Totalsanierung


Hassan will sich selbständig machen und ins asiatische Take-away-Geschäft einsteigen. Ein Lokal dafür hat er bereits gemietet. Für die Mitarbeitenden ist ein Klo mit Lavabo vorgeschrieben. Wäre vielleicht bei einer Haussanierung etwas Brauchbares zu finden? Hassan fragt seinen Freund, den Hausmeister. Dieser kennt einen Bauarbeiter, welcher im Moment verantwortlich ist für das Herausreissen der sanitären Anlagen in einem Block. Sobald das Gesuchte in gutem Zustand auftauchen sollte, werde der Mann vom Bau sich melden. Der versprochene Anruf kommt. Die beiden Freunde machen sich auf zum Bauplatz. Hassan hat Höhenangst und mag nicht in den Baulift steigen. So fährt der Hausmeister an der Aussenwand hoch und wird vom Arbeiter in die Dachwohnung im 13. Stock geführt. Trennwände, Küche und Decken sind bereits rausgerissen. Kloschüssel und Lavabo kann der Hausmeister mitnehmen.
Bevor er die Wohnung verlässt, filmt er sie mit seinem Handy.
“I ha fasch müesse gränne,” erzählt er mir später.

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In der Familien gibt es kleine Geschichten, welche durch Generationen immer wieder erzählt werden. Hier eine, an welche ich in der vergangenen Woche oft gedacht habe.
Meine Mutter war eine kämpferische Frau. Das machte sie bei vielen nicht besonders beliebt. An ihrem Grab standen diejenigen, für welche sie sich ständig “in die Nesseln gesetzt” hatte. Als sie dem Verpächter auf die Schliche kam, dass dieser im Vertrag die Fläche des Pachtlandes nach oben “korrigiert” und den Zins jahrelang dafür eingestrichen hatte, sagte sie “Lugihung” zu ihm. Dummerweise war auch der Notar zugegen, welcher die Beschimpfung bezeugen musste. Meine Mutter erhielt eine Busse von 100 Franken. Das war zur damaligen Zeit ein Vermögen, und sie hätte das Geld “anderweitig” gebraucht. “Das reut mich nicht, ich habe es diesem Lugihung gerne bezahlt”, sagte sie bis ins hohe Alter und freute sich jedes Mal köstlich in der Erinnerung an das Gesicht des Beleidigten.
Diese Geschichte und noch einige mehr haben mich geprägt. “Lugihung” sage ich kaum noch. Meine letzte ausgeteilte “Beschimpfung” liegt 17 Monate zurück und kam aus der Pflanzenwelt. Ich habe jemanden “junge Trübu” genannt. Das war gar nicht gut! Meine ganze Familie wird dafür bestraft, indem wir bei einer Hausverwaltung keine Wohnung mehr bekommen und auf der “Schwarzen Liste” stehen. Ups … Entsch …
Mit diesem Bericht schliesse ich die Kategorie “Totalsanierung” ab.

Unser Ladenzentrum wurde rundum erneuert, aber die Mieterschaft lässt auf sich warten. Deshalb macht die Hausverwaltung bei allen Mietern eine schriftliche Umfrage, welche Geschäfte wir uns hier wünschten und welche wir regelmässig besuchen würden. Wir überlegen, debattieren, wägen ab.

Den “Optiker” , den “Schuhmacher” sowie den “Bücherladen” könnten wir zwar gut gebrauchen, müssten aber dafür unsere angestammten Dienstleister für Schuh-, Seh- und Geisteswerk verlassen, was für genetisch veranlagt treue Kundschaft wie uns schwer vorstellbar ist.

“Drogerie”, “Reform”, “Teppichgeschäft”, “Kosmetik”, “Schüsselservice”, “Möbelgeschäft”, “Blumenladen”, “Computerladen” und “CD- und Video-Shop” weniger. Hingegen könnte dieser oder jener aus unserer Kleinstfamilie den “Sportartikeln”, der “Metzgerei”, dem “Brockenhaus”, dem “Fitness” und der “Unterhaltungselektronik” etwas abgewinnen. Auf den “Kiosk” verzichten wir aus Gründen der Volksgesundheit.

