Wieder einmal sitze ich an einem Tisch mit vielen Leuten, von welchen ich nur drei kenne. Wieder stelle ich fest, dass die Paare aneinander kleben, unbedingt nebeneinander oder sich gegenüber Platz nehmen wollen und die Einzelpilze sich exgüseeischhienofrei am Rande hinsetzen. Es ist nicht so, dass ich Essen mit Unbekannten liebe, aber manchmal sind sie nicht zu vermeiden, und als Fan des Unnützen Wissens komme ich immer auf meine Rechnung.

Eines sei sicher, die Bücher über Tom Sawyer und Huckleberry Finn seien für Kinder völlig ungeeignet und eigentlich für Erwachsene geschrieben worden, verkündet Frau Berner und säbelt an ihrer Pizza. Sie muss es wissen, denn sie ist am Oberlauf des Old Man River aufgewachsen, dort wo der Fluss im Winter zufriert und Kinder und Hunde im Eis einbrechen, wie Frau Berner, als sie jung war. Und so vernehme ich als Amerika-totalst-Unkundige, dass das Wasser des Mississippi klar sei, dasjenige des Missouri hingegen braun daher fliesse. Neben den unterschiedlichen Mietzinsen der Stadt wird mir auch eine Wanderung samt Beizen und Anfahrten durch die Gorges de l’Orbe beschrieben. Ein pensionierter Religionswissenschaftler erzählt davon, wie er seine Flaschenbodenbrille los wurde und nun durch künstliche Linsen die Welt klar wie nie zuvor in seinem Leben sieht. Mit dem Grauen Star habe er im Spiegel allerdings besser ausgesehen, jetzt sei er so blass.
Anschliessend ans Essen gehts in die nahe gelegene Bibliothek.
Der Kulturverein Grünbühl hat den ortsansässigen Twain-Forscher zu einer Lesung eingeladen. Der Vereinspräsident bedauert, dass Samuel Langhorne Clemens zwei Tag zu früh starb, und deshalb nicht am 23. April zusammen mit Miguel de Cervantes, William Shakespeare und Inca Garcilaso de la Vega gefeiert werden kann.
Sämtliche Kulturbeflissenen der Vorortsgemeinde und auswärtige Freunde des Autors sind gekommen, fast zu viele für den engen Raum, in welchem es immer drückender wird, je weiter die Biographie Mark Twains fortschreitet. Um nicht einzunicken, studiere ich die Muster der handgestrickten Herrensocken, denn das Publikum besteht zum grossen Teil aus rüstigen Rentnern. Nachdem “Meine Tätigkeit als Reiseleiter”, eine Art “Joggeli-wott-ga-d’Birli-schüttle” in Amerikanisch dem Ende zu geht, mir die angekündigten Aphorismen aus Zeitmangel erspart bleiben, mache ich mich, ohne dem Weisswein und den Salzstangen zugesprochen zu haben, wieder raus aus der
“Vor-Stadt im Grünen”.