Aus erster Hand


Gestern hat das Quartier, in dem “blogk.ch” steht, sein 40. Jubiläum gefeiert. Die öffentliche Meinung dazu ist, dass das Quartier damals eines mit Pinoiergeist war und heute eines mit Problemen ist. Vergessen geht oft, dass das, was im Rückblick zum Pioniergeist avanciert, in der Gegenwart eine Reaktion auf Probleme war. Wäre gut möglich, dass das, was wir hier und heute an Herausforderungen zu bewältigen suchen, in vierzig Jahren auch als Pioniergeist gilt. Auch wenn es nicht mehr Skirennen, Risottokochen und Geranienmärkte sind.

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Coop-Magaziner beim Jubel-Frühstück: Du musst wissen, wenn ein Chef dich fertig machen will, kann er. Egal ob Bosnien, Schweiz, egal ob gute Job oder schlechte, egal viel Gewerkschaf, wenig Gewerkschaft. Egal viel Korruption, wenig Korruption. Er kann einfach, bei ihm ist Macht.

Ich: Kann schon sein. Kommt deine Frau auch noch?

Coop-Magaziner: Nein, sie arbeitet. Ich gehe nachher mit Zwillinge bei ihr in Coop essen. Geld muss fliessen. Coop zahlt unsere Lohn, ich zahle damit Mittagessen bei Coop.

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Mädchen an einem Sinneswettbewerb. Mit verbundenen Augen diktiert es mir, was es nach Tasten, Riechen und Schmecken in den Gläsern vermutet:

Mädchen beim Paniermehl: Brot klein gemacht zu Sand.
beim Fencheltee: Tee für mein klein Bruder.
bei Muskatnuss: Nuss, die meine Mutter reibt.
bei Zimstängel: Vanillestängel für Weihnachten.
bei Grillspiess: Du fädelst Gemüse und Fleisch darauf.
bei Cellophansack-Verschlüssen: Metallteile zum Schliessen von Säcklein die sind wie ein Fenster.
bei Steckmasse für Blumengestecke: Hier steckt meine Mutter schöne Blumen rein und ich meine Finger.

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Ehemalige Bewohnerin: Ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Ins Altersheim, bevor ich alt bin. Was hätte ich nur gemacht auf dieser Baustelle hier? Zwar, die Aussicht, die ist schon anders, lauter Bäume vor den Fenstern. Eigentlich soll man dagegen nichts sagen, aber der Sonnenaufgang und der Sonnenuntergang, die fehlen mir schon. Allerdings soll man nicht klagen, dass es vergangen, sondern dankbar sein, dass es gewesen. Vierzig Jahre lang im zwölften Stock. Das war schon etwas Besonderes.

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Bewohnerin (hat vier Kinder alleine grossgezogen) leise zu mir:
Heute bekommt mein B. den Ehrerndoktor der Uni K. Ich meine, wer hätte das gedacht, als er sich einst selber töten wollte? Du weisst ja, die Pfadi, die hat damals sehr schlecht reagiert, als er sich geoutet hat, er war hier ja Jahre sehr sehr aktiv. Und was ist danach passiert, als B. bei ihnen aufgehört hat, was? Es ist nur noch abwärts gegangen mit der Pfadi und das freut mich bis heute. Das musste damals so sein, dass ich diesen zerrissenen Brief im Abfall gefunden habe, es ist alles genau richtig herausgekommen. Jetzt ist er Quantenphysiker und seit heute Dr. Dr. Zuerst wollte er ja nur noch für die Bewegung arbeiten, aber ich und alle Geschwister haben gesagt, das ist doch kein Beruf, das ist doch einfach eine sexulle Orientierung, das reicht doch nicht als Lebenshinhalt! Und dem 20 Minuten habe ich auch gerade geschrieben, als sie diese Liste mit den homosexuellen Kandidierenden gemacht haben, die hätten besser erklärt, wofür diese Leute stehen! Dass Diskriminierung nicht sein darf, das gilt für alle und jeden! Auch für mich. Ich sage jedem, der mich dumm auf meine schwulen Söhne anspricht: Wer sie beleidigt, beleidigt auch mich, wer sie nicht respektiert, respektiert mich nicht. Die Haltung ist entscheidend und nicht die Orientierung.

