause und konnte am Sonntag ein wenig ausruhen. Am Montag musste ich wieder kurz nach 6.00 Uhr los in die Schreinerei. Während der Ferien habe ich einmal noch eine Bank geputzt, vis-à-vis vom Bundeshaus.

Im Sommer gingen wir immer in den Kosovo. Aber während der Lehre war das ein Problem, weil mir der Chef nie Sommerferien genehmigt hat, weil wir über Weihnachten zwei Wochen Betriebsferien hatten. So ist es geblieben. Seit meiner Jugend habe ich nie irgendwo an einer Arbeitsstelle Sommerferien bekommen. Heute – 2007 – ist das erste Mal.

Frau Kaltmamsell hat mich mit ihrem Beitrag Ein Gastarbeiter kommt an daran erinnert, dass ich vieles notiert habe, was mein Schwager uns über seine erste Zeit in der Schweiz erzählt hat. Nun dachte ich, ich publiziere mit seinem Einverständnis ein paar Teile daraus in der Adventszeit, weil Fluchtgeschichten ja da irgendwie hingehören. Die Erzählung wird nicht chronologisch sein, denn mein Schwager hat oft wieder vorne begonnen, weil er zum Beispiel in anderer Stimmung war und ihm ganz andere Dinge zur gleichen Zeitspanne eingefallen sind.

Wir kamen im Sommer 1989 von Kosovo für drei Monate in die Schweiz um Ferien zu machen. Wir lebten in der Wohnung meines Vaters an der Sternstrasse 23. Mein Vater lebte schon seit Mitte der Sechziger als Gastarbeiter hier.

Wir wollten unbedingt jeden Tag fünf Wörter Deutsch lernen. Am Abend fragten wir den Vater dann, ob alles richtig ist. Aber wie schreiben? Das wusste niemand von uns!

1990 kamen wir vier Kinder mit der Mutter dann ganz in die Schweiz. Meine Mutter konnte kein Deutsch. Mein Vater arbeitete immer den ganzen Tag. Weil die Schule aber gerade in unserer Nachbarschaft war, gingen meine Schwester und ich einfach dort hin, um uns anzumelden. Dafür haben die deutschen Wörter gereicht. Aber der Schulleiter schickte uns weiter ins Fellergut, dort war die Klasse für Fremdsprachige. Unsere ersten Kontakte zu Gleichaltrigen fanden dort statt. Es waren Kinder verschiedenster Nationen und sie waren sehr nett, auch die Klassenlehrerin war nett.

Die Schweiz war ein Paradies für mich. Diese Einkaufszentren! Die schönen Gärten. Zum ersten Mal habe ich ein Velo gesehen, mit Pneus, das fährt! Im Kosovo hatte ich nur einmal ein Velo gesehen. Aber man rutschte damit auf den Felgen den Hügel runter – ohne Bremsen.

Und eine Wohnung – für die ganze Familie! Ich hatte bis dahin gar nicht gewusst, wer mein Vater war. Und in der Wohnung hatte es ein WC, das fand ich sehr interessant, ich kannte dieses System aus dem Kosovo überhaupt nicht.

Jeweils Ende Monat hatten wir kein Geld mehr. Einmal hat uns eine Frau aus dem 6. Stock 100.—Fr. geschenkt. Sie wollte einen Spendenbeleg unterschrieben haben, aber wir waren sehr glücklich. Damit konnten wir endlich die Sachen für die Schule kaufen, die wir sonst niemals hätten bezahlen können. Wir brauchten unbedingt Farbstifte um die Verben anzufärben. Manchmal haben uns auch die Nachbarn etwas geschenkt: einen Ball oder sonst Sachen. Ich habe heute noch Kontakt zu diesen Menschen, die immer noch im Block wohnen. Heute helfe ich ihnen, denn ich bin nun Hauswart hier.

Herzlichen Dank allen für die vielen schönen Wünsche und Geschenke, die das neue Kind schon erreicht haben! Wir werden sicher irgendwann eine Liste bloggen, dokumentationsbesessen wie wir sind.

Vor gut zwei Jahren hat meine Schwester die Geburtsanzeige von Kleinsmädchen gezeichnet, jetzt zeichnete sie für Kleinsbübchen.

Vorderseite:

Sterngucker

Rückseite:

Geburtsanzeige Rueckseite

Das deutsche Gedicht ist eine Leseübung aus einem alten Drittklasslesebuch, den albanischen Text hat die Schwester des Vaters gedichtet. Und wie alle Blogk-Kinder hat auch das neue seine eigene Schrift bekommen.