Auf dem Formular gibt es vier Zeilen für eigene Vorschläge und hier überstürzen sich die Ideen: Ein kleines Ricardo-Bordell, wo jeder nach Belieben und Möglichkeit und Wirtschaftslage anbieten und kaufen könnte. Eine weitere Stelle für die kontrollierte Heroinabgabe, die Publikum aus dem ganzen Einzugsgebiet der Stadt ins Quartier bringen würde. Auch der Jagdbedarf und Bootsbau wird ja von der Innenstadt und den Shoppingzentren enorm vernachlässigt und könnte hier neu erblühen.

Wir einigen uns auf die Empfehlung für ein Geschäft, das Publikum von Auswärts anlockt, schliesslich geht es um Aufwertung und darum, der Ghettoisierung entgegen zu wirken. Wir schreiben “Pferde- und Reiterutensilien” und “Tattoostudio”. 3rd, male besteht zusätzlich auf “Bowling- oder Billardcenter”.

Schirennen 1970
(Quartier-Fotoarchiv)

... die Bäume jung und Marlboro noch unschuldig waren.

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Bereits ab dem 5. Januar sollen diese beginnen. Eigentlich wird seit vielen Jahren in meiner Umgebung gerodet. Es ist nicht sicher, dass die Rebe die kommenden drei Jahre überlebt. Einigen der Bauherren scheint sie ohnehin ein Ast im Auge zu sein, obwohl sie Vogelnester beherbergt und den Menschen mit den Wohnungen direkt am Hochkamin den Ausblick verschönert. Er war nur die fehlende vierzig Meter hohe Leiter, welche die Kletterpflanze vor dem Abriss rettete. In Kürze wird ein Kran aufgestellt …
Nach den Rodungen wird in den meisten Fällen sauber geteert und betoniert, was nicht immer auf den ersten Anhieb klappt, wie es die diversen Flickarbeiten an neuen Stufen, neuen Plätzen, neuen Wasserabläufen, neuen Bänken zeigen.
Auch an diesem Gebilde “WederBrückenochDach” wird immer noch gewerkelt. Die Fahrer, welche die Baumaterialien dafür liefern “lachten sich darüber einen Schranz”, wie mir einer selber erzählte.
Im Gegensatz zu mir glauben meine Kinder nicht, dass sich Meister Le Corbusier ob all der neuen Hässlichkeit in seinem Grabe umdreht.
“Sind das Ahorne?” frage ich die Gärtner, welche zwischen zwei Strassen einige Bäume anpflanzen. “Nein, das hier ist ein Liriodendron tulipifera”, kommt es dem einen federleicht über die Lippen, “ein Tulpenbaum”.
He nu, da sind wir wenigstens auch in den Bäumen multikulti.

Es ist nicht anzunehmen, dass das Schriftchen in den vergangenen 130 Jahren oft gelesen wurde. Auch bezweifle ich, dass es in den nächsten hundert Jahren mehr Beachtung finden wird. So gesehen, könnte man es wegwerfen. Mein Auftrag ist zum Glück ein anderer. Ich habe es mit dem Pinsel entstaubt, ihm die umgebogenen Ecken glatt gestrichen, es katalogisiert und in einen säurefreien Umschlag gesteckt, nicht, ohne vorher einen Blick auf ein Stück Berner Sozialgeschichte zu werfen:

Im Laufe des Jahres 1876 hatten, in Folge der Liquidation der 2 Bankgesellschaften für Arbeiterwohnungen in der Länggass und Lorraine, die Mietzinse für derartige Wohnungen, besonders in diesen Quartieren, einen ganz unerhörten Preis erreicht.
In der Länggasse war mit einem Schlage der Miethzins für zwei Zimmer mit Küche von Fr. 300 auf Fr. 400 erhöht worden und in der Lorraine wurde für 1 Zimmer mit Küche Fr. 300 bis 320 jährlich gefordert und zwar vielfach für Lokale wie sie gesundheitsschädlicher nicht wohl gedacht werden können.

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... der Stadt, der Zeitung und der Woche:

Stadt soll Mietern helfen
[... ]Die Totalsanierung von Block A [...] wird zum Thema im Stadtrat: Das Grüne Bündnis (GB) fordert den Gemeinderat in einem Vorstoss auf, sich bei der Genossenschaft Fambau für eine möglichst kostengünstige Sanierung einzusetzen. Die Stadt Bern ist an der Fambau mit einer kleinen Anzahl Anteilscheine beteiligt.