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Ein Pöstler: Nach vierzig Jahren haben sie mir nun auf der Schanzenpost gekündigt. Ich arbeite jetzt auf der Sihlpost. Ich hätte mir das nicht gedacht, dass das geht, aber es geht. Es war nicht in Ordnung, dass sie es mir so spät gesagt haben, dass sie mich versetzen müssen. Ich war ja vorher noch nicht oft in Zürich, ich kannte das nicht. Aber sonst geht es.

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Sie vertrauen Dr. Blumenthal voll und ganz, obwohl er alt und ein Jude ist und an einem Stock durch seine Praxis tappt. In den vergangenen zwanzig Jahren hat der Arzt die zahlreichen Mitglieder der kurdischen Sippe durch Kinderkrankheiten, Geburten, Arbeitsunfälle, Magengeschwüre, Tumore und Depressionen begleitet, ohne je einmal die Geduld oder den Humor zu verlieren. Sein junger türkischer Kollege aus der Praxisgemeinschaft ist da ganz anders, fertigt er doch in der gleichen Zeit das Mehrfache an Patienten ab. “Haide, haide – los, auf gehts” treibt er die Leute an. Er kann sich verständlicherweise einen Offroader leisten, dieser “Dr. Haide”, während Dr. Blumenthal eine alte Karre fährt. Grossmutter, die sich vor einem Besuch bei ihrem Arzt immer sorgfältig einkremt und frisiert, hat ihm letzthin ein Hemd geschenkt. Der Doktor wollte es zuerst nicht annehmen. Erst, als die alte Frau drohte, dann werde sie halt wieder depressiv und sei dazu erst noch beleidigt, liess er sich erweichen.
Nächste Woche bekommt Grossvater Hasan eine neue Herzklappe. Dr. Blumenthal hat zu einer biologischen geraten, vom Schwein oder vom Rind. In diesem Falle aus religiösen Gründen wohl besser vom Rind?
“Egal, ob Schwein oder Rind, wenns um die Gesundheit geht,” meint Tochter Aliva resolut,”wer heimlich Schinkenbrote verputzt, kanns auch mit einer Herzklappe vom Schwein!”

Unser Blogger-Besuch von neulich hatte Messedienst in Schanghai und schreibt:

Ich war dort als General Manager der deutschen Niederlassung von einem Shanghaier Stickmaschinen und -ersatzteilhersteller.

Meine Anwesenheit hatte überwiegend mit dem chinesischen Minderwertigkeitskomplex dem Westen gegenüber zu tun (siehe auch Minderwertigkeitskomplex, muslimischer). Ich muss meinem Geschäftspartner jeden Tag versichern, dass Shanghai ganz toll ist und dass “The Bund” praechtiger ist als die Königsallee usw.

Vor diesem Hintergrund ist es natürlich grandios für ein chinesisches Unternehmen, eine rindsmilchtrinkende Grossnase am Messestand zu haben. Deshalb durfte ich den Messestand nur in Richtung Klo verlassen, was eine sehr dumme Entscheidung war, denn auf den anderen Ständen hätte ich ja was über die Konkurrenz erfahren können und ich muss ja etwas über die Konkurrenz wissen, wenn ich chinesische Stickmaschinen in die Türkei verkaufen soll, oder?

Ausserdem hat meine Anwesenheit am Stand die Kunden abgeschreckt: die einheimischen Kunden, weil Chinesen panische Angst vor Westlern haben (vor allem die vom Land, und von denen gab es auf der Messe eine ganze Menge; für die wären an unserem Stand die Ersatzteile interessant gewesen). Und die anderen Kunden (vor allem aus Sri Lanka, Indien und Pakistan), weil die Anwesenheit eines Weissen normalerweise “Joint Venture” bedeutet = höhere Kosten.

Ich habe meine Abschreckungs-Theorie Kunden aus Südafrika geschildert und einer thailändischen Vertriebsleiterin – und die haben jeweils heftig genickt. Aber mein Geschaeftspartner ist beratungsresistent. Mir solls recht sein.

