1994 – In fremden Dörfern, erzählt von L. (Jg. 1986) am 10. August 2003, gesammelt von 1st

Meine Eltern hatten sich wieder einmal getrennt. Meine drei älternen Schwestern blieben bei meinem Vater in Süleimanja. Mein kleiner Bruder und ich zogen mit der Mutter weit weg von der Stadt in ein Dorf, seinen Namen weiss ich nicht mehr, in die Nähe von Halabja. (Diese Gegend ist bekannt für ihre Mäuse und Malariamücken.)

Die Menschen dort lebten von den Kühen, dem Federvieh, den Früchten der Bäume, dem wilden Honig und dem Arrak, in welchem noch die Blättchen des süssen Kümmels schwammen.
Wir fanden ein Zimmer bei einer alten Frau, die ich „Chanm“, Madame, nannte. Um ihren Hals verlief eine hässliche Narbe. Zwei Einbrecher hatten sie einmal hinterrücks überfallen und ihr beinahe die Kehle durchgeschnitten. Einer der beiden verlor beim Überfall seinen Ausweis und so kamen die Diebe ins Gefängnis.

Meine Mutter stand immer sehr früh auf um auf dem Markt Frühstück zu kaufen. Sie war sehr schön, mit ihrer hellen Haut, den braungrünen Augen und den rosaroten Wangen. Die Männer waren verrückt nach ihr, tuschelten hinter ihrem Rücken und starrten sie an. Das machte mich sehr eifersüchtig und ich war oft wütend deswegen. Der Joghurtmann war richtig verliebt in sie und gab uns oft die Waren umsonst. Meine Mutter war ganz anders als die Dorffrauen, welche schon mit 13 Jahren Falten bekamen, mit den Hühnern zu Bett gingen und mit den Hähnen aufstanden. Bei der Arbeit rollten sie ihre Röcke hoch und zeigten ausgemergelte Beine. Diese gross gewachsenen Frauen fanden meine Mutter dumm, denn sie war nur eine kleine Lehrerin und hatte keine Ahnung vom Melken und Käsen. Dabei konnte meine Mutter Wein machen und auch ein feines Essen, das „Trchena“ genannt und auch als Wintervorrat zubereitet wird. (Ich weiss leider nicht mehr, woraus diese Trchena gemacht wird. Ich muss unbedingt meine Kusine fragen).

Plötzlich, eines Tages tauchten mein Vater und die Schwestern auf. Nun wohnte die ganze Familie in dem kleinen Zimmer. Mein Vater und die Schwestern haben sehr über die rückständigen Leute gelacht. Lachend hat mein Vater angefangen, für das ganze Dorf nützliche Sachen zu bauen: einen Tauchsieder aus einem mit Draht umwickelten Stein, damit man das Badewasser wärmen konnte, er flickte das Radio aus den 70er Jahren, fertigte aus einem Ölfass einen Ofen an auf dem man Brot backen und Fleisch braten konnte. Die Leute haben uns dafür geliebt. Wir wurden immer eingeladen und mussten nie mehr kochen. Als die Schule im Herbst wieder anfing, zogen wir nach Bakrajo, denn in Süleimanja waren die Wohnungen zu teuer.

Zum Dorf Bakrajo, das heisst „Gerstenernte“, führte nur ein schlechter Weg, welcher bei nassem Wetter schlammig wurde. Kein Bus fuhr in dieses abgelegene Dorf. Die Wohnung war billig. Die Leute wohnten mit Mäusen und Ratten zusammen, welche aus den Schränken heraussprangen, wenn man die Türen öffnete. Wir kannten fast alle Probleme der Bewohnerinnen und Bewohner und meine Mutter hat fast alle gelöst. Die Menschen von Bakrajo hatten nicht viel Ahnung von der Welt ausserhalb ihres Dorfes. Sie leben von den Sonnenblumen und ihren Kernen, vom Reis und der Gerste (Jo). Aber diese Menschen hatten ein grosses Herz und waren bekannt für ihre wunderbare Gastfreundschaft. Zu unserem Einzug haben sie uns königlich beschenkt mit allem, was sie hatten.