Von hier nach dort


Der Selbstgebrannte hat sie wohlbehalten durch den Winter gebracht. Die beiden Brüder sitzen wie im vergangenen Jahr unter den Platanen der Avenue Frédéric Mistral auf Klappstühlen an ihrem Verkaufsstand. Luly ist der Schnitzer. Bei seinen Streifzügen durch Tümpel und Salicornien entgeht ihm kein Schwemmholz, sei’s ein ausgebleichtes Ästchen oder eine bauchige Wurzel, woraus er einen Vogel erlösen kann. Schnepfen, Pieper, Läufer, Sänger, Pfeifer und Schnäbler, ein Wiedehopf oder eine Ente entflattern später den leblosen Stecken. (In der Jagdsaison bringt er gerne eine fette Ente oder einen Fasan zur Strecke.)
Befestigt auf einem wackeligen Brett stehen die Gefiederten dann auf dem Flohmarkt, und man wartet darauf, dass sie gleich weg stelzen, fliegen, tauchen. Gerne erzählt Luly die Geschichte vom Schweizer, der ihm gleich die ganze vorrätige Vogelschar abkaufte, um sein neues Haus damit zu dekorieren.
Ich nehme einen kleinen Grauweissen mit etwas Schwarz auf Rücken und Flügeln und einem langen nach oben gekrümmten Schnabel. „Avocette“ schreibt mir Luly mit Kraxelbuchstaben auf einen Zettel. „À l‘année prochaine!“ verabschieden uns die Brüder und ihre Freunde, die den Stand mitbenutzen, um ihre Ware, seien es Äxte, Salben und Trockenwürste an die Kundinnen und Kunden zu bringen oder Bestellungen für Selbstgebrannten aufzunehmen.
Die Blogk-Familienmitglieder kaufen auf dem Puce noch einen Fingerring mit Grille aus Messing, ein Domino mit leicht vergilbten Steinen in einer Holzschachtel, ein signiertes Ölgemälde von Donald Duck im Holzrahmen, ein kleines, gerahmtes Foto in Chamois mit Schäferin mitten in Herde, Wolle an Spindel spinnend, um 1920 im Piemont aufgenommen.

Der Flohmarkt ist ein Markt von Geschichten: alltäglichen, alten, vergessenen, geheimnisvollen.

Heute früh nehmen nur einige Grillen teil am Eröffungskonzert des Tages. Ein fernes Grollen dringt an meine Ohren. Auf dem Campingplatz ist es noch dunkel und still. Ich schlüpfe in die Sandalen und nehme schnell die trockenen Badesachen der Kleinkrähen von der Leine. Der Donner kommt näher, gefolgt von einem heftigen Regenguss.

Beim Frühstück auf der Terrasse schützen uns die Sonnenschirme vor dem prasselnden Nass. Jeder Tropfen Wasser wird hier gebraucht. Der Oleander ist in diesem Sommer besonders prächtig und blüht in allen Farben an Strassen – und Wegrändern und um die Wohnwagen, hier „Mobilhomes“ genannt.
Jahrelang verbrachten wir den Juli in einem Schnaaggizelt – einem Zelt, in welchem hauptsächlich Kriechen angesagt war. Ab 1994 mieteten wir dann ein Mobilhome auf einem Platz mit Pinien, Eukalyptus- und anderen Bäumen, die nichts gegen einen sandigen Standort einzuwenden hatten. Immerhin konnte man in der moderneren Behausung nun aufrecht stehen, auch bei Wind kochen und sich duschen. Ans enge Klo gewöhnte man sich, trainierte beim Aufstehen die Oberschenkel bestens.
Seit Jahren reduzieren wir im Juli die Wohnfläche drastisch, stopfen unsere Kleider in enge Schränke, essen aus ungleichen Tellern und trinken aus zusammengewürfelten Tassen und Gläsern und bürsten nach dem Bad im Meer brav den Sand von den Fusssohlen, damit dieser ja dort bleibt, wo er sein soll.

Gestern war ein sehr heisser Tag. Auf dem Weg zum Schwimmbad pflückten die beiden Jungkrähen Maulbeeren vom Baum hinter dem Restaurant und fütterten damit ihre kleine Schwester – mmm, süsse Beeren vom Dudabaum, bis das Mäulchen ganz schwarz war.