Am ersten Abend war ich an einem chinesischen Dinner eingeladen, inklusive chinesischer Show (Merengue, Bauchtanz, Peking-Oper, Verlosung, Schüler-Band, das Ganze moderiert von einem gemischten Doppel, wie eigentlich immer in China, denn der Mao-Spruch, dass die Frauen die Hälfte des Himmels tragen, gilt immer noch.). Der chinesische Bauchtanz war zum Totlachen – genau das Gegenteil von dem Bauchtanz, den sich meine Mutter zum Geburtstag gewünscht (und leider auch bekommen) hatte. Die sauerländischen Bauchtänzerinnen hatten zwar Bauch, aber keine Anmut; sie haben sich bewegt wie Roboter. Die chinesischen Bauchtaenzerinnen waren natürlich wunderschön, haben sich geschmeidig bewegt – hatten aber keinen Bauch. Wie gesagt, sehr amüsant.

Das Dinner fand in einem riesigen Restaurant mit 1.500 Sitzplaetzen statt. Ich war der einzige Weisse. So fühle ich mich in China am wohlsten.

Einer der berühmtesten deutschen China-Kenner lebt seit 1994 in Peking. Ich wette, dass der noch nie allein mit des Englischen nicht mächtigen Chinesen gewesen ist, sonst würde er nicht immer wieder so einen Stuss von sich geben wie z.B. “Der Chinese ist listig”. Hab ich mit eigenen Ohren gehört, wie er das gesagt hat. Und das war kein Gerhard-Poldt-Zitat, sondern sein Ernst.

So lange ich die Frage, was mir dieses Engagement in Sachen Stickmaschinen an Lebenserfahrung bringt, positiv beantworten kann, mache ich das weiter.

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Ich habe gerade ueberhaupt keine Lust zu bloggen. Ich kann übrigens alle Blogs prima erreichen, auch Mad Minerva (und die wäre hier garantiert gesperrt, wenn die chinesische Regierung was von ihr wüsste). Nur das Schachblog von Susan Polgar ist geblockt, keine Ahnung warum.

(...)

Habe ich mich eigentlich schon darüber erstaunt gezeigt, dass hier die Wikipedia komplett gesperrt ist – und Youtube nicht?

Oh ja, ich habe sehr viel Heimweh nach Thailand. Aber ich muss dankbar sein, in der Schweiz zu bleiben. Was wäre ohne meine Mutter? Ihr muss ich danken, dass sie mich hierher gebracht hat, denn Bangkok ist sehr, sehr schmutzig. Viele Kinder werden genommen und müssen auf die Strasse gehen zum Betteln.

Meine Brüder arbeiten, meine Mutter hat sie in Thailand gelassen, aber ich kann noch nicht selber verdienen, ich muss zuerst sehr viel lernen. Ich war schon in sieben Schulen! Ich war viel krank in Thailand und wenn ich wieder neu krank war, haben sie mich gezügelt zu einer anderen Tante und Grossmutter, ich habe drei Mutter! Aber kein Vater, weil ich drei war als er starb. Mein neuer Vater ist nur mein Stiefvater, er hatte noch nie einen Sohn. Er muss üben wie es geht mit einem Sohn.

Aber als wir noch in Thailand waren hat meine Mutter immer gearbeitet – auch als kleines Mädchen, immer, das war einfach so! – aber sie hatte nicht genug Geld. Bei Tsunami hat Arbeit ihr Leben gerettet, sie musste nach Phuket, aber ein Chef hat gesagt, vorher muss sie noch diese Arbeit fertig machen und dann kam genau der Tsunami nach Phuket und sie war nicht da.

Geld musste meine Mutter viel von anderen nehmen. Mein neuer Vater bezahlt alles zurück, alles, alles, alles. Er ist 43 Jahre alt, meine Mutter 45 Jahre alt und ich sage ihr, dass sie jetzt nichts mehr nach Thailand bezahlen soll, denn diese geben uns nie etwas. Sie denken, alle in der Schweiz sind reich, sie wissen nicht, dass wir hier arbeiten. Jeden Tag lang, damit wir sparen können, für die Wohnung und die Krankheiten, um sie am Ende vom Monat zu bezahlen.

