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sind die Eltern von Kindern in Privatschulen (unter anderem auch), wenn ihre Sprösslinge keinen Platz auf der „Ferieninsel“ finden. Denn in den Genuss dieser Tagesbetreuung während der Ferien kommen in erster Linie Kinder der öffentlichen städtischen Schulen.
Das findet CVP-Stadtrat Daniel Kast nicht gerecht, da ja alle Eltern mit ihren Steuern die „Ferieninsel“ mit bezahlen. Edith Olibet, Direktorin für Bildung, Soziales und Sport, ist sich dessen bewusst, dass Kinder aus privaten Schulen nur noch nehmen können/dürfen was an Plätzen übrig bleibt, sieht darin aber keine Diskriminierung:
„Es ist der Entscheid der Eltern, wenn sie ihre Kinder in privaten Schulen unterbringen wollen.“

Das finde ich eine ziemlich starke Aussage, nachdem meine Familie seit Monaten alles Erdenkliche getan hat, um 3rd in der Volksschule zu behalten. Da die öffentliche Schule über keine wirksamen Gegenmassnahmen bei Mobbing verfügt, intelligente, engagierte Eltern und deren Kinder sowieso nicht will, „leben“ die Privatschulen zum Teil von diesen gemobbten Schülerinnen und Schülern.
Längst nicht alle Eltern sind gut betucht, die ihren Kindern, oft nach einer langen Leidenszeit, den Besuch einer Privatschule ermöglichen.

Interessant finde ich, dass oben genannte CVp-Stadtrat, welcher sich für die Gleichbehandlung aller Berner Kinder einsetzt, in einem Schulkreis unterrichtet, in dem Mobbing gang und gäbe ist.
Kann es sein, dass er seine eigenen Kinder auch in eine Privatschule schickt?

Heute gelesen in „20 Minuten“ S. 3, Bericht von Raffaela Moresi

Ich hätte dezidiert ja sagen sollen, als mein Bürokollege fragte, ob mich der Ventilator störe. Acht Stunden umwirbelt zu werden von altem Haus- und Bücherstaub konnte ich noch nie ertragen, ohne krank zu werden. Ventilatoren, möglichst grosse, scheinen Männern besonders zu gefallen. Ich kenne jedenfalls keine Frau, die sich am ersten heissen Sommertag so ein Ding auf den Schreibtisch stellt. Einmal arbeitete ich neben einem Mann, der einen blauen Ventilator in Penisform ins Büro brachte. (Er wurde später aus anderen Gründen entlassen).
Ein Kollege hat sich zusätzlich zu dem auf dem Schreibtisch, auch noch einen Ventilator zu seinen Füssen eingerichtet. 355 Tage im Jahr sind die Ventilatoren damit beschäftigt, einem überall den Platz zu versperren, in oder auf ihren voluminösen Verpackungen.
Ich weiss, ich bin selber schuld, dass meine Augen tränen, mein Hals weh tut und ich huste wie ein Ross. Für solche Fälle hat mir mein Vater seine Taschentücher hinterlassen, gross wie eine Kinderwindel. Ha-ha-ha.hatschi!