Schönen 1. Advent allerseits!

Ich treffe meine pakistanische Nachbarin im Bus und frage nach ihrem Befinden. Sie ist Migränikerin und sowieso etwas angeschlagen. (Migration macht vielleicht nicht zwingend krank, aber sie macht müde und arm und beides zusammen ist ungesund.)

Heute geht es der Pakistanin blendend, denn sie geht zur Massage. Ihre Putzschicht – “nur zwei Stunde diese Morgen!” – hat sie hinter sich. Sie freut sich auf Entspannung und “Heilung”. Ich frage, wo sie denn beides finde? Da beginnt sie ganz nahe an meinem Ohr zu flüstern:

Es gebe ein Ausstellungsgelände mit Jadebetten. Das sei ein Geheimtipp für ganz viele Asiaten. Seit sie es in der Putzequippe erzählt habe, auch für Frauen aus Ex-Jugoslawien. Ihre Mutter käme auch. Man müsse sich daran gewöhnen, dass einem so viele Leute bei der Massage zuschauten, aber sie nehme eine Decke mit (nebenbei: sie trägt immer lange Kleider und auf Wunsch ihres Gatten seit 9/11 ein Kopftuch) und eigentlich sei es gar nicht so schlimm. Es hätte fünfzehn Ausstellungsbetten aus Jade und davon sei mindestens die Hälfte besetzt, da verteile sich der Blick der Zuschauer gut. Und erst die Wirkung! Ein Wunderbett! Einen solch entspannten Nacken habe sie seit Jahren nicht mehr gehabt. Und alles gratis! Nur eben die Zuschauer. Aber das sei es wert.

Sie und ihre Mutter wollten zusammen ein Bett kaufen, es kostet 4’400.—bis Ende Mai. Danach 4’800.—. Warum das? Alles wird doch mit der Zeit billiger, die elektrischen Zahnbürsten, die Kaffeemaschinen, halber Preis. Warum wird ausgerechnet das Jadebett teurer?

Jedenfalls haben sie mit dem Verkäufer vor Ort gesprochen, sie und ihre Mutter. Aber er akzeptierte ihre angebotenen Raten von 220.—Fr. pro Monat nicht. Auch am nächsten Tag nicht und die Woche darauf immer noch nicht. Jetzt gehen sie einfach in die Ausstellung, jeden Tag nach der morgendlichen Putztour – bis sie zu Ende ist.

Auszüge aus einem E-Mail einer Rückkehrerin aus Kroatien:

Liebe 2nd, ich danke dir von ganzem Herzen fur gute Wunsche! Ich vergesse nie damals seine Einladung mit 4-5 Menu; zum meinem Geburstag! Das war wunderbar von euch beiden, niemand im leben hat mich so gut bekocht !

Mir gehet es ziemlich gut, am Arbeit bin ich sehr zufrieden und jeden Tag wird besser… es sind trotzdem viele neue Sachen die ich nie gemacht habe, auch Sprache merke ich manchmal das ich etwas lieber auf Deutsch sagen mochte, weil auch Sprache und gewisse Worte sind ganz neue fur mich. Weil ich eben viel mit Artzten, Profesoren…ect. am telefon oder sonst komunizieren muss ist manchmal anstrengend, aber Ubung macht Meister!

Kinder sind hier sehr gefordert, aber auch ziemlich selbstandig. Und doch vieles stimmt nicht, Armut gibt es wenn man es sehen mochte, vor allem seelische Armut und doch viele Manschen kampfen jeden Monat zum uberleben. Und viele leben im uberfluss und das wird noch serviert uber Medien, Zeitungen… Medien sind schreklich und monstruos geworden und leider sind viele Menschen abhangig von Medien und schlucken jede neue scheiss Nachricht und aufregen sich nur!

Alles wird tag taglich teuerer, das ist ein Kunst bei uns uberleben Monat zu Monat ohne ins minus zu rutschen! Ich selber habe noch kein realistisches Bild wie man mit meinem Lohn uberlebt mit 2 Kinder, weil ich zum Gluck noch unterestutzt bin vom Programm bis ende Juli! Angst habe ich nicht, aber ich muss bald mit Budget gut aufpassen. Ja, zum Gluck habe ich auch diese Erfahrung aus Schweiz mit sehr wenig Geld auszukommen und es wird gehen!

Ich habe wunderbare Garten mit viel Gemuse, naturlich hat Mutter fast alles selber gepflegt, aber jetzt muss ich schauen. Werde dir auch paar Fotos schicken vom Haus, Garten und uns. Wie ich es schon gesagt habe seid ihr immer eingeladen bei mir, jeder Zeit!