Meine Lehrerin sagt, wenn ich mich in Deutsch verbessern kann, werde ich vielleicht, vielleicht die Sekundarschule schaffen. Aber ich muss mich in Deutsch verbessern. Mein Schweizer Vater kann mir gut helfen bei Deutsch und wenn er etwas nicht kann, schaut er im Computer.

Ich habe mich viel gefragt, warum in der Schweiz die Katzen so gross sind und in Thailand nur so klein, dann habe ich gesehen, dass es hier Katzenfutter gibt. In Thaliand müssen die Katzen sehr clever sein und Vögel fangen und sie sind sehr, sehr dünn. Aber jetzt habe ich hier eine Katze und ich spiele jeden Tag viel mit ihr, damit sie alles üben kann, was die Katzen von Thailand können.

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(Es gibt sie, die freiwillige Rückkehr. Ich hatte die kleine Familie einmal erwähnt, in 10 Jahre Dayton, im ersten Abschnitt.)

Gestern haben wir noch zusammen das Wohnungsübergabeprotokoll geprüft, in wenigen Stunden fährt der Bus und nimmt meine Freundin mit. Schlimmstenfalls 24 Stunden wird es dauern bis zum Ziel. Die Kinder sind schon sieben Wochen vorher zu den Grosseltern, Onkel und Tanten, gleich zu Ferienbeginn. Der Grosse schreibt immer um Mitternacht ein SMS: „Mama, ich weine gerade.“ Er schreibt lieber Deutsch, das geht schneller. „Mama, sie reden hier anderes Kroatisch.“ „Mama, die Kinder sprechen von Geld. Sag Onkel, dass ich haben sollte.“ Die Kleine ist recht zufrieden mit den Katzen, dem Garten, dem autistischen Cousin.

Der Möbelwagen ist vor einer Woche gekommen, viel war es ja nicht. Die Betten für die Kinder, eine Spende der Kirche. Das Bett der Mutter – aus dem Heilsarmeebrockenhaus. Ein Tisch, drei Stühle. Ein paar Kleiderkisten, deutsche Bücher, zusammengewürfeltes Geschirr, Abschiedsgeschenke mit Schweizer Kreuzen.

Warum sie kurz vor der Einbürgerung der Kinder zurückgehen?

Schwester und Familie gehen auch zurück. Die Unterstützung würde wegfallen. Wie als Alleinerziehende die Nachtschichten, wie die Wochenenden im Beruf bewältigen? Mit zwei schulpflichtigen Kindern! Die Tagesstätte ist zu den Arbeitszeiten einer Pflegerin geschlossen.

Und diese Schule! Von Februar bis Juni wurden keine Aufgaben mehr korrigiert, keine Tests geschrieben. Worauf die letzten Noten gründeten, hat keiner verstanden. 80% Migrantenkinder bedeutet auch 80% Migranteneltern. Sie haben keine Ahnung, was zu tun ist, was gut und richtig wäre, sie haben ja keinen Vergleich, nur so ein Gefühl und niemals, niemals Zeit sich zu befassen. Und die Schweizer schicken ihre Kinder in Privatschulen, ja, manchmal gar die Kroaten, wenn sie Zahnarzt sind. Mit wem sollte man sich da zusammentun?

Die Landschulwochen waren schön, die Jugentreffs wunderbar, das Bad, die Eisbahn! Die Schlittschuhmiete billig! Aber diese Schule? Dann noch lieber Kroatien ohne Schlittschuhe. Still sitzen und büffeln.

Wir haben viel gelernt von euch Schweizern, über die Demokratie in der Gemeinde, über den Dienstweg „we jede so wett“ und die Zusammenarbeit im Fussballclub. Wir sind dankbar für diese Jahre in diesem Land in Frieden. Aber eure Schule, nein, die tauschen wir gerne. Nun lernen die Kinder halt das neue Kroatisch von nach dem Krieg und Physik und Chemie – sicher vieles, was man nicht zum Leben braucht, aber besser als gar nichts! Und wenn alles gut geht, spielt der Grosse bald bei Enka Osijek.

Möge Gott euch Schweizer beschützen, wir werden an euch denken. Und das Berndeutsch, ne-neei, das vergessen wir nie.

