Frau Kaltmamsell hat mich mit ihrem Beitrag Ein Gastarbeiter kommt an daran erinnert, dass ich vieles notiert habe, was mein Schwager uns über seine erste Zeit in der Schweiz erzählt hat. Nun dachte ich, ich publiziere mit seinem Einverständnis ein paar Teile daraus in der Adventszeit, weil Fluchtgeschichten ja da irgendwie hingehören. Die Erzählung wird nicht chronologisch sein, denn mein Schwager hat oft wieder vorne begonnen, weil er zum Beispiel in anderer Stimmung war und ihm ganz andere Dinge zur gleichen Zeitspanne eingefallen sind.

Wir kamen im Sommer 1989 von Kosovo für drei Monate in die Schweiz um Ferien zu machen. Wir lebten in der Wohnung meines Vaters an der Sternstrasse 23. Mein Vater lebte schon seit Mitte der Sechziger als Gastarbeiter hier.

Wir wollten unbedingt jeden Tag fünf Wörter Deutsch lernen. Am Abend fragten wir den Vater dann, ob alles richtig ist. Aber wie schreiben? Das wusste niemand von uns!

1990 kamen wir vier Kinder mit der Mutter dann ganz in die Schweiz. Meine Mutter konnte kein Deutsch. Mein Vater arbeitete immer den ganzen Tag. Weil die Schule aber gerade in unserer Nachbarschaft war, gingen meine Schwester und ich einfach dort hin, um uns anzumelden. Dafür haben die deutschen Wörter gereicht. Aber der Schulleiter schickte uns weiter ins Fellergut, dort war die Klasse für Fremdsprachige. Unsere ersten Kontakte zu Gleichaltrigen fanden dort statt. Es waren Kinder verschiedenster Nationen und sie waren sehr nett, auch die Klassenlehrerin war nett.

Die Schweiz war ein Paradies für mich. Diese Einkaufszentren! Die schönen Gärten. Zum ersten Mal habe ich ein Velo gesehen, mit Pneus, das fährt! Im Kosovo hatte ich nur einmal ein Velo gesehen. Aber man rutschte damit auf den Felgen den Hügel runter – ohne Bremsen.

Und eine Wohnung – für die ganze Familie! Ich hatte bis dahin gar nicht gewusst, wer mein Vater war. Und in der Wohnung hatte es ein WC, das fand ich sehr interessant, ich kannte dieses System aus dem Kosovo überhaupt nicht.

Jeweils Ende Monat hatten wir kein Geld mehr. Einmal hat uns eine Frau aus dem 6. Stock 100.—Fr. geschenkt. Sie wollte einen Spendenbeleg unterschrieben haben, aber wir waren sehr glücklich. Damit konnten wir endlich die Sachen für die Schule kaufen, die wir sonst niemals hätten bezahlen können. Wir brauchten unbedingt Farbstifte um die Verben anzufärben. Manchmal haben uns auch die Nachbarn etwas geschenkt: einen Ball oder sonst Sachen. Ich habe heute noch Kontakt zu diesen Menschen, die immer noch im Block wohnen. Heute helfe ich ihnen, denn ich bin nun Hauswart hier.