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Frau F. ist in den letzten Monaten sehr gealtert. Trotz ihrer Schmerzen macht sie noch jeden Tag mit kleinen vorsichtigen Schrittchen ein Spaziergängli am Rollator. Falls die Krankenkasse endlich einlenkt, will sie nach Nottu, wo man ihr die alten unnütz gewordenen Medikamente entzieht und sie auf neue einstellt. Erst nachher kann sie sich Sorgen machen, was mit ihr geschieht, wenn man die Wohnung “aushöhlt”. Sie ist ganz verzweifelt darüber, dass so viele Alteingesessene dem Quartier den Rücken kehren. Sie fühlt sich allein gelassen. Seit gestern sei der Schuss draussen, dass die Caritas die leer gewordenen Wohnungen zum vollen Preis miete und während der Totalsanierung darin Asylbewerber unterbringe. Denen mache Lärm, Schmutz, fehlende Heizung und Strom nichts aus. Sie, Frau F. frage sich nur, wie man dann die Leute wieder aus den Wohnungen hinaus bringe. Einfach so auf den Parkplatz stellen könne man die “Asylanten” ja wohl nicht.
Herr M. gesellt sich zu uns. Er seinerseits frage sich, was passieren könne, falls es mit den Banken so weiter gehe und viele, die ihr Geld hier anlegten, dieses abheben? Er habe vorsichtshalber seines schon weggenommen. Man könne nie wissen in diesen unsicheren Zeiten, plötzlich sei “die Hütte ausgehöhlt” und kein Geld mehr da für Parkett und Glaskeramik.
In diesem Fall hätte man dann wenigstens die Asylbewerber.

In der Kündigungs-Bestätigung der Verwaltung mit dem freundlichen Namen steht:

“Der Termin für die Wohnungsabgabe ist mit uns rechtzeitig zu vereinbaren. Auf diesen Zeitpunkt hin sind sämtliche Mietobjekte gemäss den Bedingungen des Mietvertrages instand zu stellen. Wir werden uns vorgängig bei Ihnen melden um abzuklären, ob nach Ihrem Auszug allfällige Renovationen gemacht werden müssen.”

In wenigen Monaten werden die Wohnungen rausgerissen, vorher müssen sie instand gestellt und renoviert werden. Alles muss blitzblank sein, wenn die Betonbeisser, Fugenschneider, Steinzangen und Abbauhämmer auffahren. Die Badewannen, Lavabos und die Wasserhahnen werden nur poliert in die Mulde gekippt. Auch die WC-Spülkästen sind, laut Beiblatt, zu entkalken. Der Mieter haftet u.a. für fleckenlosen Kochherd und aussen wie innen geputzte Doppelglasscheiben.

Dass der abgängige Mieter bei dem “mit ihnen” rechtzeitig vereinbarten Termin sauber gekämmt sein wird, versteht sich von selbst.

und Besucher

Schön, Sie alle hier zu haben. Wohl aufgrund dieses Artikels im heutigen Bund, der blogk als “Plattform für Gäbelbachbewohner” zitiert.

Das ist jedoch einfach ein Weblog einer Familie, die im Gäbelbach aber auch in anderen Blöcken von Bern-Bethlehem wohnt. Es geht hier ganz allgemein um Freuden und Leiden im Alltag und ab und zu um eine Prise Gesellschaftskritik. Die Beiträge, die sich mit der Sanierung des entsprechenden Gäbelbachblocks befassen, finden sich in der Rubrik “Totalsanierung”.

Wenn wir gerade beim Thema sind: Schön für die Verwaltung, dass die Nebenkosten im Artikel nicht vorkamen. “Inklusive” sehen die heutigen Mietzinse nämlich anders aus. Wir haben uns damit abgefunden, weil mehr Heizung bei zunehmendem Durchzug eine gewisse Logik hat. Dass die Nebenkosten gemäss Dokumentation der Verwaltung nach der Sanierung gleich bleiben, erstaunt keinen mehr.

Ich gebe es zu: In diesem Blog wird der Eindruck vermittelt, dass im neuen Stadtteil nicht alles was glänze Gold sei. Gerne lasse ich hier auch einen der zahlreichen Festredner sprechen, welcher mit seinen ergreifenden Worten ein bisschen Sonnenschein in einen strömenden Regentag zauberte.