Im Stephansdom stehen magere Putzmänner auf hohen Leitern und saugen den Staub von der Decke. Sie sind aus dem Osten, wahrscheinlich aus Polen, und sie tragen keine SUVA-Schuhe (CH-Sicherheitsschuhe). Möglich, dass bei dieser Gott gefälligen Arbeit in luftiger Höhe auch gar keine Unfallgefahr besteht. Mit dem Pinsel müssen die Heiligenfiguren vom Russ der Kerzen befreit werden. Wenn Benedikt XVI vom 7.-9. September Wien besucht, muss die Reinigung vollzogen sein. Nicht, dass der Papst Zeit hätte, jedes steinerne oder hölzerne Kuttenfältchen zu inspizieren, aber den Videowalls wird nichts entgehen!
(Aus einem Telefongespräch mit meiner Schwester Rosy in Wien.)

Gereinigt wird übrigens jedes Jahr, nur heuer aus besonderem Anlass, vorgezogen. So gerne ich in Wien Heilige mit Pinsel putzen würde, ich wäre zu schwer. In der Regel wird man ja in diesen Kreisen nach dem Wägen als zu leicht befunden, aber es gibt auch hier Ausnahmen ;-)

Heute ist eine grauhaarige, mittelgrosse Frau auf mich zugekommen, sie hat ausgesehen wie viele andere alte Frauen, aber sie war angezogen wie vor fünfzig Jahren. Sie hat gefragt, ob ich “ein Buchzeicheli wett?” Ich habe natürlich ja gesagt. Auf den ersten Blick sah das Buchzeichen aus wie irgend ein Thunerseekitsch. Ich hatte noch einen Stöpsel im Ohr und dachte überhaupt nicht an Mission. Als ich das Buchzeichen dann genauer anschaute, sah ich, dass die Rückseite voll war mit unvollständigen frommen Sätzen. Das Buchzeichen sieht alt aus und ist selbst gebastet, irgendwie rührend :

Buchzeichen von Jesus Buchzeichen von Jesus 2. Seite

Er wurde 1970 im Südlibanon geboren. Zwischen 1983 und 1995 erlebte er hautnah Krieg. Sein Körper weist drei Schussverletzungen auf. Elf Geschwister leben noch. Der 41jährige Bruder sitzt seit 23 Jahren bei den Israelis im Gefängniss. Nein, besuchen könne er ihn nicht. Sähen die Libanesen ein israelisches Visum in seinem Pass, sässe er zehn Jahre in Haft.

Ich warte auf den Rückruf seiner Sozialarbeiterin, respektiv deren Stellvertreterin, denn sie weilt bis Ende August in den Ferien. In meiner Abwesenheit belästigte er wieder unsere BlockbewohnerInnen. Er will einfach immer Geld und schwört, es zurück zu geben. Mit seinen glaubhaften Begründungen erbettelte er sich schon tausende von Franken – Schulden. Er akzeptiert kaum ein “nein”, ist aber noch nie gewalttätig geworden. Höchstens küsst er Stirnen und Hände oder hält Füsse fest umklammert, um auch diese zu küssen. Er stellt auch schon Mal seinen Fuss in die Tür. Viele geben ihm Geld, weil sie sich dadurch Ruhe vor ihm erhoffen; weit gefehlt. Die Kinder und die verschleierten Frauen haben grosse Angst vor dem langen unheimlichen Mann.

Zwei Mal am Tag holt er sich in unserer Apotheke seine Medikamente: Xanax, Zebreska, Valium und drei weitere, die ich nicht kenne. Therapien wurden allesamt mit der Begründung abgebrochen, er halte sich an keine Abmachungen und sei Therapie unfähig. Er ist wirklich sehr vergesslich, nervös und distanzlos. Er kommt den Leuten viel zu nahe und schlägt sich am Türrahmen und allen anderen “Hindernissen” an.

Er hat mehrere Anzeigen wegen Belästigung und Diebstahl. Seine in Dubai im Sterben liegende Mutter wünscht sich nur eins: dass er heiratet und Kinder macht. Deshalb hat ihm seine Familie eine Frau organisiert, die anscheinend in einem Monat und zehn Tagen in die Schweiz eingeflogen wird. Sie spräche Französisch, Italienisch und Englisch und mit ihr würde er geheilt. Auch sein rauschender Tinitus würde nach der Hochzeit verschwinden. Bei einem seiner Brüder war das auf jeden Fall so – er schwoort mann.