Der Regen hat aufgehört. Am Bahnhof kontrollieren sieben Polizisten in voller Montur die Ankunft des Regionalzuges aus Nîmes, sogar in die hohe Pinie werfen sie prüfende Blicke.
Auf dem ganzen Campingplatz gibt es heute Nachmittag keinen Strom.

Spielen mit nichts

Hinter dem Block haben wir uns nach 200 Metern links gehalten und sind weiter nach Westen bis zum Meer gefahren.

Gegen fünf Uhr früh fängt das Möwenkonzert an, ein unbeschreibliches Gekrächze und Gegacker. Gegen sechs beginnt das Grillengezirpe, eigentlich eher ein Gerassel, eine Art Flügelwetzen zur Probe, dann folgt das Guguugu-Guguugu der Tauben, dazwischen Tschilpen und Zwitschern von kleineren Vögeln. Wer jetzt noch nicht wach ist, wird von der Platzmöwe mit einem lauten Wau-Au-Au aus dem Schlaf kommandiert. Diesen hatte man doch eben erst vor zwei Stunden gefunden. Aber man weiss, jetzt beginnt die kurze schweisslose Zeit, die es zu nutzen gilt mit Lesen, Kleiderbügel aufblasen, Schreiben, Tasche auspacken.
Später wird man damit beschäftigt sein, Kühle und Schatten zu suchen, was daheim viel einfacher wäre.

Osterferien in der Camargue.
Die Kleinkrähen lesen in den alten Lustigen Taschenbüchern, während der kalte Wind um den Wohnwagen bläst. Aus der Schweiz erhalten wir die Schreckensnachricht, dass Notre Dame de Paris brennt und der 96 Meter hohe Spitzturm eingestürzt ist.

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Aus allen Seitengässchen tauchen sie auf, die in Regenkleider verpackten Gestalten mit ihren gestiefelten Winzlingen an der Hand. Die Parkplätze sind « complet ». Eine lange Warteschlange ringelt sich ungeduldig vor dem Eingang zum Sea-Aquarium. Die jungen Katzenhaie werden sich heute nicht über mangelnde Streicheleinheiten zu beklagen haben. Graue Wolken versprechen noch mehr Regen. In den Weinbergen von Listel, die keine Berge, sondern eine sandige Ebene sind, gruppiert sich eine Schar Senior*Innen um ihren Reiseleiter – bunte Regenjacken in hellgrünen Rebstöcken. Vor dem Stadttor fotografieren asiatische Gäste, in durchsichtige Plastikumhänge gehüllt, die Tauben in den Mauernischen und die Topfpflanzen in den Stadtfarben gelb, rot, blau.
Die Flamingos haben sich an den Schilfgürtel des Etangs zurückgezogen. Zwei Graureiher mit Hälsen wie ausgebleichtes Schwemmholz stehen regungslos am Ufer des Kanals. Im Hafen werden die Boote geschrubbt, der Verkehrskreisel bekommt eine neue Gestaltung und die Umleitungen im Städtchen wegen Strassenarbeiten bringen ein bisschen Chaos zwischen Marktstände und Strassencafés.
Die Rösslispielfrau, seit Jahren mit griesgrämigem Gesicht (verständlich, weil chronische Rückenschmerzen), bringt ihr zweistöckiges Karussell für Kleinmädchen in Fahrt. Ich fahre als Begleitung gratis mit.
Zusammen mit den hungrigen Kleinkrähen setze ich mich auf dem Platz vom Heiligen Louis unter einen Sonnenschirm, in dessen Gestänge Heizröhren montiert sind. So wohlig von oben gewärmt essen wir gebratenen Schafskäse auf Salat, Pommes und Zitronenkuchen.

X-mal öffnete ich letzte Woche die Wetterapp der Region Bouche du Rhone: Regen, Wolken, Kälte, nur wenig Sonne. Die Zeitung riet, die Osterferien auf der wärmeren Alpennordseite zu verbringen. Sicher wären unsere Nasenspitzen, hätten wir den Rat befolgt, wärmer geblieben, aber auch über kalte Nasenspitzen lässt sich hinaus sehen.

Tomi Ungerer

Er war eine sehr stolze, klassenbewusste Katze, die sich nie zu so niedrigen Aufgaben wie Jagen herabliess. Er hattte die edle Präsenz einer Pharaonenmumie, als wäre er soeben einer Hieroglyphe entstiegen.
Wir hätten zu seinem Gedenken eine Pyramide bauen sollen.