Also, meine lieben, habe heute sehr ruhige arbeitstag und bin froh das ich Zeit hatte zu schreiben. Schicke ganz lieben Grusse an 1st, 2nd2nd und alle!

Wieder einmal treffe ich Aliva. Sie begleitet mich zu meinem Block. Aliva kommt von der Schneiderin, die ihr ein “Bolero” zu einem Trägerkleid genäht hat. Im Gehen nimmt sie das kurze Jäckchen aus der Plastiktasche – ein Hauch von schwarzem Stoff und seidenen Quasten, verziert mit einigen Pailletten. Am Samstag heirate ihre neunzehnjährige Cousine. Die Familie habe einen Saal für dreihundert Leute gemietet, eingeladen seien aber an die tausend. Die ganze Heirat sei überhaupt eine Dummheit, denn Braut und Bräutigam seien Cousins. Seit Generationen werde in diesem Zweig der Familie nur untereinander geheiratet. Alles Abraten habe nichts genützt. Zu so einer Hochzeit kauft Aliva auch kein neues Kleid, da genüge das Bolero vollkommen, verdecke auch ein bisschen die wabbelnden Oberarme. Denn das Tanzen lasse sie sich nicht nehmen nach all dem Ärger.

3rds Freund aus Thailand erzählte gestern:

In Thailand kann eine Frau nicht ohne Mann leben. Wenn der Mann stirbt oder die Frau verlässt, ist es ihre Arbeit, neue Männer zu suchen. Einfach ist es, wenn sie nur einen braucht, weil dieser stets anwesend ist und sie und die Kinder durchbringen hilft. Das geht nicht immer. Zum Beispiel seine Mutter, die brauchte mehrere Männer. Der erste, gleich nach Vaters Tod als Dauergast Eingezogene ist abgehauen und zwar mit dem ganzen Hab und Gut. Die Mutter blieb mit ihrem jüngsten Kind allein auf der Strasse, sie hatten nur ein Bild und einen Reiskocher. Von da an hatte sie die Männer für drei Monate oder kürzer. Oft musste sie zu ihnen reisen, einmal sogar nach Dänemark. Er selber wurde bei Tanten und Bekannten untergebracht und war viel krank. Jedes Mal, wenn er wieder erbrechen musste – aber er konnte einfach nichts dagegen tun, es passierte gegen seinen Willen! – wurde er an den nächsten Ort geschubst. Kotzen geht einfach nicht in Thailand.

Dann endlich kam er wieder zu seiner Mutter, weil sie in die Schweiz geheiratet hatte.

Seine Thai-Familie nennt ihn Fussball. Lange herumgekickt und schlussendlich doch im Tor gelandet.

War sie, als Tochter einer Putzfrau, bei wohlhabenden Klassenkameradinnen eingeladen, gab ihr die Mutter zu Hause noch ein Stück Brot zu essen. Sie sollte sich nicht hungrig an einen fremden Tisch setzen und “uverschant” zugreifen. Die Mutter zeigte dem Kind auch den Umgang mit der Serviette und wie man sich damit unauffällig den Mund abwischen könne. Noch heute esse sie vor jeder Einladung ein Stück Brot. Ihr Mann habe diese Gewohnheit auch übernommen und sie seinen damit immer gut gefahren.

Ich frage die neue Witwe aus dem 8. Stock wie es ihr gehe? Ja, was denn nun das Härteste sei im neuen Alltag? Sie war Psychiatrieschwester und ist nach der Pensionierung eine geblieben, die sich alles sehr genau überlegt und von der man viel lernen kann im Treppenaus.

Ach, meint sie, die Schmerzen. Die Schmerzen seien schlimmer als vorher, als der liebe Charlie noch lebte und ab und zu die Hand auflegte oder sagte, das sei bald vorbei.

Und der Kummer der Pflegetochter mit den Männern. Sie könne da nichts helfen, nur wiederholen was der Charlie immer gesagt habe: Werde am Einfachen glücklich – mehr als dies’ Vermächtnis habe sie nicht zu geben.

Den Ehering zu einem neuen Schmuck verarbeiten zu lassen, dafür fehlt ihr das Geld. Sie hat ihn nun mit Kunststoffleim auf einen flachen Stein geklebt, der neben vielen anderen Ketten von Charlie an ihrem Hals baumelt.

Es sei schon richtig, sei er nun gegangen. Zum Glück bei Eiseskälte, als man ihn bei offenem Fenster aufbahren konnte. Das war ein wahres Geschenk.