Dass ich nun vor meinem Garten ins Tram ein- und zweiundzwanzig Minuten später vor meiner Bürotür aussteigen kann, ist bequem. Seitdem Kartoffelacker und Maisfeld in Berns Westen überbaut sind mit niedrigen Blöcken im Einfamilienhauslook, treffe ich auf meinem Arbeitsweg kaum mehr ein bekanntes Gesicht. Ungestört kann ich Zeitung und Bücher lesen. Allerdings sind auch die Alltagsgeschichten, die tragischen, unglaublichen, skurrilen, fantastischen, weg. Wer morgens auf dem Arbeitsweg seine Ruhe will, hat sie nun. Mir fehlen sie, diese Geschichten, direkt aus dem prallen Leben gegriffen. Nein, weg sind sie nicht. Sie müssen weiter erzählt werden, z.B. in der Quartierbeiz.
In kürzerster Zeit erhält man da ungefragt u.a. eine Zusammenfassung der bös- und gutartigen Gewächse, welche alle auf -om enden. Keine Buchweisheiten, alles erlebt und erlitten in der nächsten Nachbarschaft. Da wird ein langjähriges Om aus dem Kopf einer Frau operiert, ohne ihr im wahrsten Sinne des Wortes ein Härchen zu krümmen. Das Wunderwerk vollbringt ein Schönheitschirurg in einer knappen Stunde. Die Patientin fährt anschliessend mit dem Zug nach Hause.
Oder man entfernt einen Magen, eine Schilddrüse, eine Gebärmutter oder „Du-weisst-schon-was“ bei Hans oder Werner. Zum Glück überleben die meisten. Klar ist es heikel, danach all die Medikamente einzustellen.
Einige der Genesenen sind nach der Krankheit dickköpfig geworden, wollen nicht mehr aufs gut Gemeinte hören, dabei könnten sie sich doch so gäbig günschtig erholen in der kleinen Pension aussersaison in Venedig. Aber nein, da nützt alles Zureden nichts.
Nur die alte Katze von Frau Kessler hat das Zeitliche gesegnet, ist ihrem Herrchen in den Himmel voller Tennisbälle gefolgt. Frau Kessler ist froh und hat das gehasste Tier kremieren lassen. Die reiche Tochter ist extra aus Gstaad angereist und hat das Ürnelchen in Frau Kesslers Garten beigesetzt.
Letzten Samstag wurde Frau Roth auf ihrem nächtlichen Heimweg überfallen und beraubt. Wie oft hatte ihr Ex schon gesagt, sie solle die Beiz früher schliessen und die paar angeleimten Süffel vor Mitternacht spedieren. Aber nein, Frau Roth hat halt ihren eigenen Kopf und die Beiz gehört ihr. Aber das muss sie nun büssen, das Samstagsgeld ist weg, dafür viele blaue Flecke auf Gesicht und Beinen und immer noch keine sachdienlichen Hinweise. Selber schuld.
Wollt ihr wissen, wie ein dubelisicherer Überfall geht? Tatort: Neue Fussgängerunterführung beim Bahnübergang. Mann/Frau schaue auf den Fahrplan, warte im Auto mit laufendem Motor vor der geschlossenen Barriere, hechte kurz bevor der Zug die Strasse überquert, die Treppe hinab in die Unterführung, entreisse einem überraschten Passanten, einer Passantin die Tasche (mit Migroseinkauf oder Geld von der nahen Post/Bank). Der Lärm des Zugs erstickt eventuelle Protestschreie. Dann zurück ins Auto und unter der sich öffnenden Barriere durch nichts wie weg.

Ganz früher hat Frau C. für den General mit der Augenklappe (selber Schuld, Spiegelung des Feldstecherglases und schnelle Reaktion eines feindlichen Schützen) geschwärmt, später noch für den polnischen Elektriker mit Schnurrbart und Friedensnobelpreis. Dann wars mit Schwärmen ziemlich Schluss.
Wie die Frauen so aus dem Häuschen geraten können wegen dieser Schwingerei ist ihr schleierhaft. Krass findet sie, dass Stätderinnen sich neuerdings mit Brunner Monika, Röthlisberger Brigitte, Blatter Katrin vorstellen und nicht mehr mit Monika Brunner, Brigitte Röthlisberger und Katrin Blatter. Familienname zuerst, wie bei den Schwingern, das sei eben urchig, und urchig sei hip. Obwohl d’Manne im Sägemehl Scheiche wie Eiche und einen Muniäcken hätten und man ihnen die Hemdsärmel bei der Hochzeit auftrennen müsse, damit die ganze Kraft Platz habe, zählten die Schwinger zu den Zärtlichen, welche das Sägemehl liebevoll von der Achsel des Gebodigten klöpferleten und ihnen tröstend über den Arm streichelten. Gewaltlos, domestiziert, die strengen Regeln befolgend, ohne Starallüren und Hinterhältigkeit und total volksnaaaaah. Und stehe dann endlich einer nach hartem Brienzern, Buren, Hüftern, Kurzen und Überspringen endlich gekrönt in der Turnhalle auf dem Podium, sei das einfach unbeschreiblich grossartig. Es schade gar nicht, im Gegenteil, wenn der „Mann wie sein Tal“ kaum ein Wort füre brösmele könne. Wenger Kilian (König Kilian I.) sagt nur: ja-eh-liebi-Lüt. So etwas habe frau schon lange schmerzlich vermisst, diese Bescheidenheit und Einfachheit. Frau C. kann sich nur wundern, traf sie doch einige dieser Schwärmerinnen in den siebziger Jahren regelmässig im Frauenbuchladen. Anscheinend ist der schwarze Muni Arnold (Königspreis) nicht ins Diemtigtal zum Fleckvieh gezogen. Er hätte nicht gepasst.
Frau C. wird kein Buch übers Schwingen schreiben. Wahrscheinlich auch deshalb nicht, weil sie einer Familie entstammt, wo der Esstisch unter erschwungenen Preisglocken und -treicheln mit bestickten Lederriemen stand und man andauernd über eine Sporttasche mit feuchter Schwingerwäsche stolperte.