Südlich von Montélimar sind die Franzosen faul, richtige Faulenzer, die nichts können ausser Geld zählen und Sonne und Meer verkaufen. Wenn er „nichts“ sagt, dann meint er mehr als nichts, „zéro, zéro“.

Joseph, „Gärtner-Elektriker-Mauerer-Schreiner-Monteur“ auf dem Campingplatz, formt mit Daumen und Zeigefingern zwei Nullen. Diese Faulpelze wollen sich in drei Monaten ein gutes Leben für ein ganzes Jahr verdienen. Sie fahren deutsche Autos, weil ihnen die einheimischen Erzeugnisse nicht gut genug sind und scheuen jede Arbeit wie der Teufel das Weihwasser. Deswegen stellen sie die Landsleute von nördlich von Montélimar an. Ohne diese Frauen und Männer – ja, oft ganze Famlien samt Grossmüttern – würde der Tourismus hier zusammenbrechen.

Und ohne den Tourismus wären die Südfranzosen aufgeschmissen, weil sie nichts können, weder backen noch kochen und auch sonst kein Handwerk. Nimm ihnen die Gastarbeiter und Nordfranzosen weg und sie werden verhungern oder schneller noch verdursten. Aber so lange die Nachfrage nach Sonne und Meer besteht, müssen sie halt selber niemals einen Finger rühren.

„Aber die Pferde- und Stierzucht, die können sie doch?“ wende ich ein. „Nein, auch davon verstehen sie nichts,“ ein Touristenmärchen sei das, meint Joseph.

Joseph weiss, was Arbeit ist. Als eines von zehn Kindern einer lothringischen Familie stieg er mit sechzehn Jahren erstmals in die Grube, kam dann als Holzfäller und Bauarbeiter Richtung Süden. Nun arbeitet er seit sieben Jahre auf dem Campingplatz für 1500 Euro im Monat. In der Hochsaison hat er 12-15 Stunden täglich zu tun, aber im Winter ist es ein Halbtagsjob. Er hat keine Frau, ist ein freier Vogel, aber sicher nicht vom anderen Ufer – Gott bewahre! Der Bordellbesuch ist budgetiert, immer 200 Euro, das klappt einwandfrei, und niemanden muss er anrufen oder gar anlügen. Das Leben ist schön!

Nun macht er das noch zwei Jahre bis zur Pension, dann kauft er sich einen Camper. Sein restliches Leben will er an warmen Orten verbringen, nie mehr zurück in die Grube, sondern „immer der Sonne nach“.

Wir haben auch Ferien von den grossen Zeitungen. Die Weltpolitik kommt hier höchtens als Spot vor. Wir sind eingetaucht in die Region der Kleinstereingnisse, in Nîmes, Uzès und Camargue.

Am 11. Juli im „Midi Libre“:

In Aubais haben Arnaund und Amandine ein Tierheim eröffnet. Die „Pachas à quatre pattes“ ruhen sich auf kleinen Bettchen und in winzigen Iglu-Zeltchen aus, werden von den Pflegeeltern gehätschelt und nach allen Regeln der Kunst von Flöhen und Langeweile verschont.

In Nîmes demonstrieren die Schülerinnen des Lycée Daudet gegen die Ausschaffung von Dhiego Teles Da Silva nach Brasilien. Gegen Mittag fällt ein Hund in den Kanal. Ein Spaziergänger wirft sich sogleich („aussitôt jeté à l’eau“) ins Wasser, um ihn zu retten. Hund kommt ohne Hilfe an Land, Mensch wird von der Feuerwehr aus dem Kanal gefischt.

In Uzès beginnen die „Nuits musicales“ mit Werken von Mozart, Scarlatti, Bach und Vivaldi. Das Orchester ist aus Lausanne angereist.

In Saint-Quentin-la-Poterie ist Darcy J. Sears zu Gast, eine Keramikerin aus Kalifornien. Bei einem „Petit déjeuner“ kann man sie kennenlernen.