Tomi Ungerer über seine Birmakatze Heidsieck, in “Katzen”, Diogenes 1997, ISBN 3-257-02063-5.
Foto (1973) aus diesem Buch ohne Angabe des Urhebers/der Urheberin.

Ein kurzes Leben

“Doch – wie die Natur vergehend bleibt bestehen – so wird auch ihre Asche nicht vergehen.”

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Es war ein weicher, himmelblauer Morgen, und die Hitze drückte nicht auf die Trauergäste, denn ein angenehmer Westwind wehte und kühlte die Haut. Die Wipfel der Zypressen, die den Friedhof umgaben, zitterten leicht im Wind. Viele Sommerschmetterlinge flatterten durch die Luft und trugen den Duft der Obstplantagen und einen fernen Brandgeruch mit sich. Ungefähr fünfzig, sechzig Frauen und Männer aus dem Kibbuz hatten sich zur Beerdigung versammelt. Alle in Arbeitskleidung, weil die Beerdigung während der Arbeitszeit stattfand. Sie standen um das offene Grab und warteten.

Amos Oz “Unter Freunden”, Suhrkmp 2013, ISBN 978-3-518-42364-6

Nun sind alle wieder da und der Alltag beginnt sich im Block zurecht zu finden.
Die neuen Stundenpläne hängen an den Kühlschranktüren – die Sommerferien sind endgültig vorbei.
Zahlreiche Familien verbrachten sie in “ihrer Heimat”, in den vom Mund abgesparten, nur wenige Wochen im Jahr bewohnten Dépendancen. Meist sind diese viel komfortabler als die Mietwohnung im Block und – wenn’s irgendwie zu machen ist – sollten sie unbedingt auch besser sein, als die restlichen Häuser im Ort.
“Seid ihr gut heim gekommen?” frage ich und meine in die Schweiz.

Auf dem Delta traf man Familie Blogk auf ihren beliebten Trampelpfaden, z.B. in der Nähe von Salzbergen, Stadtmauern, Flamingos, Pferden, kühlem Bier, Glacen für die Kleinkrähen und einem grossen Bildschirm: “Allez les bleus”!

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Sie bleibt unvergessen!

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es gibt feinen Kaffee

Das Café an der Avenue Frédéric Mistral. (Es gibt dort auch eine sehr schöne Toilette, von welcher ich leider kein Foto habe.)

Nicht nur die Abstände zwischen den Vollmonden werden bei mir kürzer, auch beim Packen der Reisetasche für die Sommerferien scheint mir, ich hätte doch erst vor Kurzem meine hellschwarzen Shirts, die ausgebleichten Sommerröcke, Foulards und Sandalen eingepackt. Nur an den Büchern und den Kleinkrähen sehe ich, dass doch ein ganzes Jahr dazwischen liegt.
Am meisten Zuwendung bekommt vorher noch der Garten: Johannisbeeren pflücken, Gelée einkochen, Saft einfrieren, die herunter gefallenen Gravensteiner auflesen und Apfelmus kochen, die Stachelbeeren pflücken und einfrieren, die Krautstiele (und die Blätter) blanchieren und einfrieren, die Kefenstauden abräumen, die restlichen Kefen blanchieren und einfrieren, ein bisschen jäten und um die Randenstauden sorgfältig hacken, hohe Pflanzen aufbinden und die Nachbarin, welche sich ums Giessen kümmert fragen, was ich ihr aus Südfrankreich mitbringen kann. Nougat und Salz!

Einen schönen Juli, wo immer Sie auch sind.

Au revoir!

Wahlwerbung

Zu ihm habe ich nie “Alex” gesagt, obwohl ich ihn als Genossen hätte duzen dürfen.
Es muss im Herbst 2004 gewesen sein, als meine Partei eine Wahlveranstaltung im “Sternensaal” organisiert hatte. Ein kalter Tag, das Lokal überfüllt, Wurst und Suppe waren begehrt. An einem langen Tisch scharten sich die Kandidatinnen und Kandidaten um den damaligen Stadtpräsidenten und hatten es ganz für sich lustig.
Kandidat Alexander Tschäppät kam allein, liess den Präsidententisch links liegen und quetschte sich mit einem Teller Suppe, Wurst und Brot auf eine Bank mitten unter die Stimmbürgerinnen und -bürger. Es dauerte nicht lange und man war in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Später stand der Kandidat auf und trat zu einer Gruppe Jugendlicher aus Bern West. Auch dort schien er den Ton zu treffen. Nach kurzer Zeit sass auf den jungen Schöpfen ein Hut mit der Aufschrift “Tschäppu”. Während die restlichen Kandidierenden sich um einen guten Wein versammelten, hatte Tschäppu seine Kampagne schon fein gestartet. (Im November wurde er dann mit über 60% der Stimmen zum Stadtpräsidenten gewählt).
Obwohl er ab und zu auch gut sichtbare Fettnäpfe übersah, bleibt er für mich der “Stadtpräsident”.