In einigen Berner Schulen hat sich der Elternrat bereits für „Schwingen statt Peace-Maken“ eingesetzt.
Endlich muss doch Schluss sein mit der feminisierten Schule!

Frau C. wünscht König William Kilian I.
alles Gute und besonders eine liebe Frau, die ist, wie das Diemtigtal.

Aus meinen Feriennotizen (31/07/10) zu einer aktuellen Nachricht:

Wenn in den letzten Julitagen zur Fête de la Madeleine* die Stiere durch die Strassen getrieben werden, in den Courses Camarguaises die regionalen raseteurs um die Goldene Palme kämpfen und eine Corrida der nächsten folgt, dann kümmert sich auf dem Delta niemand mehr um die internationale Politik. (Auch die Fussballschlappe wird mit dem Gruss „Viva Espagna“ anstelle von „Bonjour“ lässig abgetan, schliesslich hat OM gegen Catagna 2:0 gewonnen.)
In mindestens 15 regionalen Arenen werden Ohren abgeschnitten, sowohl von ausländischen, als auch von einheimischen Matadoren. Heute eröffnet der Newcomer Alberto Aguilar, noch ein richtiges Bubi, die Fête in Beaucaire. Im regionalen Käseblatt lese ich: „Le chant des cigales unterstützt den Rhythmus des linkshändigen Kampfes mit dem Stier“. Der Toro erhält zu Beginn drei Speere von den Picadores verpasst. Das Tier stammt aus der Zucht von Antonio Lopez Gibaja. Antonio liefert für diese Eröffnungs-Corrida 6 Stiere: 590, 530, 520, 540, 585 und 575 Kilo schwere Prachtstiere. Das sind 3340 kg Fleisch für die Armen und 2 Ohren für Albertli.

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Die Woche ist noch jung und dennoch ist bereits ein Rekord geschlagen:

Vier lange Texte von mir publiziert mit Namen von anderen darunter: Zwei Vorgesetzte, ein externer Texter (!) und ein Gleichgestellter. Ich bin eigentlich eine Linienstelle und wohl einfach selber schuld. Weiss allerdings weder, was ich falsch gemacht habe, noch wie ich derlei in Zukunft vermeiden oder gar Rache üben soll.

Ganz klar benutzen wir das Wort, welches jüdische und muslimische Menschen beleidigen könnte, nicht! Ich bin sehr froh, dass wir für diese Grippe seit gestern einen newen Namen haben, welcher die Gläubigen nicht so in die Sätze bringt.
Kein Problem gibt es mit dem Schlämperlig „Schweinefleischfresser“. Das Wort darf unbedenklich weiterhin gebraucht werden. Wer sich beleidigt fühlt, ist selber schuld.

Die Wochenteilung gestern war eine einsame Sache. Weit und breit kein Herr Hirsiger, der mir im Vorbeigehen schnell die neuesten Quartiernachrichten zurief, bekränzt mit guten Wünschen und der Frage, ob ich nichts vergessen hätte. Wie viele Nuss-Schokoladetafeln er im Laufe der Jahre für mich aus der Chuttebuese gezogen hatte, weiss ich nicht. Wie ein König thronte er sonst schon vor acht Uhr morgens auf einem Plastikstuhl vor dem „Denner“, streckte seine nackten Füsse in Turnschuhen wie kleine Schiffe von sich, umgeben von anderen Alten aus dem Quartier.
Diese Leere beunruhigte mich.
Heute traf ich eine der Frauen aus diesem Rentner-Kränzchen. Herr Hirsiger sei im Spital, er hätte eine Lungenentzündug. „Kein Wunder, wenn er sommers wie winters keine Socken trägt in diesem Durchzug. Selber schuld!“, sagt sie böse-besorgt.
Eben habe ich im Spital angerufen. Ich wurde mit der Schwester auf der Intensivstation verbunden. Da ich nur die Nachbarin sei, dürfe sie mir nicht sagen, wie es dem Mann gehe. Da müsse ich schon den Sohn fragen. Aber den Gruss richte sie ihm aus.
Den Christbaumschmuck seiner verstorbenen Frau hat Herr Hirsiger uns schon vor Jahren gegeben – damit er nicht verloren gehe.