... und das ist der letzte Rest vom Gastgeschenk des Weltmeister-Pâtissiers in unserer Sippe. (Auf die fertige Création können wir leider vor der Koch-Olympiade nächsten Oktober nicht eingehen, danke fürs Verständnis.)

Weltmeisterlich

Ein jeder Künstler erinnert sich, wann er die Lust an der Kunst gefunden hat, auch er. Der Elft-Geborene liebte den Aufbruch zu Neuem schon als Junge sehr. Obwohl die Eltern das verboten hatten, nahm er nachmittags sein Velo und fuhr mit Blick nach vorn weg vom Familienhorst.

Er wusste genau, wie lange er fahren musste, bis das Haus in seinem Rücken hinter den Hügeln verschwunden war und er sich umdrehen konnte, ohne gesehen zu werden.

Er fuhr zum Fussballtraining.

Ein Pfarrsohn erzählte, wie er als sechster, als Nachzügler zur Welt gekommen sei. Alles war schon weggegeben, Kleider und Stubenwagen mussten vom peinlich berührten Pfarrer bei Hunkelers – die mit neun Kindern wahrlich bedürftig waren – zurückgeholt werden.

Später dann fand der Junge das dicke Buch über “Das Geschlechtsleben der Menschen” hinter der Kollektenkasse versteckt, an die sich weissgott niemand herantrauen sollte.

Und noch später lud der Pfarrer seinen sechsten Sohn ein, darüber zu sprechen.

Bei den Tannen machts der Wind. Hast du noch Fragen?

Nein, nein, es war alles klar.

Irgendwann in einer ganz besonderen Gutmenschenstunde, beschlossen wir, unser gutes aber seit langem ungespieltes Klavier 3rds Gutmenschenschule zu spenden. Wir haben der Schule eine entsprechende Nachricht geschickt mit Name und Geburtsjahr vom Klavier sowie Name und Adresse von uns. Ich weiss nicht, ob es an der Adresse lag oder ob es die Spende war, jedenfalls schien mir nach den ersten Telefongesprächen, die Schule vermute ein Danaergeschenk. Wir beschlossen also, dass sie das Klavier anschauen und ausgibig testen sollten.

Der Musikfachschaftsverantwortliche, ein singend-sypmathischer Oberländer, kam noch vor Weihnachten in den Block, um das Instrument in Augenschein zu nehmen. Damit er sich auf unserer Baustelle nicht verlief, holte ihn 3rd vom Bus ab, obwohl er ihn nicht kannte. Das Handygespräch, in dem sich die beiden gegenseitig beschrieben, damit sie sich nicht verpassten, war eine äusserst ernsthafte Angelegenheit.

So kam der Fachschaftsverantwortliche gut im Block an und wunderte sich unauffällig, an diesem Ort ein Klavier zu finden. Ich versicherte, dass es mindestens noch ein zweites im gleichen Hauseingang geben würde, denn bis vor wenigen Tagen war daneben der ehemalige Klavierlehrer aufgebahrt und heute steht seine Asche drauf.

Unser Klavier war zwar leicht verstimmt, aber des Fachschaftsverantwortlichen Bachfugen hallten doch eindrücklich durchs Treppenhaus. Sein Urteil fiel positiv aus: Gute Qualität, stabil, gut erhalten – genau richtig für die Schule. Wir erhielten wenige Tage später eine CD und eine Weihnachtskarte, die uns erröten liess.

Und heute kam ein (!) Klavierbauer, um das Klavier abzuholen. Er stellte das Klavier mit meiner Hilfe in die Vertikale und montierte einen sogenannten “Schlitten” daran.

Auszug aus der Wohnung in der Vertikale:
Klavierumzug1

Hindernisrutschen auf dem Schlitten:
Klavierumzug2

Warten auf den Anhänger:
Klavierumzug3

Verlad durch Kippen und Rollen:
Klavierumzug4

Auf Wiedersehen in der Schule!
Klavierumzug5

Die Spitzbuben lassen wir bei den Kränen

Guets Fescht 1

draussen. Die Meiländerli sind viereckig

Guets Fescht 2

dieses Jahr.

Guets Fescht 3

Den Kreis

Guets Fescht 4

und das Eck: mehr braucht es nicht.

Guets Fescht 5

Frohe Weihnachten!

Verbunden 6

Danke für die vielen Nachrichten in allen Formen und aus aller Welt.
Danke für die Besuche der Beerdigung – sie war genau richtig.

Lebenslauf Jakob.

Verbunden 5

Wir sollen ihn nicht stören, wenn er ruhig liege, meint Grossvater. Aber da sein – das sei schon gut.

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