In Baucaire werden acht jüdische Überlebende mit der Ehrenmedaille der Stadt ausgezeichnet. Sie gehörten zu den Flüchtlingen auf der „Exodus“, welche vor 60 Jahren vor der Küste Haifas von den Engländern festgehalten wurde. Erst ein Hungerstreik machte die politische Situation unangenehm genug, dass man die Flüchtlinge in Palästina an Land liess. Unbill hat die Einwohnerinnen von Baucaire heimgesucht: Ihr geliebtes Wahrzeichen, der Bronzestier Goya von Baucaire, wurde von Vandalen einseitig enthörnt.

In Saint-Gilles wird für die Seniorinnen des städtischen Betagtenheims ein Grillfest auf der „Manhade Bilhan“ organisiert. Die Alten tanzen glücklich und feiern den 75. Hochzeitstag ihrer Mitbewohner Monsieur und Madame Tessier.

In einem Freundschaftsspiel schlägt die Fussballmannschaft Nîmes die von Arles 2:1 im Stade Secondi in Manduel.

In Montpellier arbeiten 350’000 Bienen, deren Körbe auf einem Hoteldach stehen. Diese produzieren speziellen Honig aus den Blüten der Parkanlagen der Stadt. 2009 wird der Weltkongress der Bienenzüchter „Apimondia“ hier stattfinden, unter anderem weil die urbanisierten Bienen weltweit auf grosses Interesse stossen.

Am Ende finden sich noch zwei kurze Berichte über das Weltgeschehen: Der Sarkozy-Besuch in Algerien und die Kämpfe um die Rote Mosche in Islamabad.

Und was wäre „Midi Libre“ ohne Zizou? Auf S. 9 der Sportbeilage kommt er endlich! Zusammen mit dem Amateur-Rugby-Spieler Guillaume. Dieser traf Zidane bei einem TV-Spot-Dreh in Madrid und hat ihm eine erste Rugby-Lektion erteilt. Wer weiss, was uns hier noch wartet.

Er schenkte seiner albanischen Nachbarin einen Tisch. Sie stellte den Tisch in den Veloraum vor die Tür zur Waschküche. Die Leute reklamierten, aber sie verstand nicht, was diese von ihr wollten. Der Verwalter rief bei ihm an und verlangte, dass er den Tisch wegräume. Er sagte, dass das gar nicht mehr sein Tisch sei, ging zu ihr und erklärte ihr in Albanisch, warum der Tisch nicht vor der Waschküchentür und dem Fahrradständer stehen bleiben könne. Daraufhin schleppte sie drei Matratzen in den Keller und legte sie zusammen mit anderem Gerümpel auf den Tisch. Nun hat er den Tisch mit eigenen Händen in die Sperrmüllsammlung getragen, so dass seine Finger ganz blau wurden. Er bezahlte auch die fünf Franken Entsorgungsgebühr. Das machte ihm nichts aus, aber mit den Matratzen will er nichts zu tun haben.
Er will nur, dass sie endlich Deutsch lernt!

Fallbeispiel am Podiumsgespräch “Forum Bethlehem” von heute Abend, dargelegt von einem jungen Albaner. Es ging darum, Ideen zu entwickeln, wie das schlechte Image von Bern-West verbessert werden könnte. Mit in der Runde dikutierte auch 2nd2nd, female, während 2n2nd, male Kleinesmädchen mit Zahnschmerzen geduldig betreute.

Also, eines Tages – das war im Januar gewesen – sei der Chef gekommen und habe gesagt, auf den Ersten Ersten des kommenden Jahres werde umsgestellt. Auf den Computer.

Er selber habe noch so gemurmelt, das sei doch nicht dem sein Ernst, aber das war es dann eben schon. Wer nicht wolle, könne gehen. Wer aber wolle, bekomme alle Bildung, die dazu nötig sei.

Jawohl, das sei dann auch wieder das Gute gewesen an der Insel. Zwar war man ganz unten, aber der Chef, der vergass einen nicht. Kein Weihnachtsessen und keine Bildung in der Insel habe je ohne die Magaziner stattgefunden. Das wiederum sei keine Selbstverständlichkeit, viele hätten noch kurz vor der Pensionierung umstellen müssen auf den Computer ohne dass denen jemand geholfen hätte. Kein Wunder, wenn sie dann nicht zSchlag gekommen seien mit der Maschine.