Wegen emotionaler Disregulation, nervösen Störungen u.a. bin ich auf weiteres krankgeschrieben. Nein, ich solle nicht sagen, ich hätte aufgegeben. Mir fehle bloss mein Instrumentarium, d.h., bevor ich wieder die Verantwortung für eine Kleinklassen-Oberstufe übernehme, will ich endlich meine heilpädagogische Ausbildung beenden.

Der Abschied war kurz und schmerzvoll. Die Jugendlichen konnten kaum glauben, dass ich, die immer treue und alles-ertragende Lehrerin nun tatsächlich das Feld räume. Die Spanierin erkundigte sich: „Was können wir tun, dass sie bei uns bleiben?“ Die Kosovarin kam mir zuvor: „Jetzt ist es zu spät Leute. Ihr seid selber Schuld.“ Die Türkin weinte und schenkte mir am letzten Schultag eine viel zu süsse türkische Spezialität. Die Somalierin lud mich zum Essen ein und versicherte mir, dass sie mich immer gemocht habe und ihre „Ausfälle“ nie so gemeint habe. Der Junge aus Sri Lanka vermied es, sich zu verabschieden und schwänzte die Schule.

Bevor ich die Schulzimmertür zum letzten Mal abschloss, bat mich mein Stellenpartner: „Bleib doch da, jetzt haben wir alles so gut aufgegleist.“

Gesund ist viel besser als geburn-outet Mann.

Nach dem Umweg über ein ebenerdig gelegenes Geschäft, das nach dem Umbau aussah wie eine Kreuzung zwischen Sennhütte und Kraal, werde ich heute späte Kundin eines Ladens, der sich ein paar Schritte von der Tramhaltestelle entfernt befindet. Auch hier ist renoviert worden. Weil meine Fachfrau noch einen italienischen Anruf entgegen nehmen muss, habe ich Zeit, mich umzusehen. Obwohl in den Räumen jetzt Brillen verkauft werden, kommen bei mir Kindheitserinnerungen auf, als man hier feinste Mercerie, Stoffe, Spitzen, elegante Handschuhe und Strümpfe angeboten bekam. Nicht nur die Knöpfe wurden in Paris eingekauft. Der Geschäftsinhaber und seine Frau besuchten auf ihren Reisen u.a. Braque und Picasso und legten den Grundstein zu einer eindrücklichen Kunstsammlung.
Meine Optikerin entschuldigt sich für die Verzögerung, denn abgemacht waren 45 Minuten Beratung. Ich beschrieb kurz meine Brillenwünsche und schon bald bekam ich 2 Platten mit Fassungen vorgelegt – jugendlich, modisch und in verschiedenen Farben. Wie hier schon mal geschrieben, wollte ich nichts Rotes und wähle dann eine von Carolina Herrera – in Rot.
In den nächsten zwei Stunden lasse ich mir auch eine schlichte Sonnenbrille mit sehr guten Gläsern anpassen. Inzwischen weiss ich schon einiges über das Leben meiner Optikerin. Noch zwei weitere Stunden und wir wären beste Freundinnen. Allerdings muss ich wegen Lieferschwierigkeiten noch auf die Brillen warten. Ein Frachtschiff namens „Ever Given“ sei aufgehalten worden und man habe noch nicht alle Container entladen und deren Waren aufdröseln können.

Es sei wieder mal Zeit für einen Familienausflug, meinten die Jungen im Mai. „Wie wär’s mit Ballenberg? Da gibt’s für Jede und Jeden etwas“, schlägt die Freundin meines Enkels vor. Am ersten Junisonntag sind wir dann tatsächlich im Berner Oberland – ich nicht besonders begeistert, aber keine Familienausflugsverderberin.
Bis jetzt hatte ich dieses Freilichtmuseum immer gemieden, aber schon bei der Führung durch den Kräutergarten „het’s mer dr Ermu ine gno“ – einfach zauberhaft, diese Kräuter und dazu die alten Rezepte und Geschichten.