Adieu, lieber Alex. Ich werde dich vermissen, auch wenn ich dich im Leben nie geduzt habe.
2nd, female meint: “Zum Glück isch YB vorhär no MeYschter worde!”

Zwei alte Beiträge aus blogk zu Ehren des Stadtpräsidenten:

Stiller Held im Herbst, 20.10. 2007

Bubentraum, 31.01.2008

Jura 11

(Bei der Chapelle de la Bosse)

Nicht, dass ich besonders begeistert war, als meine Tochter letzten November für die kommenden April ein Häuschen in den Freibergen mietete – und erst noch in einem Reka-Dorf.
Als Alleinerziehende wurde ich früher oft von Müttern gefragt, ob ich nicht in Reka-Ferien mitkommen möchte. Das sei so erholsam. Es gebe viel gemeinsames Spielen, Basteln, Essen, Wandern in schöner Natur. Die Kinder seien sinnvoll beschäftigt und wir Mütter hätten Zeit zum Plaudern, Lesen, Jassen, Diskutieren usw. Man schenkte mir Reka-Bons zu Geburtstag und Weihnachten, und ich hatte oft Mühe, nett Nein zu sagen, denn solche Mutter-Kinder-Ferien stellte ich mir grauenhaft vor.

In diesen Frühlingsferien werde ich von meiner Tochter eingeladen: in die Freiberge in ein abgelegenes Nest zwischen Tannen und Pferdeweiden. Besonders die Kleinkrähen freuen sich, dass ich mitkomme und ich wage nicht, mich nicht auch zu freuen. Ich rede mir ein, dann auch gleich eine geografische Bildungslücke stopfen zu können. (Franche Montagnes, was ist das? Wo ist das?)

Bei klarem Wetter sehe ich von meinem Balkon aus die jurassischen Hügelzüge. In der Schule erklärte uns der Lehrer wie der Kettenjura entstand. Dazu schob er das kreideverschmierte Handtuch längsseitig zusammen.

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Osten

... die rot gestrichelte Linie ist die Mauer oder auch “Staatsgrenze” genannt. An der Kerbe (Spitze des Kugelschreibers) vorn in Hohenschönhausen Berliner Strasse, heute Konrad Wolf Strasse ist der Opa am 22.01. in einer Urnenbüchse beigesetzt worden. Urnenstelle 6-27.

Die Postkarte samt Todesanzeige schickte uns der Rentner Bernhard F. aus Westberlin. Sein Freund Robert, Opa genannt, wohnte in Ostberlin und hatte mit seinen über 80 Jahren eine Reiseerlaubnis in den Westen. Meine Töchter und ich lernten die beiden Männer 1984 bei einer Schifffahrt auf Spree und Landwehrkananl kennen. Sie wussten viel über die beiden Teile der Stadt zu berichten. Als wir wieder in der Schweiz waren, schickten sie neben Briefen und Postkarten manchmal auch ein Buch, ein Magazin, einen Zeitungsartikel oder eine Infobroschüre für westliche Touristen in Ostberlin. Ab und zu reiste auch ein Berner Schoggi- oder Lebkuchenbär nordwärts, sehr zur Freude von Opa Robert und Rentner Bernie.

Aus aktuellem Anlass habe ich heute in meinem Archiv gestöbert.
Hier ein paar Fotos aus den 1980er Jahren:

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In der vergangenen Woche wurde ich mehrmals gefragt, ob meine Enkelkinder und ihre Eltern gesund und zwäg aus den Herbstferien zurück gekommen seien.
Wahrscheinlich erzählte ich auch ausserhalb von blogk.ch, dass ein Teil meiner Familie ausgeflogen sei. “Hätte sie sich doch gemeldet und gesagt, dass sie alleine ist. Man hätte dann etwas abmachen können,” meinten einige Leserinnen und Zugewandte. Das finde ich wirklich lieb. Danke!

Man liess mich zum Glück nicht ohne Nachrichten aus dem Kosovo. Hier eine kleine Zusammenfassung:

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