Herr Thomas Balmer, Präsident Baugenossenschaft Brünnen-Eichholz hat das Wort:

“Brünnen, das ist mehr als eine Überbauung – Brünnen ist ein Gefühl, eine Vision, die sich heute umsetzt. (...) Eine Siedlung braucht eine Seele, damit es den Menschen nicht als Schlafstätte sondern als Lebensraum, als Daheim, dient. Diese Seele soll sich entwickeln, damit Brünnen lebt. Wir hoffen, dass unsere Bemühungen, unser sorgfältiges Planen und unser Streben, Brünnen zu etwas Besonderem zu machen, diesen Funken zünden lässt und sich eine Überbauung entwickelt, deren Bewohner mit Stolz sagen: “Ich bin ein Berliner” “Ich wohne in Brünnen!”

(Aus: Wulchechratzer, Jg. 46, Nr. 9, 18 Sept. 2008)

Aha-Erlebnis meinerseits:
Nun weiss ich endlich, weshalb die Schlaf-Zimmer in den neuen Häusern so eng sind. “Es” soll nicht als Schlafstätte dienen und ich hoffe für alle Seelen, dass sie sich nur dem Platz entsprechend entwickeln. Sollten eine Seele oder ein Funke aber zu gross werden, geben wir ihm, solange ich noch hier bin, in meinem etwas herunter gekommenen Quartier gerne Asyl.

In strömendem Regen wird das neue Wohnquartier in Berns Westen eingeweiht. Wer schon vom ersten Spatenstich an zur Prominenz gehört, ist im Besitz eines grossen schwarzen Schirms mit dem Aufdruck “West side” und hat deshalb nur mit dem ungeeigneten Schuhwerk zu kämpfen. Gekommen sind Interessierte aus der ganzen Stadt und der Agglomeration, um das neue Angebot an Miet- und Eigentumswohnungen zu besichtigen.

Neuer Wohnraum

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Ehrlich gesagt sind wir ein bisschen muff, denn niemand, niemand berichtet über uns. Dabei sind wir ebenso nigelnagelneu wie das Libe Kind “Westside” und das “Bernaqua”, über welche nun in jedem Käseblättchen geschrieben wird. Zugegeben, auf den ersten Blick sind wir Treppen einander ähnlich. Es lohnt sich aber, einen zweiten zu wagen und man wird sehen: jede von uns ist anders, seis in der Höhe und Anordnung der Stufen, der Lage, der Beleuchtung, der Zusammensetzung des Betons oder des begleitenden/fehlenden Handlaufs. (Handläufe, hier “Stägegländer” genannt, verschandeln die junge dynamische Architektur und verleiten die Jugend zu üblen Spielchen auf Skateboards/Inline Skates). Unser gemeinsames Ziel ist es, die Quartierbewohner hinauf zu führen auf die Ebene des Konsums, d.h. zum Coop-Laden und dann ein paar Meter weiter zum grössten Konsumtempel der Schweiz. Im Moment beklagen sich die Leute noch über uns, stöhnen, stolpern, schnaufen übel, besonders, wenn sie einen Rollstuhl oder Kinderwagen über die Rampe hinauf schieben müssen. In einigen Monaten, wenn die Fitness steigt, Gewicht, Blutdruck und Cholesterin runter gehen, wirds auf unseren Stufen einen Ansturm geben. In den nächsten Tagen werden wir auf individuellen Tafeln unsere ganz persönliche Schwierigkeitsskala “Freiklettern” präsentieren.
Wir sind stolz darauf, ein echtes Prix-Garantie-Fitnessprogramm anbieten zu können und hoffen, dass die Lifte weiterhin mangelhaft funktionieren.

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Am kommenden Samstag wird das neue Quartier in Bern-West eingeweiht und dazu auch der neue Coop-Laden am neuen Ansermet-Platz, schräg gegenüber dem neuen Le-Corbusier-Platz, vis-à-vis dem neuen “brünnen leben”-Quartier. Neben Asprachen gibt es u.a. einen “Grossen Brünnen Wettbewerb”, bei welchem ich besonders den 2. Preis interessant finde: ein hochwertiges Zelt für vier Personen.

Anlieferung in Eile

Heute hat man im neuen Laden die neuen Tablare der neuen Gestelle aufgefüllt. Milch floss dabei in Strömen, und den Honig haben sie uns auch versprochen.

Obwohl sich der Verdacht erhärtet, dass die im vorherigen Beitrag erwähnte Verwaltung eine Studie in Auftrag gegeben hat, welche zum Schluss kommen musste, dass ein Marktsegment für Blockwohnungen nach Wohlstandsideen besteht, werden wir neben himmelschreiendem Unrecht auch einige geldverschlingende Fehler dokumentieren können, bevor wir alle umziehen. Deswegen die neue Kategorie.

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