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Heimfrass

Fräulein Sophie, Küchenzarin, Herrin über Speisekammern und viele kleine Helferlein. Hier mit Salatkorb, Gschwellti-Zaine und Gnagi-Platte. (Alle Fotos: H.P. Hoffmann)

Wenn wieder einmal jemand nicht Schuld sein will, erinnere ich mich an meine Zeit als junge Heimerzieherin (!) in einem Bernischen Knabenerziehungsheim anfangs der 60er Jahre. Oberster Herr war der „Vater“, stets untertänigst umwuselt von einer ahnungslosen „Mutter“. In ihrer Führungsarbeit wurden die beiden von langjährigen treuen Mitarberinnen, alles alte „Fräulein“ und Meisterinnen im Ausdenken von perfiden Strafen, unterstützt. Junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatten neben ihnen einen schweren Stand, ausser man wurde selber „schwererziehbar“, dann liessen sie einen widerwillig in Ruhe.
Ab und zu gab es einen Lehrer in der Heimschule, der sich dafür einsetzte, dass die Buben gerne lernten und auch Spass dabei haben durften. Der Unterricht war das Leichteste im Leben eines Heimkindes, gab es doch jeden Tag die Arbeitsverteilung, die Jüngeren und Schwächlichen zu Hausarbeiten in Garten, Küche und Waschküche, die Älteren zur Arbeit in den Ställen und auf dem Feld.
Nie erhielten die Buben Besuch. Es war noch die Zeit, als man dachte, sie würden im Heim bessere Menschen ohne Kontakt zu Eltern und Verwandten.
Es fiel mir schwer, das Knabenheim für einen Auslandaufenthalt zu verlassen. Ich habe keine Ahnung, was aus diesen Jungen geworden ist.

Nur einmal in einem Winter vor vielen Jahren, als ich in einer Buchhandlung arbeitete, betrat ein seltsamer Vogel den Laden und setzte sich neben den warmen Ofen. Aus wässerig blauen Augen sah er mich an und lächelte, als würde er mich kennen. Er war barfuss, die Hosenröhren hatte er mit braunem Band an die Beine geklebt. Auch um seine blonden Haare hatte er Klebeband gewickelt. Es sah aus wie eine Dornenkrone. Nach einer Weile stand er wortlos auf, lächelte, hob seinen Papierbecher zum Gruss und ging von dannen.
Ich bin sicher, dass es Christian gewesen ist, der Junge auf dem letzten Foto.

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Noch drei Wochen und mein erstes Jahr Ruhestand ist vorbei. Es verging – wie alle Jahre nach dreissig – wie im Fluge. Dass ich mindestens vier Jahre lang immer wieder gefragt wurde: „Und, was hast du nach deiner Pensionierung vor?“ ist meine Schuld, schob ich doch diesen Knick immer wieder hinaus. Meine Antworten blieben deshalb vage, so dass man mir u.a. ein Seminar zur Vorbereitung auf das Pensionsalter empfahl (ich verpasste den Anmeldetermin um Monate), mir das Reisen im Alter in den schönsten Farben schilderte (Rhododendronpark im Ammerland soll zauberhaft sein), das Wandern durch unberührte Juraschluchten zu Geheimtipp-Beizen schmackhaft machen wollte (sportlicher Arbeitskollege, der sich für die Schweizer Wanderwege frühpensionieren liess). So schöön seis, auszuschlafen, gemütlich zu zmörgelen, zu lesen, zu handarbeiten, am Montag ins Kino zu gehen (günstiger Montagstarif), zu käfelen, dazu zu plöiderlen, nur noch für sich zu kömerlen, kurz gesagt, pensioniert zu sein bedeute in der heutigen Zeit nicht, mit einem Fuss im Grab zu stehen, nein, es sei ein völlig neuer Lebensabschnitt, der noch laange genossen (Gniess es!) werden könne.
Tatsächlich: planlos und schon beinahe siebzig, habe ich das Jahr überstanden und mir dabei nur eines gewünscht: ab und zu ein bisschen Langeweile.
Klar werde ich fast jeden Tag gefragt, was ich so machte (miech) mit der vielen Zeit, die man selber auch gerne hätte und auf die man sich schon heute freue. Meine Antworten sind dann auch wieder vage, geben nicht viel her. Es wird Zeit, dass ich in einer ruhigen Minute endlich einmal offen und ehrlich in mich gehe: Was tue ich eigentlich?