Also man habe ja immer schon mit Maschinen gearbeitet, das war ja nichts Ungewöhnliches. So mancher habe sich schnell auf noch viel grösser Maschinen einstellen müssen. Aber dann sei es eben für zwanzig Jahre gewesen, unter zwanzig Jahren habe sich ja keine Maschine amortisiert. Aber der Computer! Der sei vielleicht schon nach zwei Jahren ein anderer geworden. Jedenfalls habe er die Umstellung mitgemacht und es nie bereut. Im Gegenteil, er habe gesehen, dass das nicht stimme mit dem Hänschen. Was in ein altes Hirn noch alles reinbringe, das habe ihn schon erstaunt.

Nun, diesen Nachmittag sei er auf der Nationalbibliothek gewesen, mit der Seniorengruppe. Und da sei ja mit den Magazinern genau das Gleiche passiert wie in der Insel. Aber eben, jetzt sei das ja auch alles in den Computern und man habe sich daran gewöhnt. Es sei schon gäbig, wie schnell man jetzt die alten Vereinsblättli finde. Aber es sei noch nicht ein jedes aufgenommen. Das ginge wesentlich länger als bei den Medikamenten und Schürzen und Tassen und Schläuchen in der Insel, das sei ja kein Vergleich. Jetzt müssten die noch anbauen. Ja, ja, wer denke, der Magazinerberuf sei keine Herausforderung, der trumpiere sich.

(Erfahren am 14. Juni 2007 im Treppenhaus.)

So richtig jemand war eine Hausfrau in den Sechziger Jahren, wenn sie ein Service aus der Manufaktur “Rössler” besass. Dieses währschafte Geschirr, heute ein Sammel- und Kultobjekt, gabs in verschiedenen Farben. Die Vornehmeren wählten meist Blau, die Bauern auf dem Land schworen auf Braun.
Als Meieli zu Walter auf den Hof zog, schenkten die Schwiegereltern der jungen Frau ein braunes Rössler. Die Jahre gingen dahin, in denen Meieli für ihre Familie und die Schwiegereltern den Tisch mindestens dreimal im Tag mit diesem unverwüstlichen Geschirr deckte. Neben der Arbeit hatte sie nicht viel zu sagen, rissen die Schwiegereltern doch auch die Erziehung der Enkel an sich. Walter liess nach langem Werweisen im oberen Stockwerk eine Küche für seine Eltern einrichten. Diese zogen, beleidigt bis zornig weg vom gemeinsamen Tisch.
Das Kafi-Geschirr von Rössler nahmen sie mit.
Nun sind die Schwiegereltern gestorben, die Enkel längst erwachsen und Meieli und Walter gesundheitlich angeschlagen.
Aber sie sind wieder vereint: Tassen, Kännchen, Schüsseln, Platten, Teller.
Nach siebenunddreissig Jahren öffnet Meieli den braunen Küchenschrank und schaut zufrieden auf sein braunes unversehrtes Rössler – ohne Groll.

Der Teamleiter kauft in der stadtbekannten Bäckerei frische Gipfeli für die MitarbeiterInnen. Die Verkäuferin schichtet die noch warme Ware in Papiersäcke und packt noch drei Gipfeli gratis dazu:
“Sie werden beim Abkalten noch ein bisschen einfallen.”
Wer mit der Karte bezahlt, bekommt einen Apfel gratis. Die KundInnen-Freundlichkeit wird noch weiter getrieben: Sogar beim Kauf von nur einem Buttergipfel kann man die Karte zücken und bekommt den Apfel.
Es wird eine vergnügte Kaffee-Pause nach einer pünktlich beendeten Sitzung. Lachend stellen wir uns die Seiten langen Bankauszüge am Ende des Monats vor, nachdem wir jeden Tag unser Znüni, Fr. 1.60, mit der EC-Karte bezahlt haben.
Und erst die Körbe voll Gratis-Äpfel …!

Bern am Nachmittag

ökologisch, hilfsbereit und …

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(more…)

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