Zum zweiten Mal in den vergangenen Tagen werde ich von einem Kundenberater „meines“ Netzbetreibers angerufen. Auch heute meldet sich der Mann nur mit dem Firmennamen. Die Verbindung ist schlecht.
(An dieser Stelle habe ich schon vor Jahren geschrieben, dass man bei einem solchen Anbieter besser nicht ins Senkloch fallen sollte.)
Ich: „Entschuldigung, ich habe Ihren Namen nicht verstanden. Sind sie Herr Andres?“
Mr. Sun: „Nein, ganz …. nicht!!“
Ich: „Ich verstehe Sie sehr schlecht.“
Mr. Sun: „…. Sie sehrg…“
Ich: „Laut vorliegendem Vertrag kann ich mein Abo auf Ende des Monats kündigen.“ (Ich lese entsprechenden § 8 vor.)
Mr. Sun: „Benutz…Sienie….Intern….? ….brauch….uns?“

Den Gesprächsfetzen entnehme ich, dass mein Vertrag noch ein Jahr weiter läuft und ich, falls ich auf einer Kündigung bestehe, Fr. 250.- Busse zu zahlen habe.
Wahrscheinlich habe ich eine ganz grüne Nuss am Draht, und das Gespräch wird erst noch aufgezeichnet.
Kein Problem, ich bringe das Band schon voll. Sicher wird es zu Lehrzwecken unbrauchbar sein, denn das Gähnen am anderen Ende ist unüberhörbar.
Heiser entschuldige ich mich bei mir selber, dass ich diese Strapazen des Anbieterwechsels nicht schon vor Jahren auf mich genommen habe.

Und nun noch etwas Erfreuliches zum Tage:
Nachdem ich 2010 literaturpreismässig lange allein auf weiter Flur richtig getippt hatte, erreichte mich heute die gute Nachricht, dass mein Favorit, der Regenwurm, zum Tier des Jahres 2011 gewählt wurde.

Die Tamilin neben mir las und hustete. Sie war mit einem Znüüni-Säcklein (Weggli und Capri-Sonne und Chips) eingestiegen, welches sie offenbar ihrem kleinen Sohn mitgeben wollte. Dieser gehörte zu einer Unterstufenklasse auf dem Maibummel, welche hinten im Bus Radau machte.

Nach und nach wurde der Husten zur Atemnot und sie sah mich immer wieder mit grossen, blutunterlaufenen Augen an, in denen ich nicht lesen konnte ob sie Hilfe suchte oder um Entschuldigung bat. Ich riet mit einigen Gesten und selber ziemlich hilflos, etwas zu trinken und das Halstuch zu lockern. Sie tat es und riss hustend den Strohhalm von der Capri-Sonne. Inzwischen hatte sie Nasenbluten bekommen und ich dirigierte meine Abwehrkräfte innerlich in Alarmstellung, bevor ich ihr meine Taschentücher reichte. Dann sah ich, dass jemand auf der anderen Seite sachte ihre Hand nahm – es war der kleine Sohn.

So begleiteten wir einander bis zur Endstation, das Nasenbluten lies nach, der Husten kaum. Als wir im Bahnhof ausstiegen, drückte die Tamilin ihrem Sohn die angefangene Caprisonne und das übrige Znüünisäcklein in die Hand, murmelte ihm etwas zu, lächelte mich gequält an und nahm immer noch wüst hustend den nächsten Bus zurück.

In letzter Zeit bin ich öfter der Meinung, dass in unsere Quartier viel mehr gute Menschen leben als in anderen Quartieren. 2nd, male findet es schon fast bedenklich. Aber ich kann ihn trösten, das sind bloss Phasen.

Zum Beispiel letzte Woche. Da hatten wir Vereinsversammlung. Die Bauführerin haben wir zum Referat eingeladen und sie ist gekommen. Ein alter Mann hat sich nach dem verletzten Arbeiter erkundigt, dessen Schreie er über den Balkon hinein gehört habe. Ja, der sei vom Spital wieder daheim, man habe Kontakt, antwortete die Bauführerin. Das Sägeblatt sei abgesprengt und ihm direkt ins Bein, aber dieses hätte gerettet werden können.

Vier Mal operiert sei er, rief die Frau aus dem Quartierkaffee, sie unterhalte sich regelmässig mit seinen Kollegen über den Fall. Es sei hart, aber nicht hoffnungslos.

Ein anderer bedankte sich bei einem Vorstandsmitglied, das in der Nacht eine riesige, neue Scheibe eigenhändig geputzt habe. Die Scheibe war im Zuge des Umbaus bei einem Durchgang eingesetzt, aber von den Monteuren mit Leimspuren und „Tapen“ hinterlassen worden. Er könne das ja versuchen, die guten Taten im Geheimen zu machen, aber verdankt werde er trotzdem. Das müsse sein.

Der Vereinspräsident teilte der Bauführerin entschlossen mit, dass ein Baubeginn um 4.30 Uhr nicht drin liege, selbst wenn es darum gehe, einen Tag Spezialkranmiete einzusparen. Bei uns seien schliesslich über 2000 Leute vom Lärm betroffen. Sie entschuldigte sich in aller Form und auch noch schriftlich. Sehr, sehr nett.

Dieses Wochenende wurde ich fast wieder von meinem Philo-Quartierismus geheilt. Gestern am Nachmittag tropfte es mir beim Staubsaugen auf den Kopf. Es regnet nun schon eine Weile und immer, wenn sich auf dem Flachdach Pfützen bilden, wird es bei uns feucht bis nass. (Bitte, bitte, bitte nicht den Witz! Ich kenne ihn, ich höre ihn seit Jahren von Nachbarn, Vermietern, Dachdeckern, Sanitärs, Malern. Danke.)

In der Nacht hörte ich bis 3.30 Uhr die Rockmusik des Oberbars und Dachbewohners. Aus den Achtzigern, nicht unerträglich, aber doch sehr laut. Wahrscheinlich bahnte sich der Ton den Weg mit dem Wasser zusammen durch sämtliche Rinnstellen. Schlafen war irgendwie schwierig.

Und heute hatten die Spanier den ganzen lieben langen Sonntag ihr Jahrestreffen. Sämtliche spanischen Klubs von Bern machen jeweils im Juni zusammen eine Fete in unserem grossen Gemeinschaftszentrum. Der leicht angetrunkene, falsche Schunkelsound ist ohrenbetäubend, die Galizier mit ihren Hüpftänzen lassen die Erde beben und die Falmencogruppen nicht minder. Ich habe dieses Fest jahrelang hautnah miterlebt, weil ich ja selber Mitglied eines spanischen Clubs war, da 3rd dort fünf Jahre lang Flamenco tanzen lernte. Wir haben sicher an die fünfzig Auftritte zu solchen Anlässen in der ganzen Schweiz absolviert.

Und heute haben wir dann darüber sinniert, ob es uns nun wehmütig stimme, den Anlass nur noch von Aussen mitzubekommen? Die schön gekeideten Flamencogruppen die Treppen hinunter steigen zu sehen, während 3rds Falmencohose ungebraucht über dem Bügel hängt und sein Hut verstaubt? 3rd fand, dass eher nein, er hätte seinen Auftritt von 17.00 Uhr ohnehin erst um 23.00 Uhr gehabt. 2nd, male hat sich aus Angst vor Gehörschaden schon immer überwinden müssen, an solchen Anlässen die Stellung zu halten. Und ich habe völlig bei meiner eigenen Integration versagt. Weder die Sprache, noch die Anlässe, noch die netten und wohlwollenden Menschen konnten mich je dazu bringen, den Klub oder eine seiner zahlreichen Veranstaltungen auch nur ein einziges Mal freiwillig zu besuchen. Ich schätzte die Flamenco-Lehrerin ausserordentlich und möchte keine der Tanzstunden für 3rd missen, aber dazu gehören? Unmöglich. Keiner meiner Anläufe hat sich gelohnt. Es brauchte mich dort schlicht und einfach nicht.

Aber das sagen die Integrations-Verweigerer immer.